Von der Hauptschule zur Finanzchefin: Marions Aufstieg blamiert unser Schulsystem

FOCUS online: Sie haben kürzlich bei LinkedIn einen Beitrag geteilt, der fast 300.000 Mal gelesen und tausende Male geliked worden ist. "So, jetzt ist es raus" schreiben Sie. "Ja, ich war auf der Hauptschule und jetzt bin ich Head of Finance". Was hat Sie dazu motiviert, diesen Post zu schreiben?

Marion Calic: Vor zwei Jahren habe ich mich bei LinkedIn angemeldet und mein Profil erstellt. Der berufliche Lebenslauf ist dabei ein wichtiger Punkt und spielt eine zentrale Rolle. Ich zögerte. Was sollte ich schreiben? Sollte ich überhaupt etwas schreiben? Schließlich würden dann ja alle sehen, dass ich nichts habe.

Was meinen Sie mit "nichts haben"?

Calic: Ich habe im klassischen Sinne nichts vorzuweisen. Ich komme von der Hauptschule und habe keinen anderen Schulabschluss. Keine Mittlere Reife, kein Abi. Ich habe später nie was nachgeholt, habe nicht studiert oder Ähnliches. 

Aus Frust habe ich bereits vor zwei Jahren einen Beitrag bei LinkedIn geschrieben, in dem ich meinen Werdegang skizziert habe. Ich wollte und möchte zeigen, dass Karrieren heute viel unterschiedlicher verlaufen können und dass Mut, Verantwortung und echtes Können oft wichtiger sind als der formale Weg.

Nehmen Sie uns mal mit in Ihre Kindheit und erzählen uns ein bisschen was über Ihren Background. Wie sind Sie aufgewachsen?

Calic: Ich komme aus einem ganz normalen Arbeiterhaushalt. Meine Eltern, die Großeltern – niemand war Akademiker. Doch meine Eltern hatten beide gute Jobs und haben sich bis zu einem gewissen Grad hochgearbeitet. Uns ging es nie schlecht.

Was meinen Sie mit "gute Jobs" bei den Eltern?

Calic: Mein Vater war als Verkäufer in einem Autohaus tätig und später Teamleiter. Meine Mutter hat jahrelang als Verwaltungsangestellte gearbeitet und am Ende dann als Sekretärin in einer Schule. Ich würde sagen, wir waren Mittelschicht. Und wir waren eine Familie, in der es erlaubt war, ein Individuum zu sein …

"Heute weiß ich: Faulheit ist nicht der Punkt"

Wie meinen Sie das?

Calic: Es gab keine Erwartungen, keinen Druck, was wir Kinder leisten oder mal werden sollten. Schon in der Grundschule hat sich herausgestellt, dass ich keine besonders gute Schülerin war. Doch das war kein Drama für meine Eltern. Auch später haben sie mir nie das Gefühl vermittelt: Du hast es nur auf die Hauptschule geschafft. Für mich war die Hauptschule eine ganz normale, fortführende Schule.

Wenn Sie sagen, Sie waren keine besonders gute Schülerin – was heißt das genau?

Calic: Wie meine Noten waren, weiß ich gar nicht mehr so genau. Was ich aber weiß: Ich tat mir schwer damit, mich über längere Strecken zu konzentrieren, wenn es nur um Theorie ging. Und ich konnte nicht so gut stillsitzen. 

Meine Mutter meinte immer: "Du könntest schon auch auf die Realschule gehen, aber da müsstest du mehr lernen. Und du bist halt faul …" 

Dachte sie das wirklich?

Calic: Das war eher ein Spaß. Heute weiß ich: Faulheit ist nicht der Punkt. Ich lerne eben anders – praxisbezogen, schnell, strukturiert. Das ist heute meine größte Stärke im Finance-Bereich.

"Meine Strategie war: Was auch immer die Chefin verlangt – tue es einfach"

Wie ging es nach der Hauptschule weiter?

Calic: Ich habe mich auf einige Ausbildungsplätze beworben. Unter anderem zur Bürokauffrau. Die Schule endete im Juli, die Ausbildung begann im September. Da war ich immer noch 15. Wer weiß mit 15 schon, was er mal beruflich machen will?

Was die Ausbildungsstelle anging, war ich alles andere als wählerisch. Ich habe geschaut: Was ist in der Nähe? Wo komme ich selbstständig mit der S-Bahn hin? 

