Benedict Arya Gruber, Stadtrat und Mitbegründer von Fresh Moosburg, zieht Bilanz der ersten Legislaturperiode, schwärmt von der Kommunalpolitik – und zeigt sich enttäuscht von der CSU.
Moosburg – Er war im Jahr 2020 wesentlich an der Gründung der jungen Moosburger Wählergruppe Fresh beteiligt, sitzt für sie auch seit drei Jahren selbst im Stadtrat – und zieht nun weiter: Benedict Arya Gruber. Der 31-Jährige, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU München sowie freiberuflich in den Bereichen Design, Fotografie und Nutzerforschung arbeitet, hat sich in den vergangenen Jahren als Digitalisierungsreferent für ein moderneres Moosburg stark gemacht und parallel immer wieder queere Themen in den öffentlichen Diskurs gebracht. Im Interview zieht Gruber nun eine Bilanz der ersten Fresh-Legislaturperiode, spricht über seine Neuorientierung in der Parteienlandschaft – und formuliert eine Liebeserklärung an die Kommunalpolitik.
Herr Gruber, viele Parteien bringen sich gerade für die Kommunalwahl in Stellung. Bei der von Ihnen mitgegründeten Gruppe Fresh ist aber noch kein Wahlkampf erkennbar. War‘s das nach einer Legislaturperiode schon wieder?
Fresh tritt in Moosburg wieder an – und diesmal lautet der Anspruch, auch eine Kreistagsliste aufzustellen. Wir haben 2020 schon einmal einen ziemlichen Hauruck-Wahlkampf geführt. Hoffentlich wird es diesmal weniger stressig – aber es hat uns auch getaugt, nicht ein Jahr lang Wahlkampf machen zu müssen.
Sie persönlich kandidieren auch 2026 wieder für den Stadtrat – allerdings nicht mehr für Fresh in Moosburg, sondern auf Platz 22 der Grünen-Liste in München. Wie kam‘s dazu?
Auch wenn ich meinen Wohnsitz in Moosburg hatte: Mein Lebensmittelpunkt war seit meinem Studium immer zur Hälfte in München. Sei es beruflich, zum Ausgehen oder in meiner Vereinsarbeit. Ich stand 2020 schon davor, mich geografisch neu zu orientieren. Das habe ich dann noch hinausgezogen, weil ich ein bisschen mit der Kleinstadt versöhnt wurde und Lokalpatriotismus entwickelt habe. Inzwischen wohne ich in München – und nun geht es mir ähnlich wie damals mit Moosburg: Ich erkenne in der Stadt viele Chancen und Herausforderungen. Ich sehe mich jetzt befähigt, da mitzuwirken.
Welche Nachteile hat die Kleinstadt für Sie?
Ohne Moosburg schlecht reden zu wollen: In München herrscht einfach ein anderes gesellschaftliches Umfeld. Gerade in einer Zeit, in der queer-feindliche Stimmen immer mehr zunehmen.
Wir haben einen sehr konstruktiven Drive ins Gremium reinbekommen.
Was begeistert Sie so an der Stadtratsarbeit?
Das, was viele ältere Kollegen so lange im Rat hält: Das Amt macht ein bisschen süchtig (lacht). Man hat das Gefühl, die Arbeit ist in irgendeiner Art wertvoll für andere. Und es macht so viel Spaß, den eigenen Ort mitzugestalten. Das ist nichts anderes, als ein Produkt zu entwickeln, das man selbst gerne nutzt. Ich habe einen gewissen Mitwirkungsdrang entwickelt und würde auch gerne mehr Stadtrat machen als weniger, da stößt man in der Kleinstadt natürlich an Grenzen. In München ist es zwar immer noch ein Ehrenamt mit Aufwandsentschädigung, aber von der Vergütung und dem Arbeitsaufwand her eher eine Halbtags- bis Vollzeitstelle.
Blicken wir wieder auf Moosburg: Was hat Fresh mit seiner Politik vor Ort verändert?
