Mit Hirntumor im Hospiz: Ganz Unterhaching nimmt Anteil an Ollis Schicksal

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Seinen Humor hat er nie verloren, auch wenn er weiß, „jeder Tag könnte der letzte sein“: Olli Fritzsche (56) aus Unterhaching auf seinem Balkon im Hospiz in Germering. © Martin Becker

Olli Fritzsche (56) ist so was wie ein Unterhachinger Original. Doch dann die Schockdiagnose: unheilbarer Hirntumor. Wie viel Zeit ihm noch bleibt, weiß er nicht. Seine Unterhachinger Freunde stehen ihm auf berührende Weise zur Seite.

Zu den fast täglichen Ritualen von Olli Fritzsche gehört der virtuelle Gruß nach Unterhaching. Der dann zigfach zurückkommt mit Likes und Kommentaren. Per Facebook, auf seiner persönlichen Seite oder in der Gruppe „Unterhachinger Dorfgeflüster“. Meist garniert er seine Beiträge mit einem Cartoon der Comicserie „Die Peanuts“, auch sein Titelbild hat der Unterhachinger so gewählt: Snoopy steht mit zwei Herz-Luftballons vor dem traurigen Charlie Brown, tröstet ihn mit den Worten, „am Ende wird alles wieder gut, und wenn es nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende. Vertraue!“ Dies ist die Art, wie Olli Fritzsche mit seiner Heimat Unterhaching kommuniziert, denn dorthin kommt er nur noch selten. Weil er unheilbar krank in einem Rollstuhl sitzt, 25 Kilometer entfernt im Hospiz in Germering. Dort hat der Münchner Merkur den 56-Jährigen besucht.

Medizinisch gibt es keine Optionen mehr

Es ist ein sonniger Herbstnachmittag, Ende Oktober. Olli Fritzsche sitzt auf seinem Balkon im ersten Stockwerk, zieht an einer Zigarette und lässt den Blick über den Außenbereich vom Hospiz schweifen. „Seit dem 5. August bin ich hier“, sagt er mit leiser Stimme. Zuvor hatten die Ärzte im Klinikum Großhadern versucht, seinen Hirntumor in den Griff zu bekommen. Vergeblich. „So groß ist er“, mit Daumen und Zeigefinger formt er einen Kreis. „Die Ärzte hatten mir eröffnet, dass ich austherapiert bin.“ Medizinisch also gibt es keine Optionen mehr, Olli Fritzsche wurde zunächst auf die Palliativstation in Großhadern verlegt und dann nach Germering ins Hospiz.

Große Anteilnahme über Facebook

Der Unterhachinger stellt sich seinem Schicksal, an dem Unzählige über die Dorfgeflüster-Facebookgruppe Anteil nehmen, mit bemerkenswerter Gelassenheit. „Ich seh das Ganze recht entspannt“, sagt Olli Fritzsche und formuliert mit dem ihm eigenen, feinsinnigen und bisweilen etwas düsteren Humor Sätze wie diese: „Lieber ein Schrecken mit Ende als ein Ende ohne Ende.“ Oder, noch so ein Satz: „Jeder Tag, an dem man keinen Zettel an den Zehen hat, ist ein guter Tag.“ Denn er ist sich bewusst, „jeder Tag könnte der letzte sein, niemand kann dir sagen, wann es vorbei ist“.

Eins seiner Markenzeichen ist die rote Kappe. Die trägt er jetzt, beim Besuch im Hospiz, und die trug er auch, als wir uns zuvor letztmals gesehen hatten. Ein paar Jahre ist das schon her, es war beim Unterhachinger Bürgerfest, auf den Außenbänken nahe der kleinen Kapelle. „Ein schönes Platzerl hast du dir da ausgesucht“, sagte Olli Fritzsche damals. Heute erinnert er sich noch genau an diesen Moment – und entschuldigt sich, „dass ich so kurz angebunden war, ich musste zu einer Verabredung“.

Seine Beine kann er kaum noch bewegen, aber geistig ist der 56-Jährige topfit. Kommunalpolitik, Sport, Ortsentwicklung – bis ins kleinste Detail verfolgt Olli Fritzsche über die Presse, was in Unterhaching passiert. Und alles andere erzählt ihm seine Mutter (79), selbst schwer krank, die jeden Donnerstag mit dem Taxi von Unterhaching nach Germering ins Hospiz fährt; sein Vater starb schon vor Jahren, an einem Hirntumor.