Ich habe ein paar Bewerbungsschreiben abgeschickt und schon das erste oder zweite Vorstellungsgespräch ist es geworden. "Wir stellen Sie ein", der Anruf direkt am Folgetag war eine Überraschung. Meine Zusage war recht pragmatisch. Ich dachte: Dann habe ich das schon mal abgehakt und kann mich auf die Sommerferien freuen.

Haben Sie sich an Ihrem Ausbildungsplatz wohlgefühlt?

Calic: Erst mal überhaupt nicht. Zu Beginn kam ich in die Telefonzentrale. Es war der Horror. Ich musste aufgebrachte Kunden beruhigen und wusste nicht, wie. Dann habe ich erfahren, dass in der Buchhaltung eine Kollegin länger ausfällt und dass ihr Job von Azubis übernommen werden soll. Zwei Azubis wurden in die Abteilung geschickt, doch sie kamen beide nach ein oder zwei Tagen wieder zurück. Die Chefin hatte einen sehr strengen Ruf. 

Dann wurde ich als Nächstes hingeschickt. Ich hatte Respekt. Meine Strategie war: Was auch immer sie verlangt – tue es einfach. Hauptsache, ich musste nicht zurück ans Telefon!

"Meine Devise: nicht lange fackeln, direkt loslegen"

Tu es einfach – hat das funktioniert?

Calic: Tatsächlich, ja. Was ich vorfand, war ein völlig überfüllter Schreibtisch. Meterhohe Stapel von Akten. Die sollten nach einem bestimmten System sortiert und abgelegt werden. Ich habe dieses System sofort verstanden. Das war komplett logisch für mich. Meine Devise: nicht lange fackeln, direkt loslegen. Ich wollte, dass meine Vorgesetzte schnell Ergebnisse sieht und dass ich nicht zurück an die Telefonzentrale muss.

Haben Sie von der Chefin ein Feedback für Ihren Einsatz bekommen?

Calic: Erst mal nicht. Die ersten Wochen haben wir gar nicht miteinander gesprochen. Aber immerhin wurde ich nicht wieder weggeschickt. Irgendwann wurde der Stapel weniger, die Routine wurde mehr. Und dann wurde die Chefin krank und von der Zentrale kamen neue Kisten mit Unterlagen und Rechnungen, die sortiert werden sollten.

Ich hatte die Chefin beobachtet und gesehen, dass sie jeweils die Rechnungsnummer und den Bruttobetrag mit einem gelben Textmarker markiert. Das machte ich jetzt einfach genauso. Als sie wiederkam und das sah, ist das Eis gebrochen. In der folgenden Zeit habe ich richtig viel von ihr gelernt.

In der folgenden Zeit – bis zum Abschluss meinen Sie?

Calic: Die Firma ist leider insolvent gegangen, daher musste ich meine Ausbildung in einer anderen Firma fertig machen. Doch auch in dem neuen Unternehmen hatte ich riesiges Glück und eine ganz tolle Ausbilderin. Ich habe meine komplette Ausbildung quasi in der Buchhaltung verbracht und war am Ende in Sachen Buchungsvorgänge perfekt gerüstet.

Eine gute Grundlage für den Start ins Berufsleben?

Calic: Absolut, doch in den Jahren darauf ist es erst mal bei Sachbearbeiter-Jobs geblieben. Vier Jahre hier, acht Jahre da. Immer in der Buchhaltung. Irgendwann habe ich gemerkt, ich würde gerne weiterkommen. Dazu kam: Mein Ex-Mann und ich hatten uns getrennt und ich war als Alleinerziehende mit zwei Kindern darauf angewiesen, besser zu verdienen. Mir schwebte ein Job im Controlling vor.

Aber daraus wurde nichts?

Calic: Nein. Auf meine Bewerbungen bekam ich nur Absagen. Das einzige Vorstellungsgespräch, das ich hatte, lief so: "Sagen Sie mal, wie kommen Sie eigentlich darauf, sich im Controlling zu bewerben? Sie haben ja gar kein Studium?" Da musste ich mir eingestehen: Das wird nichts.

"Ich habe mich für den Job entschieden, bei dem ich wachsen konnte – nicht für den mit mehr Geld"

Also Plan B?

