Längerer Schulweg: Eltern rebellieren gegen Bürokratie-Irrsinn

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Der Protest formiert sich: Eltern aus Ried und Ort, deren Kinder in den kommenden Jahren von der Änderung des Schulwegs betroffen sind. Rechts Raimund Novak, Sprecher der Initiative. © Arndt Pröhl

Die deutsche Bürokratie treibt mitunter seltsame Blüten. Bestes Beispiel: die Übernahme der Schulwegkosten in den Kochler Ortsteilen Ried, Ort und Pessenbach. Die künftigen Gymnasiasten und Realschüler dürfen dazu nicht mehr die direkte Busverbindung nach Penzberg nutzen, sondern müssen den deutlich längeren Weg nach Murnau auf sich nehmen. Die Eltern laufen Sturm dagegen.

Kochel am See – Raimund Novak kann nur den Kopf schütteln. Anfangs dachte der Vater zweier Töchter aus dem kleinen Gemeindeteil Ort an einen verspäteten Aprilscherz. Aber dann wurde ihm schnell klar, dass es das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen ernst meint mit der Neuregelung in Sachen Schülerbeförderung. „Das ist verrückt, völlig sinnfrei“, schimpft der Notfallchirurg, der sich in der Sache an die Heimatzeitung gewandt hat.

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Übernahme der Fahrtkosten

Der Fall, der Eltern aus dem Loisachtal auf die Barrikaden bringt und tiefe Einblicke in die staatliche Regulierungswut gewährt, dreht sich um die Übernahme der Fahrtkosten für den Schulweg, geregelt im sogenannten Schülerbeförderungsgesetz des Freistaats. Bislang besuchen die Kinder und Jugendlichen aus den Kochler Ortsteilen Ried, Ort und Pessenbach die weiterführenden Schulen in Penzberg. Für diese älteren Jahrgänge bleibt auch alles beim Alten – es gilt Bestandsschutz. Doch ab dem Schuljahr 2026/27, das ist der Stein des Anstoßes, sollen die neuen Jahrgänge das Gymnasium oder die Realschule nicht mehr in Penzberg, sondern in Murnau besuchen – wenn sie eine Fahrtkostenerstattung erhalten wollen. Hintergrund sind aktualisierte Berechnungen.

Das sorgt bei Novak, dessen ältere Tochter von der geänderten Handhabe betroffen ist, und seinen Mitstreitern für mächtig Ärger. Denn der Schulweg nach Murnau ist nicht nur etwa doppelt so lange, sondern auch umständlicher, weil umgestiegen werden muss. Das etwa zehn Kilometer entfernte Penzberg liegt wesentlich näher. Novak hat ausgerechnet, dass ein Schüler bei der neuen Regelung täglich fast zweieinhalb Stunden mit dem Bus unterwegs wäre, während beim Schulstandort Penzberg die gesamte Fahrzeit (hin und zurück) nur etwa eine Stunde beträgt.

„Dieser Plan ist ein echter Genickschlag für unsere Kinder“, kritisiert der Vater, „mit gesundem Menschenverstand ist das nicht zu erklären“. Von einer vernünftigen Lenkung der Schülerströme könne keine Rede sein. Was ihn noch mehr zur Weißglut bringt, ist die offenbar in Stein gemeißelte Haltung der Kreisbehörde. „Kein Bemühen, kein Lösungsvorschlag. Das Landratsamt will keinen Millimeter von seinem Vorgehen abweichen“, berichtet Novak sichtlich genervt. Die Hoffnung möchte er aber nicht aufgeben, mit öffentlichem Druck doch noch eine Ausnahme bewirken zu können.

Das ins Kreuzfeuer der Kritik geratene Landratsamt verweist indessen auf die Rechtslage. „Wir können den Unmut der Eltern aufgrund der Änderungen natürlich nachvollziehen, die gesetzlichen Grundlagen sind in dieser Hinsicht jedoch sehr klar und räumen keinen Ermessensspielraum ein“, erläutert Pressesprecherin Marlis Peischer auf Kurier-Nachfrage.

Warum plötzlich Murnau den bisher bevorzugten Schulstandort Penzberg ablöst, liegt an einer komplizierten Berechnungsmethode. Diese ermittelt, vereinfacht gesagt, den geringsten Beförderungsaufwand basierend auf Monatstickets. Eine entscheidende Rolle spielt dabei, wie Peischer erklärt, die Anzahl der durchfahrenen Tarifzonen im MVV-Verbund. Da nun auch der benachbarte Landkreis Garmisch-Partenkirchen diesem beigetreten ist, hat sich die Datenbasis geändert – und es musste neu kalkuliert werden. Das Ergebnis: Nach Murnau fallen, zumindest theoretisch, geringere Ticketkosten an.

Komplizierte Berechnungsmethode

Das Kuriose daran: Das Landratsamt zahlt in der Praxis diese als Berechnungsgrundlage herangezogenen Monatszonenkarten gar nicht, sondern das 365-Euro-Schülerticket, das ein ganzes Jahr gültig ist. Das heißt: „In der Realität gibt es daher keinen Preisunterschied zwischen Murnau und Penzberg“, betont Novak. Natürlich könnten Eltern auf die Übernahme der Beförderungskosten verzichten und ihre Sprösslinge auf die Wunschschule schicken. Allerdings würde das ordentlich ins Geld gehen. Bei neun Gymnasialjahren kämen beim aktuellen Tarif 3285 Euro zusammen.

Und was sagt die Kochler Ortspolitik dazu? Bürgermeister Jens Müller (UWK) kennt den Schulbus-Ärger und stellt sich hinter die Eltern. „Das ist eine Absurdität“, urteilt er. Eine schnelle Lösung hat der Jurist jedoch auch nicht parat. Denn die Vorgaben seien nun einmal so, wie sie sind. Für ihn steht daher fest: „Das Gesetz muss geändert werden.“ Letztlich könne man nur versuchen, auf die Landespolitik einzuwirken. SPD-Gemeinderat und Landratskandidat Klaus Barthel (SPD) bläst ins gleiche Horn. Er hat sich mit einem Schreiben an Landrat Josef Niedermaier (Freie Wähler) gewandt, spricht von einer „sinnlosen Härte“ gegenüber jungen Menschen und fordert ein Einlenken: „Wenn wir von Bürokratieabbau reden, muss er hier beginnen.“ Notfalls müsse eben der Kreistag eine Initiative an den Landtag und die Staatsregierung starten.