Olympia-Klartext von Felix Neureuther: Straßers „entscheidene Erkenntnis“ und Aichers pikante „Ansage“

  1. Startseite
  2. Sport
  3. Wintersport

Kommentare

Felix Neureuther und Olympia: das passt aus sportlicher Sicht nicht unbedingt. Trotzdem ist die deutsche Ski-Ikone ein größer Befürworter – das große Interview.

München – Turin, Vancouver, Sotschi: Felix Neureuther hat sich dreimal bei Olympia versucht – mit turbulenten Ergebnissen. Vor Pyeongchang 2018 bremste ihn dann ein Kreuzbandriss. Über seine Erfahrungen, den Doppel-Olympiasieg von Mama Rosi und die Medaille von Ehefrau Miriam hat der 41-Jährige mit unserer Zeitung gesprochen.

Felix, was waren Ihre ersten Olympischen Spiele?

Richtig zugehörig habe ich mich 2010 in Vancouver gefühlt.

2006 in Turin hatten Sie nur die halbe Norm, wurden als 21-Jähriger aber mitgenommen.

Das war eine harte Erfahrung. Viele, auch die eigene BSV-Präsidentin, haben gemeckert: „Der wird nur mitgenommen, weil er Neureuther heißt.“ Das hat mich tief getroffen.

Felix Neureuther baute vor Olympia 2014 Unfall

Und dann war im Slalom und Riesenlalom jeweils im ersten Durchgang Schluss.

Ja, aber das alles hat mich im Nachhinein sehr stark gemacht hat. Du kannst an so einer Erfahrung zerbrechen oder wachsen. Für mich war es wegweisend, ich habe mir für den Rest meiner Karriere ein dickes Fell aufgebaut.

Bevor wir weiterschauen, ein Blick zurück. Man könnte auch sagen, Ihr erstes Olympia, das war 1988 in Calgary, oder?

Stimmt. Der kleine dreijährige Felix auf den Schultern von Olympiasieger Alberto Tomba. Das war ein prägender und sehr emotionaler Moment.

Die Wege kreuzten sich immer wieder: Der junge Felix Neureuther mit seinem Kindheitsidol Alberto Tomba.
Die Wege kreuzten sich immer wieder: Der junge Felix Neureuther mit seinem Kindheitsidol Alberto Tomba. © MM

Bei dem ganzen Tumult und Absperrungen heute kaum vorstellbar. Wie kam‘s?

Der Weg vom Zielgelände zum Parkplatz war relativ lang. Papa musste noch arbeiten, die Mama ist mir durch den Schnee gestapft. Da kam Alberto auf den Ski vorbei und hat gefragt, ob er mich nicht auf den Arm nehmen soll, weil der Weg für uns zwei ja mühsam sei. Also hat mich der frisch gekürte Olympiasieger zum Parkplatz chauffiert. Kurios, aber so war halt auch Alberto.

Das war aus heutiger Sicht eigentlich der Höhepunkt Ihrer Olympia-Karriere, oder?

(lacht) Stimmt, ja. Platz acht im Riesenslalom in Vancouver war ordentlich. Im Slalom hatte ich vorher Kitzbühel gewonnen, war aber mental noch nicht bereit. Zudem waren die Verhältnisse dort sehr, sehr speziell. Der Italiener Razzoli hat dann überraschend gewonnen, ich bin im ersten Lauf ausgeschieden.

Vor Sotschi 2014 krachten Sie bei der Anfahrt zum Flughafen bei Blitzeis in die Leitplanke. Wie oft sind Sie an dieser Stelle seitdem vorbeigefahren?

Sehr oft und ich muss jedes Mal wieder an die Situation denken. Ich war in der Form meines Lebens. Der Unfall hat mich die Spiele gekostet, aber Miri und ich hatten auch unfassbares Glück, dass nicht mehr passiert ist. Ich war schwer verletzt, hatte mehrere gebrochene Rippen und ein Schleudertrauma.

Trotzdem sind Sie nach Russland geflogen.