Calic: Genau, meine neue Strategie – ich probierte es bei kleineren Unternehmen und Start-ups. Ich wusste, dass gerade Start-ups und auch der Mittelstand Menschen brauchen, die Verantwortung übernehmen, schnell lernen und Strukturen aufbauen können. Im konkreten Fall wurde jemand für die Implementierung und den Aufbau der Buchhaltung gesucht. Im Vorstellungsgespräch kamen dann auch ein paar Dinge vor, die ich so noch nie gemacht hatte. "Kein Problem", sagte ich souverän. "Ich kann das." Ich bekam den Job.

Übrigens: Einen anderen Job, bei dem ich 200 Euro mehr verdient hätte, habe ich sausen lassen. Leisten konnte ich mir das in meiner damaligen Situation eigentlich nicht. Doch ich habe mich für den Job entschieden, bei dem ich wachsen konnte – nicht für den mit mehr Geld. Rückblickend war das die beste Entscheidung.

Können beziehungsweise konnten Sie sich bei Ihrem jetzigen Arbeitgeber entwickeln?

Calic: Total. Ich habe den kompletten Finance-Bereich, die Prozesse dahinter und später auch ein ganzes Team dazu aufgebaut.

Das klingt sehr zufrieden.

Calic: Ja das bin ich auch! Und doch werde ich Ende Februar 2026, nach zwölf Jahren, gehen. Ich will rausfinden, was noch für mich drin ist. Mein Traum wäre ein Job im Top-Management. Nicht wegen des Titels, sondern weil ich weiß, was ich bewegen und schaffen kann. Schauen wir mal.

"KI-gestützte Systeme sortieren oft genau die Menschen aus, die Unternehmen heute bräuchten"

Das wiederum klingt ein wenig zögerlich. Stimmt´s?

Calic: Einerseits schon ein bisschen. Bei klassischen Jobbörsen brauche ich mich gar nicht erst zu bewerben. Vieles im Bereich Personal ist inzwischen KI-getrieben und wird entsprechend gefiltert. Das Problem: KI-gestützte Systeme sortieren oft genau die Menschen aus, die Unternehmen heute bräuchten. Die wirklich anpacken, Verantwortung übernehmen und Umbrüche navigieren.

Einerseits sind Sie zögerlich… und andererseits?

Calic: Ich habe mir auch dieses Mal wieder eine Strategie überlegt. Ich weiß, was ich kann. Wir brauchen Menschen mit Lösungskompetenzen. Das sind Fähigkeiten, die man nicht studiert, sondern lebt. 

Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern?

Calic: Der Blick auf berufliche Werdegänge insgesamt. Die Zeiten haben sich geändert. Immer mehr Menschen arbeiten heute in Bereichen, die mit dem, was sie mal gelernt haben, überhaupt nichts mehr zu tun haben oder sich in kürzester Zeit komplett verändert haben. 

Die Halbwertszeit von Wissen wird immer kürzer. Die Bereitschaft, offen zu sein, sich Dinge selbst beizubringen und sich weiterzubilden wird immer größer. Übrigens, auch das Schulsystem sollte dringend darauf reagieren.

"Wir brauchen heute Menschen mit verschiedensten Lern- und Denkstilen"

Sehen Sie das nicht?

Calic: Nein, überhaupt nicht. Da läuft noch alles sehr in alten Mustern und auch ein großer Teil der Gesellschaft denkt in diesen Mustern. Nehmen Sie meinen Sohn, der hat im letzten Jahr die Schule gewechselt. Runter von der Realschule, rein in die Mittelschule. Also in die Hauptschule, wenn Sie so wollen. Viele sehen das als Abstieg. Ich überhaupt nicht. Unser Schulsystem ist stark darin, Theorie zu vermitteln aber schwach darin, unterschiedliche Stärken zu erkennen. Menschen sind nun mal verschieden.

In ihrer Art zu lernen, meinen Sie?

Calic: Genau. Meine Tochter geht aufs Gymnasium. Meine Tochter kann gut und lange zuhören. Sie hört einen halbstündigen Vortrag und am Ende weiß sie immer noch den ersten Satz. Sie ist genau der Lerntyp, den unser Schulsystem braucht.

Mein Sohn und ich nicht. Wir sind eher die, die sich etwas selbst erarbeiten wollen und, die den Praxisbezug brauchen. Ich bin überzeugt: Wir brauchen heute Menschen mit verschiedensten Lern- und Denkstilen. Und: Wenn diese Unterschiede mehr gesehen würden, täten wir uns einen großen Gefallen. Menschlich, unternehmerisch, wirtschaftlich.