Vor allem haben wir einen sehr konstruktiven Drive ins Gremium reinbekommen – in der heutigen Zeit ist das doch besonders wertvoll. Wir konnten mit anderen Parteien und jüngeren Mandatsträgern oft einen gemeinsamen Nenner hinbekommen: zum Beispiel mit Stefan John (früherer Linke-Rat; Anm. d. Red.) und Philipp Fincke (erst FDP, inzwischen parteilos; d. Red.), die ja eigentlich politisch recht weit auseinander liegen. Dazu konnten wir öfter mal Anwalt für junge Leute sein und eine Perspektive reinbringen, die sonst unterrepräsentiert ist. Einige Ziele konnten wir erfolgreich umsetzen, dazu Vielfaltsthemen auf die Agenda bringen. Andere Vorhaben sind noch nicht so richtig entschieden und unsere Arbeit wird erst später so richtig Früchte tragen: Man braucht eben einen langen Atem in der Kommunalpolitik. Transparenz war uns ebenfalls sehr wichtig, deshalb haben wir eine Zeit lang selbst Protokolle geschrieben. Das war nur irgendwann zeitlich schwierig.
Und wie hat der Stadtrat Sie selbst verändert?
Sehr! Ich war ein bisschen entfremdet von demokratischen Prozessen und der Teilhabe in Deutschland allgemein. Ich hatte das Gefühl, wir stagnieren bei jedem Thema, weil Parteipolitik, Machterhalt und kurzfristige Meinungs-Boosts oft wichtiger sind als langfristige Entwicklung. Da hat mich die Arbeit im Stadtrat wieder versöhnt. Es läuft oft viel konstruktiver ab, als man denkt.
Ihre ersten parteipolitischen Schritte hatten Sie vor Jahren bei der Jungen Union unternommen, nun sind Sie beim Erzfeind der CSU gelandet. Woher kam der Sinneswandel?
Ich habe mich verändert, aber auch die CSU. Ich war schon damals in der JU an den Rändern des Meinungsspektrums, vielleicht fühlte ich mich dadurch auch nicht so willkommen. 2014 und 2015 ist die Rhetorik dann sehr scharf geworden, vor allem gegenüber Geflüchteten, aber auch bestimmten Regionen auf der Welt. Da ging es nicht um die Leistung, die ein Mensch erbringt, sondern der Tenor war „Wir wollen die einfach nicht dahaben“. Meine Mutter zum Beispiel wäre nach dieser Devise heute nicht hier.
Sie ist gebürtige Iranerin, richtig?
Ja, sie ist vor dem Mullah-Regime geflüchtet. Also diese Rhetorik der CSU war bei mir der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Man hat viele Einzelpersonen in Machtpositionen solche Talking Points sagen hören. Und ich wollte nicht in einer Partei sein, in der sowas mehrheitsfähig wird oder einen großen Teil der Debatte ausmacht. Ich war in der Folge allgemein ein bisschen von den bestehenden Parteien entfremdet. Vielleicht war das auch der Grund, warum wir Fresh gegründet haben. Das hat dann erst mal ausgereicht. Aber dann kam doch der Wunsch auf, sich zu organisieren und in der Landes- und Bundespolitik mitzudiskutieren. Für mich ist es wichtig, dass eine Partei beim Asylrecht und ihrem Verhältnis zu queeren Themen sehr stabil steht. Deshalb bin ich inzwischen bei den Grünen eingetreten.
Fresh positioniert sich ja explizit als Partei für junge Leute. Hätten Sie mit Ihren 31 Jahren überhaupt noch in die Zielgruppe für ein Mandat gepasst?
Wir haben in der Satzung 40 als Altersgrenze, ich wäre also noch nicht zu alt. Aber der Grundgedanke von Fresh ist schon, dass es eine regelmäßige Verjüngung in der Alterskohorte gibt, damit also nicht wieder nur die gleichen Namen auf der Liste stehen. Die Jüngeren von damals sind jetzt so alt wie die Älteren von damals (lacht).