Matthias Steiner: "Leistung muss sich wieder lohnen"

Matthias Steiner kennen viele noch aus dem Profisport. Besonders für eine Aufnahme ist der Gewichtheber weltberühmt: Als er bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 Gold holte, hielt er das Foto seiner kurz zuvor verstorbenen Frau Susann in die Kameras und widmete ihr den Sieg.

Heute findet man Steiner nicht mehr auf internationalen Gewichtheberplattformen, in der Öffentlichkeit steht er aber weiterhin. Inzwischen hat er ein Unternehmen gegründet, ist als Speaker unterwegs, hat Bücher geschrieben und eine Stiftung mitbegründet, bei der es um "mehr Freude am Leisten" geht. Ziel ist es, gerade bei Kindern den Leistungsgedanken wieder attraktiver zu machen. 

Denn Leistung, so sagt der heute 43-Jährige im Gespräch mit FOCUS online, stünde momentan in einem viel zu schlechten Licht – mit gravierenden Folgen für die ganze Gesellschaft, besonders Kinder.

Schon früh merkt Steiner: "Leistung kommt nicht immer gut an"

Wenn Steiner an Leistung denkt, führt ihn das in seine eigene Kindheit zurück. Damals sei er für andere völlig unerwartet mit seiner U10-Fußballmannschaft Bezirksmeister geworden. "Wir waren immer beim Training und haben auch im Winter Zirkeltraining gemacht. Das war nicht immer angenehm. Aber uns war klar, nur so kommen wir weiter." 

Die Mühe zahlte sich aus – als Verteidiger schoss Steiner im Endspiel den entscheidenden Siebenmeter zum zwei zu eins. Während die Kinder noch über das Tor jubelten, sei die Stimmung dann aber plötzlich gekippt: Die Eltern des gegnerischen Clubs hätten den Schiedsrichter beschimpft und attackiert. "Ja wirklich, in der U10", staunt Steiner heute noch. "Da wurde mir zum ersten mal klar: Leistung lohnt sich, kommt aber nicht immer gut an". 

Kinder- und Jugendsport: "Tore abzuschaffen ist nicht zielführend"

Dass Zehnjährige bei einem 30 zu Null teils "gefeiert werden wie in der Championsleague" sieht er zwar heute kritisch. Die Lösung sei seiner Meinung nach aber keinesfalls Tore, Tabellen oder Wertungen abzuschaffen, wie es in vielen Kinderligen mittlerweile geschehen ist. Verbände wie der Deutsche Fußballbund etwa wollen damit den Leistungsdruck minimieren und die sportliche Entwicklung der Kinder stärker in den Vordergrund rücken.

"Das ist nicht zielführend, grundsätzlich nicht für die Gesellschaft", findet Steiner. Denn die Kinder würden so nicht lernen, offen mit Gewinn und Niederlage umzugehen. Stattdessen verlagerten sich Frust und Enttäuschung nur: "Sie merken doch, ob ihre Mannschaft 30 oder keine Tore geschossen hat. Egal, ob man die Tore offiziell zählt oder nicht."

Statt Wettbewerb zu verstecken, sollte er verantwortungsvoll gestaltet werden, findet Steiner: Teams mischen, Einsatzzeiten anpassen, klare Überlegenheiten ausbalancieren.

"Diejenigen, die sich dann bemühen und Gas geben, haben ihren Sieg, und die anderen haben dann eine kleine Niederlage." Besonders im Teamspiel könne man Kindern sehr gut vermitteln, dass nicht ein Einzelner verloren hat, sondern die Mannschaft – und dass das völlig normal sei. 

Darin sieht der ehemalige Gewichtheber Parallelen zu seinem Sieg in Peking. Damals hatte er nur ein Kilogramm Vorsprung zum Zweitplatzierten. "Er hätte genauso gut Olympiasieger werden können, es sind an dem Tag einfach Dinge für mich besser gelaufen", blickt er heute zurück. Viele davon habe er gar nicht selbst in der Hand gehabt. "Deswegen ist aber der Zweite nicht gravierend schlechter, sondern einfach: Ich war an dem Tag eine Spur besser". Genau das mache einen Sieg erst interessant. 

