Irres Verhalten: Krähe aus Asylbewerberheim muss in eine Spezial-Anstalt

  1. Startseite
  2. Lokales
  3. Fürstenfeldbruck
  4. Fürstenfeldbruck

Kommentare

Keinerlei Scheu: Die Krähe sitzt auf der Schulter von Uwe Temper. © Privat

Diebisch, anhänglich, aber auch aggressiv: Eine Krähe in einer Unterkunft für Asylbewerber verhielt sich völlig artfremd. Das hatte Gründe - und hat nun auch Konsequenzen.

Fürstenfeldbruck - Sie klaute Zigaretten, zerstörte Gegenstände und landete auf Schultern. Eine junge Saatkrähe hat im Ankerzentrum am Brucker Fliegerhorst für Aufregung gesorgt. Jetzt ist das Tier in einer speziellen Auffangstation. Dort soll sie „umprogrammiert“ werden – um dann wieder eine echte Krähe zu sein.

Mit Krähen kennt sich Uwe Temper bestens aus. Seit vielen Jahren zählt er im Landkreis die Exemplare der Saatkrähen. Seine Erkenntnisse übermittelt er ans Landesamt für Umwelt und meldet der Behörde die Entwicklung der Populationen. Doch was der Biologe heuer erlebt hat, war auch für ihn neu.

Im Ankerzentrum stellte die Krähe allerlei Unsinn an.
Im Ankerzentrum stellte die Krähe allerlei Unsinn an. © Privat

Es begann mit einer E-Mail Mitte August. Die Leitung des Ankerzentrums am Fliegerhorst, in dem Geflüchtete untergebracht sind, berichtete von einem „aggressiven Raben“. Als Experte für die schwarzen Federtiere wurde Temper um Rat und Hilfe gebeten. Also machte sich der Gernlindener auf den Weg nach Bruck, um sich ein eigenes Bild von dem „Raben“ zu machen.

Der entpuppte sich für den Hobby-Ornithologen schnell als Saatkrähe. Doch sein Verhalten gab Rätsel auf. „Er zeigte keinerlei Scheu vor Menschen und stellte allerlei Unsinn an“, berichtet Temper. Nichts war vor dem schlauen Vogel sicher. Manchen Bewohnern klaute er sogar Zigaretten aus dem Mund.

Doch wie konnte es so weit kommen? Temper hakte nach und fand Erstaunliches heraus. Die Krähe war als Küken aus dem Nest gefallen. Ein Bewohner des Ankerzentrums hatte sie aus Mitleid aufgenommen und in seinem Zimmer groß gezogen. Das hatte Folgen. „Durch die menschliche Aufzucht war der Vogel völlig fehlgeprägt und verlor gänzlich sein natürliches Verhalten“, so Uwe Temper.

Die außer Kontrolle geratene Krähe sorgte für mächtig Wirbel im Ankerzentrum. Es bildeten sich zwei Fraktionen. Die einen fanden den zutraulichen und frechen Vogel lustig und faszinierend. Andere, insbesondere kleinere Kinder, hatten aber Angst vor dem großen schwarzen Tier - auch weil die Krähe Menschen direkt anflog und sich auf Kopf oder Schultern setzte.

So konnte es nicht weiter gehen. Gemeinsam kamen die Beteiligten zu dem Schluss, dass die Krähe raus muss aus dem Ankerzentrum. Um sie einzufangen brauchte es aber eine Genehmigung. Denn Saatkrähen sind nach wie vor geschützt. Gemeinsam mit Bewohnern des Ankerzentrums, zu denen der Vogel Vertrauen aufgebaut hatte, und mit Leckerlis gelang es Uwe Temper und einem befreundeten Ornithologen schließlich, die Krähe einzufangen.

Für die Zeit danach gab es bereits einen Plan. Die Krähe wurde in eine Voliere der staatlichen Vogelwarte in Garmisch-Partenkirchen gebracht. Dort sollte sie „umprogrammiert“ werden – also lernen, sich artgerecht zu verhalten und in der freien Natur zu überleben. Doch wie das so ist mit einem Plan – er ging nicht auf. Der Vogel wollte einfach nicht wieder zu einer echten Krähe werden, berichtet Temper.

Doch das Tier hat noch eine Chance bekommen. Mittlerweile befindet sich die Krähe in einer Spezialpflegestation in Unterfranken. Dort soll sie von einer anderen Krähe lernen, sich natürlich zu verhalten. Ob das klappt, ist ungewiss. Uwe Temper aber ist zuversichtlich. Läuft alles glatt, soll das Tier in einer Kolonie ausgewildert werden – um dann das Leben einer echten Krähe in Freiheit zu leben.