Weil mein Physio Martin Auracher und alle meine Vertrauenspersonen dort waren. Wenn mir irgendwo schnell geholfen werden konnte, dann in Sotschi. Nach der ersten Behandlung bin ich fahren gegangen, hab aber nach dem ersten Schwung abgebrochen. Ich konnte meinen Kopf keinen Millimeter bewegen, war absolut chancenlos. Ich war mir hundertprozentig sicher, dass die Spiele erledigt waren.

Sotschi – ich komme: Neureuther nach dem Unfall 2014.
Sotschi – ich komme: Neureuther nach dem Unfall 2014. © Michael Kappeler / dpa

Wie konnten Sie im Riesenslalom dann Achter werden?

Ich bin ins Olympische Dorf ins MRT, musste dort aber erst vier Stunden warten, weil einige Exoten, die sonst nicht die medizinischen Möglichkeiten dazu haben, ihre ganzen Körper durchchecken haben lassen. Das Ergebnis war relativ positiv, also entschied ich mich zu einer Spritze in die Halswirbelsäure. Das hat mich gerettet, der achte Platz unter den Umständen sehr gut.

Felix Neureuther schied zweimal im Olympia-Slalom aus

Im Slalom war wieder Schluss – im zweiten Durchgang.

Den ersten Lauf habe ich mir taktisch klug hingestellt und lag auf Rang sieben in Schlagdistanz zu den Medaillen. Da war trotz meiner Einschränkungen alles möglich. Und dann steckt der Ante Kostelic im Zweiten einen Gartenzaun runter – unfassbar. Das war mehr ein Hindernislauf als ein Slalom und hat mir letztlich das Genick gebrochen. Nicht nur mir übrigens, mit Myhrer, Grange, Ligety, Pinturault und mir sind fünf der Top-10 rausgeflogen. Eine Woche später habe ich in Kranjska Gora den Slalom gewonnen – das Timing hätte blöder nicht sein können.

Moment der Enttäuschung: In Sotschi schied das DSV-Ass im zweiten Durchgang des Slaloms aus – auch der damalige Bundestrainer Charly Waibel kann es nicht fassen.
Moment der Enttäuschung: In Sotschi schied das DSV-Ass im zweiten Durchgang des Slaloms aus – auch der damalige Bundestrainer Charly Waibel kann es nicht fassen. © dpa / Fredrik Von Erichsen

Sie haben zumindest eine angeheiratete Olympia-Medaille im Haus. Ihre Frau Miri gewann in Vancouver Silber mit der Langlauf-Staffel. Die Mama war besser als der Papa – schon mal gehört am Esstisch?

Noch nie, ehrlich gesagt. Miri weiß wahrscheinlich nicht mal, wo die Medaille ist. Nur ich schaue sie stündlich an und denke, wie schön das wäre (lacht).

2010 waren sie noch kein Paar. Haben Sie die Staffel erlebt?

Klar. Miri war damals eigentlich Biathletin. Wie sie als 19-jähriges Mädel ihr Team, das eigentlich komplett weg vom Fenster war, auf Position drei völlig unbekümmert und lässig wieder hingelaufen hat, das war großer Sport und eine sehr schöne Geschichte.

Ehefrau Miriam (zweite v. r.) holte mit der Langlauf-Staffel 2010 Silber.
Ehefrau Miriam (zweite v. r.) holte mit der Langlauf-Staffel 2010 Silber. © imago sportfotodienst

Am Ende stehen für Sie zwei achte Plätze. Papa Christian war zweimal Fünfter und einmal Elfter. Hat Ihre Mutter Rosi das nötige Quäntchen Glück der Familie bei ihrem Doppel-Gold 1976 aufgebraucht?