Aufmunternde Collage, die Freundinnen aus Unterhaching für Olli Fritzsche gebastelt haben.
Aufmunternde Collage, die Freundinnen aus Unterhaching für Olli Fritzsche gebastelt haben. © Martin Becker

Fotocollage mit Unterhaching-Motiven

Die Heimatliebe zu Unterhaching ist keine Einbahnstraße. Denn dort, wo er nach der Kindheit in Taufkirchen seit 2009 lebte, kennen viele bis heute „ihren Olli“. Der arbeitete einst in der IT-Branche, im Vertrieb bei Computer2000 und TechData. Eine Saison lang mischte er bei der Unterhachinger Faschingsgesellschaft Gleisenia mit. Das Wechselspiel mit Smileys, Likes und aufmunternden Kommentaren in der Dorfgeflüster-Facebookgruppe hat mittlerweile Kultcharakter. Ein Hin und Her, das tägliche Ritual – doch es bleibt nicht beim Virtuellen: Auf die Initiative von Martina Priller (die Leberkässemmeln aus deren Metzgerei mag Olli Fritzsche besonders gern) bastelten mehrere „Dorf㈠flüsterinnen“ eine Fotocollage mit Unterhaching-Motiven, die wiederum Martina Jungkunz persönlich überbrachte. „Ihr Verrückten“, postete Olli Fritzsche, als er dieses Geschenk am 14. August im Hospiz aufhängte.

 Lieber ein Schrecken mit Ende als ein Ende ohne Ende.

„Per Facebook grüße ich den Olli jeden Morgen, jeden Abend“, sagt Martina Priller. „Die Intention der Collage war: Wenn du nicht mehr nach Unterhaching kommen kannst, dann kommt Unterhaching zu dir.“ Die Bildmotive zeigen unter anderem den Wasserturm, die Kaffeerösterei Supremo, den Rathausplatz und den Steckerlfischstand bei der Freiwilligen Feuerwehr.

Mit Wünschewagen zum Steckerlfisch

Dieses Kulinarium, die Feuerwehr-Steckerlfische von Norbert Zepf und dessen Fischbraterei, sind ein solches Herzensanliegen von Olli Fritzsche, dass er sich im August mit dem Wünschewagen vom Hospiz eigens nach Unterhaching chauffieren ließ. Sein bis dato letzter Besuch in der Heimat, gern würde er auch mal mit dem Taxi einen Ausflug machen. „Aber“, sinniert er traurig, „das geht leider nicht, aus versicherungsrechtlichen Gründen.“

Wenn du nicht mehr nach Unterhaching kommen kannst, dann kommt Unterhaching zu dir.

Also sitzt Olli Fritzsche im Rollstuhl auf seinem Balkon in Germering – und träumt von Unterhaching. Als Mitbringsel habe ich ihm das nagelneue Heimatbuch von Werner Reindl mitgebracht. Ein Leuchten zieht über sein Gesicht, der 56-Jährige tippt mit den Fingern auf den Namen des Buchautors: „Mit der Tochter war ich zusammen in der Schule.“

Jeden Tag virtuelle Aufmunterung

Als ihn 2010 erstmals die Diagnose Hirntumor traf, warf dies Olli Fritzsche noch nicht um. Zwei Jahre später allerdings kippte er deshalb um, wurde operiert. Nicht alles Bösartige der Krankheit konnte entfernt werden, ein sogenanntes Rezidiv hat ihn nun unheilbar eingeholt. „Er gibt die Hoffnung nie auf, das bewundere ich“, sagt Gemeinderätin Julia Stifter, die ihn schon lange persönlich kennt. Und wer ihn nur indirekt kennt, muntert trotzdem auf – in einem Dorfgeflüster-Post vom 17. Oktober heißt es: „Guten Morgen Haching – wollen wir mal alle unseren Olli grüßen.“

Olli Fritzsche (56) aus Unterhaching auf seinem Balkon im Hospiz in Germering.
Über das neue Heimatbuch hat sich Olli Fritzsche besonders gefreut. © Martin Becker

Die digitale Verbundenheit mit der Heimat ist ein wichtiger emotionaler Anker im Hospiz, der persönliche Kontakt natürlich schöner. Nach meinem ein㈠einhalbstündigen Besuch gibt es einen sehr festen Händedruck, Olli Fritzsche sagt optimistisch zum Abschied: „Danke für deinen Besuch, bis zum nächsten Mal!“