Experte warnt: „Kritische Infrastrukturen sind schlecht geschützt"

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Sieht Sicherheitsschwächen: Katastrophenschutzexperte Professor Norbert Gebbeken von der Universität der Bundeswehr in Neubiberg. © Tobias Hase/ Bay. Ing.-Kammer Bau

Der Landkreis München hat ein Leuchtturmkonzept für den Blackout entwickelt. Doch ein Professor sieht gravierende Schwachstellen im System.

Landkreis - „Unser Stromnetz ist ein reines Mittelspannungsnetz“, erklärt Boris Rührmeier von den Stadtwerken Haar. Das klingt technisch, bedeutet aber: Es bildet die Verbindungsstelle zwischen der Hochspannungsebene, auf der Strom transportiert wird, und der Niederspannung, mit der Haushalte versorgt werden. Gibt es Störungen, greifen Sicherheitsmechanismen.

Christian Martens, Pressesprecher Bayernwerke Netz AG
Christian Martens, Presseprecher Bayernwerke Netz AG © Uwe Moosburger/ Bayernwerke

Wie beim Vorfall im vergangenen Juni, als ein Bagger ein Kabel kappte: Rund 100 Haushalte und Firmen in Haar waren kurzzeitig ohne Strom. Im Juli 2010 traf es über 10 000 Kunden in Haar und Grasbrunn – in beiden Fällen war nach zwei Stunden alles behoben. „Wir haben zwei parallele Hauptleitungen. Fällt eine aus, springt die andere ein“, sagt Rührmeier. Alles sei mehrfach abgesichert, auch vor Cyberangriffen.

Auch die Bayernwerk Netz AG sieht die Versorgungssicherheit im Freistaat auf hohem Niveau. Pressesprecher Christian Martens betont: „Unsere Systeme und Anlagen sind redundant ausgelegt – fällt ein Betriebsmittel aus, übernehmen andere.“ Sabotage oder Extremwetter seien nur in Ausnahmefällen ein Risiko. Dennoch: „Gegen extreme kriminelle Energien gibt es keinen hundertprozentigen Schutz.“

Kritisch sehen Netzbetreiber, dass sie teils sensible Anlagedaten veröffentlichen müssen. Ein gefundenes Fressen für potenzielle Täter, befürchten sie. Der Energieverband BDEW fordert daher, den Schutz kritischer Infrastrukturen politisch stärker zu priorisieren.

Forscher warnt vor Schwächen

Professor Norbert Gebbeken von der Bundeswehruniversität Neubiberg warnt vor Schwachstellen: „Unsere kritischen Infrastrukturen sind in Deutschland generell schlecht geschützt“, sagt der Katastrophenschutzexperte. Zwar gebe es Fortschritte – etwa mehr Notstromaggregate und Katastrophenschutzkonzepte – doch das reiche nicht aus. Er fordert schnellere Genehmigungen und konkrete Ziele im geplanten Kritis-Dachgesetz: „Wir müssen dafür sorgen, dass Katastrophen, wie jetzt in Berlin, gar nicht erst auftreten.“

Bürgern rät er, sich den Ratgeber Katastrophenvorsorge beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zu besorgen und zu klären, ob ihre PV-Anlage auch bei Stromausfall funktioniert.

Notfallpläne im Landratsamt

Im Landkreis München ist man vorbereitet – zumindest für 72 Stunden. „Wir haben das sogenannte Leuchtturmkonzept“, erklärt Peter Krüger vom Landratsamt. Seit 2022 haben alle 29 Kommunen spezielle Stromausfall-Schutzpläne erstellt. Versorgt werden sollen im Ernstfall Rathäuser, Feuerwachen, Pflegeeinrichtungen und die „Leuchttürme“ – öffentliche Orte mit Notstrom, an denen Bürger Handys aufladen, Informationen erhalten und Notrufe absetzen können.

Starkstromleitungen in Taufkirchen.
Starkstromleitungen in Taufkirchen: Bei einem Blackout kann auch das schöne Alpenpanorama nicht trösten: © Marc Schreib

Auch für die Dieselversorgung der Notstromaggregate gibt es Pläne: „Reicht der Vorrat nicht, können wir Nachschub aus dem Landkreis heranführen“, so Krüger. Erste Konzepte zur Zivilverteidigung laufen ebenfalls: Krisenstäbe, Notunterkünfte, gesicherte Wasser- und Abwasserversorgung sind Themen, zu denen das Landratsamt derzeit alle 29 Kommunen berät. „Die Offenheit ist groß“, betont Krüger.

Wie kann man sich vorbereiten?

Das Landratsamt bereitet eine Informationsbroschüre zur Selbsthilfe vor, und der „Bevölkerungsschutztag“ soll wiederholt werden. Tipps für den Blackout geben die Elektroingenieure Bernd Steinert und Alexander von Obert, Gründer der Initiative „Notfallvorsorgeberatung Schleißheim“ (NVBS): Powerbank bereithalten, batteriebetriebenes oder Kurbelradio nutzen, Gaskocher im Haus haben. Im Winter könne man Räume abdichten, ein Zelt in der Wohnung aufstellen oder eine Bettenburg bauen, um sich zu wärmen – und, wer hat, auf den Holzofen setzen. Von Kerzen und Teelicht-Heizungen rät Steinert aus Brandgefahr entschieden ab: „Wenn der Strom weg ist, funktioniert auch der Notruf nicht – und die Feuerwehr ist überlastet.“

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