Dem Anfang der kalten Jahreszeit wohnt ein kleiner Zauber inne. Doch nach Wochen der Dunkelheit und des schlechten Wetters helfen oft auch keine Zimt-Duftkerzen aus der Drogerie und keine flauschigen Decken mehr: Die Stimmung ist mies.
Stanford-Psychologin: Im Norden Norwegens gibt es kaum Winterdepressionen
Wie schaffen das nur die Menschen in Skandinavien, wo es noch länger noch dunkler ist, wundert man sich dann. Auch US-Gesundheitspsychologin Kari Leibowitz hat sich diese Frage gestellt – allerdings nicht rhetorisch, sondern mit wissenschaftlichem Interesse. Vor einigen Jahren zog sie nach Tromsø, einem Ort, wo die Sonne knapp zwei Monate lang kaum aufgeht, um Winterdepressionen im Norden Norwegens zu erforschen.
"Bis ich dorthin gezogen bin, dachte ich, dass der Winter eben eine deprimierende Zeit sein muss – einfach, weil es in meiner Vorstellung schon immer so gewesen ist", sagte sie im Gespräch mit "Spiegel".
Doch dann die überraschende Erkenntnis: Tatsächlich litten die Menschen im hohen Norwegen seltener an Winterdepressionen als in anderen Teilen der Welt. "Nach meiner Auffassung und Forschung ist der Grund folgender: Wenn man in extremen Wetterverhältnissen lebt, bleibt einem nichts anderes übrig als sich anzupassen, sich vollkommen in den Winter hineinzuwerfen und ihn zu umarmen", sagt Leibowitz.
6 norwegische Strategien, um die dunkle Jahreszeit zu überstehen
Es komme als auf das Mindset an. Was wir uns von den Norwegern abgucken können und welche Strategien beim Umgang mit der dunklen Jahreszeit helfen, verrät Leibowitz in ihrem Buch "Wintern".
1. An die frische Luft gehen
Spaziergänge bei Sturm und Regen sind zwar nicht sonderlich gemütlich, aber für das seelische Wohlbefinden unerlässlich, sagt Leibowitz. Das "Friluftsliv", das Leben an der frischen Luft, wirke auch in der kalten Jahreszeit wahre Wunder. Kälte stärke nicht nur das Immunsystem und fördere die Durchblutung, sondern sorge auch für bessere Stimmung, da bei der Bewegung im Freien Endorphine ausgeschüttet werden.
Leibowitz‘ Tipp laut dem Portal "Annabelle.ch": am besten wetterfeste Kleidung tragen. Diese macht die Kälte erträglich und motiviert zu längeren Aufenthalten an der frischen Luft.
2. Die dunkle Jahreszeit gestalten
Im tiefsten Herbst und Winter zählt manch einer die Wochen, bis es wieder Frühling wird. Doch wie wäre es, das Beste aus den dunklen Monaten herauszuholen? Wie Leibowitz‘ Forschungsprojekt zeigte, waren die Menschen in Tromsø, die ein "positives wintertime mindset" hatten, glücklicher, gesünder und resilienter. Die Psychologin rät, sich für die Wintermonate kleine Projekte vorzunehmen oder eine Liste mit Dingen zu erstellen, die Freude bereiten.
3. Anders über den Winter sprechen
Als Psychologin weiß Leibowitz, wie unsere Denkweise sich auf unser Verhalten und Wohlbefinden auswirkt. Kulturell bedingte Assoziationen mit dem Winter, zum Beispiel "kalt", "dunkel", "niedergeschlagen", können daher die Psyche negativ beeinflussen.
Leibowitz plädiert dafür, die eigene Perspektive auf den Winter zu ändern – wie es auch die Norweger tun. Dunkelheit könne auch Ruhe gleichkommen, und Regen entspannender Hintergrundmusik. Die Psychologin nennt das soziales Reframing – und leitet auch Workshops, in denen sie neue Verknüpfungen mit dem Winter anregt.
4. Sich innerlich und äußerlich aufwärmen
Was gibt es Schöneres, als sich nach dem Heimweg oder einem Spaziergang zu Hause aufzuwärmen? Sei es mit einem heißen Bad, einer Tasse Tee oder einer Wärmflasche –Wärme stabilisiert die Körpertemperatur, beruhigt das Nervensystem und schenkt Geborgenheit.
Das Einbauen von Ritualen in den Alltag, zum Beispiel das Aufsetzen einer Kanne Tee am Morgen oder das Trinken von heißer Schokolade am Nachmittag, könne über den Tag verteilt Wärme schenken.
Auch soziale Nähe könne Wärme erzeugen. Das wissen auch die Norweger: Sie treffen sich im Winter häufig in kleinen gemütlichen Runden mit Familie und Freunden.
5. Warmes Licht wählen
Grelle Deckenlampen strahlen Büro-Flair aus – in Norwegen optieren die Menschen lieber für warme Beleuchtung in Form von Kerzen, Lichterketten oder Tischlampen. Diese signalisiert dem Körper, dass er sich jetzt entspannen kann, Puls und Blutdruck sinken leicht.
Um besser mit der Dunkelheit umgehen zu können, lohnt sich auch ein Ritual: Jedes Mal, wenn die Sonne untergeht, wird eine Kerze angezündet. Dadurch wird die Dunkelheit willkommen geheißen – und mit ihr die Behaglichkeit.
6. Sich Zeit für die Zeitumstellung nehmen
Nach der Zeitumstellung kämpfen viele Menschen mit Müdigkeit und Schlappheit. Der Körper braucht Zeit, um sich anzupassen – und die sollten wir ihm laut Leibowitz geben. Sie empfiehlt, in der Woche nach der Zeitumstellung je nach Möglichkeit Termine zu reduzieren, mehr zu schlafen und sich keinen Leistungsdruck zu machen.
Die Antriebslosigkeit sei normal und biologisch bedingt; schließlich bilde der Körper wegen der längeren Dunkelheit vermehrt Melatonin. Nach drei bis fünf Tagen hat sich die innere Uhr dann eingependelt.