Nein, das glaube ich nicht. Olympia ist eben nur alle vier Jahre und da muss alles passen. Das eigene Risiko, das Drumherum, und, und … Der Sieg von der Mama jährt sich ja bald zum 50. Mal. Die Leute denken heute noch daran, weil er für die kommenden Generationen alles verändert hat. Ich empfinde es total schön, wenn Menschen immer noch auf mich zukommen und ihre Geschichte erzählen, wie sie die Tage damals erlebt haben. Das zeigt auch, welche eine Kraft die Spiele haben können.

Emma Aicher hat intern Olympia-Medaille angekündigt

Fritz Dopfer war in Sotschi Vierter, genau wie Lena Dürr vor vier Jahren in Peking. Hat der DSV diesmal mehr Glück?

Linus (Straßer, d. Red.) traue ich es zu, weil er das mit Abstand beste Material im Weltcup unter den Füßen hat. In Kitzbühel hat er das Herz in die Hand genommen und es ist endlich gut gegangen. Das kann die entscheidende Erkenntnis gewesen sein. Der Head-Ski braucht eine Spur länger, er liegt sehr ruhig, da musst du noch aggressiver fahren und von der Körpersprache noch mehr dazu tun.

Emma Aicher hat intern angekündigt, dass es klappen wird mit den Medaillen.

Das ist eine Ansage. Emma ist prinzipiell zu allem fähig, aber ich glaube, dass man ihr mit großen Medaillenerwartungen keinen Gefallen tut. Selbst Mikaela Shiffrin ist in Peking daran zerbrochen. Sie wollte und sollte fünf Mal Gold holen, der Schuss ging ziemlich nach hinten los. Mehr Zurückhaltung ist oft besser – zumindest offiziell.

Das ist nicht gerade die Sache von Lindsey Vonn. Sie haben die US-Amerikanerin für Ihre neue Olympia-Doku getroffen. Wie haben Sie sie erlebt?

Ich hoffe, dass ihre aktuelle Verletzung nicht so gravierend ist, dass sie noch starten kann. Wenn eine den Biss und den Willen hat, dann sie. In Amerika findet Wintersport nur bei Olympia größere Beachtung. Lindsey weiß das und sie weiß, ihre Geschichte zu perfekt zu erzählen… Aksel (Svindal, d. Red.) ins Trainerteam zu holen, war ein smarter Move. Niemand muss Lindsey beibringen, wie man Ski fährt, aber Aksel hat so viel erlebt, seine Erfahrung hilft definitiv. Ich bin froh, dass wir beide im Skizirkus haben.

Größter Kritikpunkt an den Italien-Spielen ist die Zerstückelung. Das ist berechtigt, aber man kann auch den Eindruck gewinnen, heute muss bis ins kleinste Detail alles zu 100 Prozent passen. Wie viel Perfektion braucht Olympia?

Das ist die Frage, um die sich alles dreht. Du kannst so ein Großereignis nicht perfekt für alle organisieren. Für mich müssen die oberste Priorität immer, immer die Athletinnen und Athleten und der Sport sein. Drum herum musst du ein Event bauen. Der Weltcup in Kitzbühel setzt das im kleinen Rahmen einmalig um, ich war auch dieses Jahr wieder sprachlos.

Darf dafür investiert werden?

Ich finde schon, weil du dadurch noch emotionalere Erlebnisse für die Zuschauer schaffst. Und darum geht es ja. Aber es sollte natürlich sinnvoll und mit Nachnutzung verbunden sein. Vor zwanzig Jahren in Turin hat das leider nicht geklappt. In Livigno zum Beispiel wurde für die Mailand-Spiele auch viel neu gebaut. Natürlich gibt es da Kritiker, aber ich habe mir das angesehen und bin optimistisch, dass das mega cool wird und das der Ort im Freestyle-Bereich zukünftig eine große Rolle spielen wird. Ähnlich verhält es sich mit dem Biathlon-Stadion. Was ich kritischer sehe, sind die alpinen Wettbewerbe. In Cortina fand vor drei Jahren eine Weltmeisterschaft statt, damals hat man extra eine Männer-Strecke gebaut. Wieso also müssen die Männer jetzt in Bormio fahren?

Interview: Mathias Müller.