Obacht vor der Söder-Klappe: Christoph Sieber begeistert in Landsberg

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Zum ersten Mal in Landsberg: Kabarettist Christoph Sieber begeisterte auf Einladung der Landsberger Kleinkunstbühne im Stadttheater. © Greiner

Alles drin: Kabarettist Christoph Sieber, den die Kleinkunstbühne s‘Maximilianeum zum ersten Mal nach Landsberg locken konnte, bringt mit seiner Mischung aus Kabarett, Comedy und Musik das Publikum im Landsberger Stadttheater zum Johlen.

Landsberg – Christoph Sieber ist die eierlegende Wollmichsau. Vom sexistischen Witz über Söders Essgewohnheiten und einem performativen Ausdruckstanz bis hin zum Moral-Appell zu mehr Empathie reicht das Kabarett-Repertoire des im Kölner Exil heimischen Schwaben. Kann das gutgehen? Ja, es kann. Sieber beschert dem Publikum im Stadttheater mit dem Programm „Weitermachen!“ eine Tüte Buntes – mit Niveau und Schenkelklopfern, als selbstironischer Kämpfer für die Demokratie.

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Sieber steht vor einem Dilemma: Was soll er noch draufhauen im politischen Kabarett bei solchen Politikern? Und darf man in Bayern Söderwitze machen, ohne in der Söder klappe der Theaterbühne – mal fest auf die Bretter stampfen – zu verschwinden? „Wenn Christoph im Lech schwimmt, hat er es übertrieben“, vermutet der 55-Jährige. Das Publikum johlt schon in den ersten Sekunden. Auch über den sexistischen Witz, der nahtlos zu Wadephul und dessen ungeliebter Eigenschaft, die Wahrheit zu sagen, übergeht.

Sieber schöpft aus dem Vollen. Humor, ist er überzeugt, ist sein Mittel der Wahl, dem realen Irrsinn zu begegnen. Denn „es sind traurige, triste, dunkle Zeiten, aber besser wird‘s nicht“. Wie auch, wenn der sogenannte gesunde Menschenverstand für jedes Problem eine Lösung finden soll – als oft zitiertes Allzwecktool, dessen Hirngewebewindungen aber auch „Atombombe, E-Roller und Laubbläser“ ersonnen haben.

Das Hirn ist aber auch „eine arme Sau“, findet der im tiefsten Villingen-Schwenningen geborene Kabarettist. In dunkler Kammer wabernd beharrt es auf seinen Schubladen. Neues ist unerwünscht. Und wenn da ein Löwe in Landsberg ist, dann passt der eben nicht in die Stadtbild-Schublade (ja, auch Merz kommt nicht ungeschoren davon). Womit, quod erat demonstrandum, dieses Steinzeit-Hirn nicht in der Lage ist, die aktuellen Probleme zu lösen.

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Also zurück zum ernsten Humor. Zurück zur Kakerlake, die neun Tage ohne Kopf überleben kann und dann erst verdurstet – so ohne Mund eben. Ein positiver Effekt, der bei kopflosen Menschen nicht eintritt. Zurück zur allanwesenden Lautstärke, zu ins Handy brüllenden Menschen im Flüsterabteil der Bahn, zum Internet, in dem der Lauteste Recht behält, in Siebers Worten die „Rückkehr des Mittelalters in digitaler Form“. Zurück in eine Welt, in der „niemand mehr abspült, sondern alle nur noch fragen, warum die Teller schmutzig sind“.

Bilder sind eine der Stärken Siebers. Sei es der „Frittenhitler aus Belgien“ mit der inzwischen offenbar modernen Drei-Frettchen-Frisur als Motiv der erstarkten Rechten. Der Lehrer, übers Morsegerät gebeugt, während sich ein Schüler per Handy in seinen Herzschrittmacher einloggt, ein Bild für die Bildungsmisere. Oder die wunderbare Illustration zum allgegenwärtigen Lügen: „Rapunzel hatte kurze Haare. Und einen Schlüssel.“

Sieber setzt auf Humor - „Demokratie ist das Beste, was wir bekommen haben“

Mittenrein ins politische Kabarett bricht feiste Comedy, wenn Sieber in Figur seines schwäbelnden Bruders sich selbstironisch anraunzen darf. Wenn er als Dorfbäcker zum „lustigen Holzhackerbuam“ tänzelt, wenn er zu wagnerianisch anmutenden Klängen seinen Namen tanzt, mit dem Lied über den Fahrradkurier Helge-Schneider- und Fanny-van-Dannen-Qualitäten zeigt. Oder wenn er Boris Becker pantomimisch auf die Bühne zaubert, mit perfektionistisch eingeklemmter Zungenspitze und Beckerfaust – Sieber war nicht umsonst auf der Folkwangschule.

Damit es nicht langweilig wird, gibt es häppchenweise Moralapostel- Reden – die nicht apostolisch wirken. „Ich war selten so ratlos“, sagt Sieber. Auch für seinen Humor brauche er die Idee, dass am Ende doch noch alles irgendwie gut wird. „Aber ich glaube es nicht mehr“, angesichts dessen, dass sich Deutschland gerade überlege, es doch nochmal zu probieren mit diesem Nationalsozialismus. „Ist da Humor der richtige Weg?“

Siebert Programm heißt „Weitermachen!“ Also ja, weiterhin Witze über Politiker, über Nazis, über sich selbst als Paradebeispiel für die Spezies Mensch. Humor ist alles, was wir haben, appelliert Sieber. Oder fast alles. Denn als Unterstützung gibt es noch Solidarität, Empathie und überhaupt: das Miteinander.

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Информация на этой странице взята из источника: https://www.merkur.de/lokales/landsberg-kreisbote/obacht-vor-der-soeder-klappe-christoph-sieber-in-landsberg-94059338.html