Wärme- contra Kulturschutz: Soll die Fassadenkunst an zentralem Gebäude erhalten bleiben?

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Das Sgraffito wird durch die Dämmung vermutlich unwiderruflich zerstört. © Schauer

An der Dorfstraße 3 in Oberammergau steht ein Umbau an, bevor die Ammergauer Alpen GmbH einzieht. Eine Dämmung für den Wärmeschutz soll das Gebäude bekommen. Nur gefährdet diese die Fassadengestaltung.

Die Lüftlmalereien an zahlreichen Häusern verleihen Oberammergau einen besonderen Charme. Insgesamt prägen bunte Fassaden das Ortsbild. Auch das Gebäude an der Dorfstraße 3, die Heimat des Eigenbetriebs Kultur, künftig der Ammergauer Alpen GmbH, sticht ins Auge. Wegen der Ornament-Muster und dem Ettaler Gnadenbild. Ersteres wird verschwinden, Zweiteres darf weiter existieren. So will es der Bauausschuss.

Dem Beschluss liegt das Vorhaben zugrunde, die Immobilie – sie gehört größtenteils dem Eigenbetrieb – zur Tourist-Info mit Backoffice umzubauen. Werkleiterin Ramona Wegenast besichtigte sie und wollte das Gremium noch einmal abwägen lassen, was für die Mitglieder mehr zählt: der Wärme- oder der Kulturschutz. Denn die zwei so genannten Sgraffiti (siehe Kasten unten) würden nach aktueller Planung unter einem neuen Wärmedämmverbundsystem, kurz WDVS, verschwinden. Keine Seltenheit. Dieses Schicksal ereilt immer mehr dieser Wandbilder. „Deshalb spricht sich der Denkmalschutz für den Erhalt aus“, sagte Ursula Mayr vom Bauamt.

Sticht ins Auge: das wuchtige Marienbild am südlichen Teil des Gebäudes.
Sticht ins Auge: das wuchtige Marienbild am südlichen Teil des Gebäudes. © Schauer

Doch die WDVS anzubringen, ist beschlossene Sache. Um künftig viel Energie einzusparen. Dabei werden Platten vollflächig auf die Fassade geklebt und gedübelt, die Sgraffito komplett zugespachtelt. Sie wären wohl unwiderruflich zerstört. Würde man alternativ den Wärmeschutz an den entsprechenden Flächen aussparen, kann es aber durch verschiedene Oberflächentemperaturen zu Tauwasser und Schimmel kommen, erklärte Mayr. Nicht der einzige Haken: Denn auch die Pläne der Ammergauer Alpen GmbH stehen einem Erhalt entgegen. Der künftige Mieter will eine große Werbetafel am südlichen Gebäudeteil (Richtung Hotel Wolf) installieren. Was das wuchtige Marienbild tangiert.

Bauverwaltung macht Vorschlag

Eine Idee, um alle Interessen zu verbinden, lieferte die Bauverwaltung. Sie schlug vor, auf das Wärmeschutzsystem bei der nördlicheren Fassade zu verzichten und nur die Innenhofseite zu dämmen. Beim Gnadenbild wäre eine Innenwanddämmung machbar, inklusive Lüft- und Heizregeln für den Mieter. Bei dieser Variante, meinte Mayr, könnte das Kunstwerk unter dem Werbeschild verschwinden, wäre aber gesichert.

Die Ausschussmitglieder standen vor der Frage: Wollen sie die Fassadengestaltung sichern oder das Gebäude auf den energetisch besten Stand bringen. Eine klare Haltung pro Erhalt vertrat Marina Kirchmayr (Bunte Liste): „Der Platz ist wichtig, da gehen viele Touristen vorbei.“ Eine Werbetafel möchte sie auch nicht über dem Kunstwerk sehen. Sich von den Ornamenten zu trennen, das konnte sich Florian Schwarzfischer (BIO) vorstellen. Der Gast wisse ohnehin nicht, was es damit auf sich hat. Den Verweis auf Ettal findet er aber wichtig. Acht Mitglieder, acht Meinungen. Am Ende zugunsten des Marienbilds.

Herkunft der Technik

Bei einem Sgraffito handelt es sich um ein Bild, welches in den Putz gekratzt wird. Hierdurch entsteht ein farbiges Bild mit etwas Tiefe. Die Technik hat ihren Ursprung in Italien und Böhmen im 16. Jahrhundert. In den 1920er-Jahren wurde sie wiederentdeckt und war vor allem in Nachkriegsjahren beliebt. Die Werke an der Dorfstraße stammen aus jener Zeit. Am südlichen Gebäudeteil befindet sich eine Darstellung des Ettaler Gnadenbilds und auf dem nördlichen Teil Richtung Westen ein Dekor in Form geometrischer Muster. In den 1970er-Jahren starb diese Technik fast aus.

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