"Mein Kind bekam eine Eins in Sport – ich halte das für falsch"

Steiner hat selbst zwei Söhne, beide gehen noch zur Schule. Eine Situation aus dem Sportunterricht sei ihm im Kopf geblieben. Die Kinder sollten eine Stange hochklettern. Diejenigen, die es geschafft hatten, bekamen am Ende dieselbe Note wie die, die es nicht geschafft hatten, berichtete Steiners Sohn, als er nach Hause kam. "Das gänzlich gleichzusetzen, halte ich für einen Fehler" sagt Steiner. Es reduziere die Leistung desjenigen Kindes, das die Aufgabe geschafft hat.

Gleichzeitig betont er: "Es geht nicht ums Bestrafen, sondern ums Motivieren". Die Lösung sieht er zum Beispiel darin, dass ein Kind eine eins, das andere eine zwei bekommt – immer noch eine gute Note. Er hält fest: "Leistung muss honoriert werden, ohne andere abzuwerten."

Insgesamt störe er sich daran, dass Gleichberechtigung oft mit Gleichschaltung gleichgesetzt werde: "Gleichberechtigung bedeutet gleiche Chancen, den Zugang haben zu allen Dingen, die mir Spaß machen und mich entwickeln können. Gleichschaltung würde bedeuten, dass alle immer das Gleiche können müssen – das ist gefährlich", sagt Steiner. 

Stattdessen sollte es mehr darum gehen, eigene Schwächen und Stärken anzuerkennen, findet der Unternehmer und Familienvater. "Das Kind, das im Sport schwächer ist, ist keine Pfeife. Es hat andere Talente: Kunst, Musik, Mathe, Sprache." Aufgabe von Eltern, Trainern und Lehrkräften sei es, diese zu erkennen und zu fördern.

Die Gleichschaltung berge laut Steiner noch eine weitere Gefahr: "Wir werden die Menschen, die wirklich die Leistungsträger sind, so dermaßen demotivieren, dass wir alle keinen Spaß mehr haben". Leistung müsse sich wieder lohnen. 

Seine Kritik am Leistungsgedanken bezieht sich aber nicht nur auf den Kinder- und Jugendsport. Er sieht ein gesamtgesellschaftliches Problem. Zu häufig kreiere man heutzutage Erfolge, ohne dass wirklich eine große Leistung dahinter steckt – etwa in den sozialen Medien. Das erwecke eine falsche Erwartungshaltung: "Ich kann nicht in Watte gepackt jeden Tag aus dem Haus gehen, möglichst keinen Schweißtropfen vergießen und morgen habe ich einen Lamborghini in der Garage stehen." 

Das entspreche weder der Realität, noch sei es erstrebenswert. Denn die Resilienz, die sich durch harte Arbeit, Niederlagen und das Verlassen der Komfortzone entwickle, fehle in dem Fall – und die entwickle sich eben bereits in der Kindheit.

Das Ziel: Individuelle Stärken fördern und Leistung attraktiver machen

Die Peak-Performer-Stiftung, die "Stiftung für mehr Freude am Leisten", hat sich zum Ziel gesetzt, den Leistungsgedanken wieder attraktiver zu machen. Sie wurde von insgesamt 40 "Spitzenleistern aus Sport und Wirtschaft" gegründet, darunter neben Steiner auch Schirmherrin Magdalena Neuner und Dominik Klein.

Die Stiftung veranstaltet mehrtägige Kids Camps, in denen die Kinder den Spaß am Leisten entdecken sollen: "Dabei geht es nicht darum, den nächsten Olympiasieger oder Wirtschaftsführer zu 'züchten', sondern Kinder und Jugendliche zu befähigen, aus eigener Kraft weiterzukommen – ihnen zu zeigen, dass es Spaß macht, etwas zu leisten", schreibt die Stiftung.

Es gehe dabei laut Steiner um Bewegung und die Freude am Sport, aber auch um Ernährung, mentale Gesundheit und eine "gewisse Wertewelt, also wie man miteinander umgeht". Ziel sei es, den Kindern vor Augen zu führen, was sie aus eigener Kraft erreichen können. Das fange schon damit an, dass die Kinder Bewerbungsvideos schicken müssen, um an den Camps teilnehmen zu können. "Da erreichen uns ganz tolle und kreative Ideen, keine wie die nächste", berichtet Steiner.

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