Eine Alleinerziehende soll über 800 Euro Stromnachzahlung leisten – auf einen Schlag. Eon droht mit Abschaltung. Es ist kein Einzelfall. Der Versorger äußert sich.
Untertags läuft nur der Kühlschrank in ihrer Wohnung. Dann ist die Mutter selbst in der Arbeit und ihre Kinder sind in der Schule. „Ich kann es mir nicht erklären, warum ich so viel nachzahlen soll“, sagt Marie H. (Name geändert). Ihr Stromversorger, Eon, möchte Geld von der Alleinerziehenden, 829,45 Euro, um genau zu sein. Den Rückstand für den Strom kann die 42-Jährige, die in Teilzeit arbeitet, nicht zahlen. Zumindest nicht auf einen Schlag. Deshalb fragte sie bei Eon an, in welchen Raten sie die ausstehende Summe abstottern darf. Seit sie die Antwort erhalten hat, macht sie sich Sorgen.
„Ein bisschen mehr Verständnis erwartet“
Auch wenn der Stromversorger sagt: „Eine solche Situation lässt uns nicht kalt“, ist seine Rückmeldung unmissverständlich: Innerhalb einer Woche müsse die Frau den gesamten Betrag zahlen, sonst knipst der Versorger ihr das Licht aus. Nicht einmal ein Aufschub um eine Woche – dann hat die Frau nämlich sicher ihr Monatsgehalt auf dem Konto – gewährte Eon ihr. Das Schreiben liegt unserer Redaktion vor. „Ich finde das dreist“, sagt die 42-Jährige. „Bei so einer Wucherrechnung“ hätte sie ein bisschen mehr Verständnis erwartet. Und sie ist damit nicht allein. Bei Ines Lobenstein meldeten sich viele Menschen wie Marie H. „Wir haben im Moment ständig solche Fälle: Die Leute müssen so hohe Stromnachzahlungen schultern und wissen nicht, wie sie das schaffen sollen“, sagt die Caritas-Mitarbeiterin. Denn bei Lobenstein meldet sich kein Gutverdiener. „Das sind Menschen, die eh schon nicht viel haben. Es trifft immer die Ärmsten.“ Viele von ihnen hätten Angst. „Die müssen sich um ihre Familien kümmern und hören, dass nächste Woche der Strom abgestellt wird.“ In manchen Fällen kann Lobenstein vermitteln. Meist bleiben die Stromversorger jedoch hart.
Marie H. kennt das. Bereits im vergangenen Jahr hatte Eon ihr den Vertrag gekündigt. Schon damals ging es um Nachzahlungen, denen sie nicht auf einmal nachkommen konnte. „Das machen die jedes Jahr so“, sagt sie. Deshalb achtet sie darauf, dass sie in ihrer vor wenigen Jahren sanierten Mietwohnung der Baugenossenschaft nicht zu viel Strom verbraucht. „Ich weiß wirklich nicht, wo diese hohe Summe herkommt.“ Einige ihrer Nachbarn rätseln ebenfalls.
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Unsere Zeitung wollte von Eon wissen, was es mit dem konkreten Fall auf sich hat und warum das Unternehmen so vorgeht. Marie H. hat allerdings keine Einverständniserklärung unterzeichnet, dass die Pressestelle zu dem Einzelfall recherchieren darf. Deshalb kann der Eon-Sprecher nur allgemeine Antworten geben. Es gebe im Unternehmen ein „spezielles Team“, das mit Jobcentern und Wohlfahrtsverbänden zusammenarbeite. „Unser Ziel ist es, immer für unsere Kundinnen und Kunden da zu sein – auch und gerade in herausfordernden Situationen.“ Deshalb biete Eon „selbstverständlich“ auch Ratenzahlungen an. Außer, es sprechen gewichtige Gründe dagegen. Zum Beispiel? „Wenn eine vorherige Vereinbarung nicht erfüllt wurde“, lehnt der Versorger manchmal ab. „Konkrete Aussagen sind aber ohne Kundendetails nicht möglich“, so der Eon-Sprecher: „Wir streben immer nach einer gemeinsamen Lösung, zur Androhung einer Sperrung soll es möglichst gar nicht kommen.“
Lobenstein bewertet den Einzelfall nicht. Die Caritas-Mitarbeiterin weiß jedoch aus den jährlichen Nachzahlungs-Problemen, dass das Stromsparen in Haushalten, in denen das Geld knapp ist, oft schwerfällt. „Diese Menschen haben zu Hause häufig ältere Geräte aus zweiter Hand.“ Das ist dann zwar in der Anschaffung günstiger als ein hochmodernes Haushaltsgerät, „der Stromverbrauch ist aber viel höher“. A-Effizienz-Standards finde sie ausgerechnet in den Haushalten nicht, die sie am dringendsten bräuchten.
Eon kann kein Warnsystem einführen
Wie es zu der hohen Nachzahlung kommt, kann der Eon-Sprecher nicht pauschal beantworten. Die monatlichen Abschlagszahlungen beruhen auf den Angaben der Kunden beim Vertragsabschluss. Das Unternehmen bietet aber diverse Möglichkeiten an, zu prüfen, ob diese Monatsraten tatsächlich ausreichen.
Eon selbst könne kein Warnsystem einführen: Bei den meisten Kunden habe das Unternehmen „keinen aktuellen Überblick über die Verbräuche, sondern wir erfahren diese erst, wenn Zählerstände gemeldet werden“.