Gnadenlose Ganoven: Mann verliert wegen Online-Abzocke 300.000 Euro

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Alle Alarmglocken überhört: Ein Mann aus dem Landkreis verlor 300 000 Euro an Betrüger. Die Kriminellen arbeiteten mit den beiden Onlineplattformen crypto.com und AnyDesk. © zim

Ein Mann aus dem Landkreis Dachau ist auf Betrüger hereingefallen. Er schlug alle Warnungen in den Wind, weil er glaubte, einen satten Gewinn zu machen. Er machte Verlust: 300 000 Euro!

Dachau - Gier ist ein maßloses Verlangen, das im Gehirn von einem Belohnungssystem angetrieben wird, wenn ein Profit erwartet wird. Johann Meier (Name geändert) aus dem Landkreis Dachau war gierig. Gnadenlose Ganoven zogen ihn über den Tisch. Ihr Versprechen: satte Gewinne aus Devisen-, Aktien-, Rohstoff- und Kryptogeschäften. Als im Gehirn des Familienvaters die Vernunft über die Gier siegte, war er um 300 000 Euro ärmer.

Eine der aktuell häufigsten Betrugsmaschen

Der Mann aus dem Landkreis Dachau, der 300 000 Euro verlor, wurde Opfer einer der aktuell häufigsten Betrugsmaschen, dem sogenannten „Social Engineering“. Auf Deutsch: eine Beeinflussung mit dem Ziel, den Angesprochenen zum Beispiel zur Preisgabe von vertraulichen Infos, zum Kauf eines Produktes oder zur Freigabe von Finanzmitteln zu bewegen. „Solche Betrugsmaschen gibt es derzeit 1000-fach“, sagt Sascha Straub, Referatsleiter Finanzdienstleistungen der Verbraucherzentrale Bayern. Das Opfer installierte die App „AnyDesk“, die Fremden den Zugriff auf Handy oder Konten erlaubt. „Das“, so Straub, „ist nie seriös“. Wenn das Opfer zudem Kredite aufnimmt, um noch mehr Geld in dubiose Geschäfte zu pumpen, „ist das der wirtschaftliche Totalschaden“, so Straub. Das Geld wurde in Echtzeit auf ein maltesisches Konto überwiesen. Sehr wahrscheinlich wurde dieses sofort geschlossen, nachdem die Täter die Summe weiter überwiesen hatten.

Es war im August, als auf Meiers Facebook-Account eine Werbung aufploppte. Eine „Trade Germany Group“ pries darin ihr „Online-Handelsprojekt“. Meier klickte auf einen Link, weil er seine „Rente etwas aufbessern“ wollte. Bald hatten die Halunken ihn am Haken. Die Kommunikation verlief ausschließlich über WhatsApp. Den Dachauer Nachrichten liegt ein Teil der Verläufe vor.

Schnell hatte der Interessent die „persönliche Account-Managerin“ Lisa Stark sowie den „persönlichen Fachmann“ Matthias Schnürr an seiner Seite. Schnürr bezeichnete sich in lausigem Englisch als „Monymaker“. Stark erklärte: „Es handelt sich um ein Computerprogramm, das auf der Plattform installiert ist und mit Ihrem Konto an der Börse arbeitet. Der Roboter erledigt alles automatisch, ohne Ihr Zutun.“ Keine Erfahrung mit sowas? Kein Problem. „Sie arbeiten nicht allein, sondern mit einem vollautomatischen Handelsroboter“, versicherte Stark.

Betrügern vertraut: 300.000 Euro verloren

Zweifel an dem „Online-Handelsprojekt?“ Bedenken, einen Roboter zum Partner zu haben? Meier hatte beides nicht. Stattdessen richtete er einen Online-Zugang für sein Girokonto bei der VR-Bank ein und überredete seine Tochter, als stille Teilhaberin mitzumachen. Dann lud er drei Apps herunter: eine für ein Handelskonto sowie die Anwendungen crypto.com und AnyDesk. Mit letzterer gestattete er den Gangstern, auf sein Handy und seine Konten zuzugreifen. Auch die Tochter erlaubte den Zugriff auf ihr Konto bei der Hypovereinsbank via AnyDesk. Spätestens jetzt hätten bei Vater und Tochter alle Alarmglocken schrillen müssen. Doch Johann Meier glaubte nur das Klingeln von Geld in seinem Portemonnaie zu hören.

Gnadenlose Ganoven: Mann verliert 300.000 Euro

Es fing harmlos an. Er solle mit 250 Euro einsteigen. Meier überwies den Betrag online. Bald flossen „Gewinne“ zwischen 9 und 49 Euro. Meier wurde gefragt: Möchten Sie mehr Geld einsetzen? Er wollte. Zuerst 1000 Euro, dann 2500 Euro. Der Profit diesmal: 338 Euro.

„Dann“, so der Familienvater“, „ging die Gaudi richtig los“. Plötzlich wollte die Group, dass ihr Kunde zwei Darlehen aufnimmt, um mehr investieren zu können. Schließlich wolle man „gemeinsam großartige Handelsergebnisse erzielen“, so „Monymaker“ Schnürr. Meier verschaffte sich 28 000 Euro von der Santander Consumer Bank sowie 37 000 Euro von der Targobank. Zudem gestattete er den Kriminellen, einen großen Teil des Geldes aus dem Verkauf einer geerbten Wohnung verwenden zu dürfen. „Ich bin permanent von meiner Familie gewarnt worden“, sagt Meier. Die VR-Bank und die Hypo-Bank meldeten Bedenken an. „Ich habe zu allen immer gesagt: Das passt schon!“

Mann fällt auf Online-Abzocke rein

Es begann ein wochenlanges, wildes Hin- und Hergeschiebe von Geld zwischen den Girokonten und dem Handelskonto. Johann Meier konnte nicht nachvollziehen, ob er Gewinne machte. Oder Verluste. Immer wieder bat er um Aufklärung und bekam Antworten wie „Wir warten Antwort von Finanzeabteilung“ oder „In diesem Fall warten wir, bis das Geld gutgeschriben wurde“. Das Deutsch war dabei so falsch wie der Inhalt der Nachrichten.

Abzocke: Betrüger räumten das Konto leer

Als Meier am 27. Oktober ein weiteres Mal schrieb: „Ich warte auf eine Antwort!!!“, meldete sich „Monymaker“ Schnürr nur eine Minute später: „Ich bin bereits auf dem Weg zum Flughafen. Meine Kollegen werden sich mit Ihnen in Verbindung setzen und Sie über alles informieren. Bitte unternehmen Sie heute nichts.“

Am 28. Oktober „war Finale“, wie Johann Meier verbittert sagt. Die Schurken räumten an diesem Tag das Handelskonto und die beiden Girokonten leer und transferierten die insgesamt 300 000 Euro auf ein Konto auf der Insel Malta. Die Chancen, dass Meier und seine Tochter davon je etwas wiedersehen, seien „sehr gering“, sagt Sascha Straub von der Verbraucherzentrale Bayern (siehe Kasten). Was bleibt, sind Wut und Verzweiflung. Und die beiden Kredite. Die muss Familienvater Johann Meier weiter abbezahlen.

Immer mehr Menschen werden Opfer von Betrügern. Eine weitere Masche: der Schockanruf.