Kochel ist ein teures Pflaster – und bezahlbarer Wohnraum absolute Mangelware. Die Ortspolitik sieht Handlungsbedarf und diskutiert seit Jahren über geeignete Rezepte, Abhilfe zu schaffen. Eine Idee sind Richtlinien zur Sozialgerechten Bodennutzung. Damit wird sich schon bald der Gemeinderat erneut auseinandersetzen.
Kochel am See – Das Problem ist bekannt: Der Tourismusort Kochel ist beliebt, Bauland entsprechend rar und teuer. Unter 1000 Euro ist der Quadratmeter kaum mehr zu bekommen. Für Top-Lagen, etwa am Walchensee, wird auch deutlich mehr bezahlt. Die Folge: Die Immobilienpreise und Mieten schießen in die Höhe. Der angespannte Markt bringt handfeste Strukturprobleme mit sich. Die Leidtragenden sind oft junge Einheimische. Denn wer selbst keinen Grund hat oder nichts Passendes findet, ist gezwungen wegzuziehen – eine sozialpolitische Misere.
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Die Wohnungsnot treibt vielen Ortspolitikern die Sorgenfalten auf die Stirn. Kochel versucht gegenzusteuern, unter anderem mit dem geplanten kommunalen Wohnungsbau. Acht Mietwohnungen sollen auf einem Gemeindegrund an der Sonnenspitzstraße entstehen (wir berichteten). Ein Architekt ist derzeit damit beschäftigt, hierfür die Planung zu erstellen. Allerdings wird damit das Problem nicht gelöst. „Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, räumt Bürgermeister Jens Müller (UWK) ein.
An „SoBoN“ scheiden sich die Geister
Mehr Schlagkraft soll, das hofft zumindest ein Teil des Gemeinderats, ein Instrument der Ortsentwicklung bringen: die Sozialgerechte Bodennutzung (SoBoN), die in den 1990er-Jahren in München etabliert wurde. Hinter dem Wortungetüm verbirgt sich eine Regelung, die dann greift, wenn größere Flächen in deutlich höherpreisiges Bauland umgewandelt werden. Damit soll, so der Kerngedanke, auch die Allgemeinheit von dieser Wertsteigerung profitieren. Das kann zum Beispiel dadurch geschehen, dass der Eigentümer einen Teil abgibt. Areale also, auf denen dann die Kommune bezahlbaren Wohnraum entstehen lassen kann, etwa im Rahmen eines Einheimischenmodells.
Das Thema ist ein Dauerbrenner in der Kochler Ortspolitik. Die Freie-Wähler-Gemeinschaft brachte bereits vor Jahren einen entsprechenden Antrag im Gemeinderat ein. Doch entschieden wurde bislang noch nichts. Rathauschef Müller möchte die Sache wieder aufs Tapet bringen. Vermutlich in der nächsten Sitzung sollen die Ergebnisse einer Umfrage unter den gewählten Volksvertretern vorgestellt werden. Befragt wurden diese nicht nur zum Thema SoBoN, sondern generell zur Wohnraumpolitik. So ergab die Auswertung, wie Müller berichtet, dass beispielsweise Konsens darin besteht, Leerstände besser zu nutzen, Einheimische am Ort zu halten und Spekulationen so weit wie möglich zu unterbinden.
Müller favorisiert anderes Modell
Beim Stichwort SoBoN, erklärt der Jurist, gingen jedoch die Meinungen weit auseinander. Dies ist nicht nur in Kochel der Fall. Die SoBoN polarisiert: Fans sehen darin einen Heilsbringer, Kritiker dagegen einen Papiertiger, der im schlimmsten Fall Investoren abschreckt.
Müller selbst ist auch kein Freund des Modells. „Dieses Instrument funktioniert bei uns nicht“, ist der Jurist überzeugt. Denn: Die Flächen, die in Kochel in der Regel entwickelt werden, seien dafür schlichtweg zu klein. Daher komme auch die SoBoN eher in Städten zum Einsatz. Der Gemeindechef hat für seinen Heimatort etwas anderes im Sinn. Er nennt es „verantwortungsvolle Bodenpolitik“. Wenn neues Baurecht entsteht, so seine Überlegung, sollte die Gemeinde ein Vorkaufsrecht erhalten und eine Mietpreisbremse eingeführt werden.
Doch es gibt im Gemeinderat auch überzeugte Befürworter der SoBoN. Etwa Reinhard Dollrieß von der Freien-Wähler-Gemeinschaft. Er ist davon überzeugt, damit einen wirkungsvollen Hebel zu haben, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.
Klaus Barthel (SPD) stimmt dem zu: In anderen Kommunen funktioniere dieses Regelwerk auch, erklärt er. Und es schaffe Transparenz.
Sicher ist: Das Pro und Contra wird im Gemeinderat noch für reichlich Gesprächsstoff sorgen.