Die Marktgemeinde genießt seit den guten alten Zeiten der „Sommerfrische“ den Status eines Luftkurortes, der irgendwann auch amtlich bestätigt wurde. Eisenbahn und Ammersee-Schifffahrt sorgten damals für viel „Erholungsaufenthalt der Städter auf dem Lande zur Sommerzeit“, wie die Brüder Grimm die Sommerfrische in ihrem Wörterbuch definierten.
Dießen - In der jüngsten Gemeinderatssitzung ging es um die Fortführung des offiziellen Siegels „Luftkurort“. Laut der Regierung von Oberbayern steht für dieses Jahr die Rezertifizierung als Luftkurort an. Dafür sei eine umfassende Überprüfung der „luftqualitativen und bioklimatischen Anforderungen“ erforderlich, was laut dem günstigsten Angebot 1.768 Euro brutto kostet. Zusätzlich sei laut Regierung eine „kurmedizinische Beurteilung“ notwendig. Man empfahl der Marktgemeinde dafür eine Medizinische Klimatologin von der LMU München, die für ihre Beurteilung 4.165 Euro brutto zuzüglich Fahrtkosten verlangt. Für die Antragstellung wird außerdem eine Stellungnahme des Landratsamtes zur Ortshygiene mit Aspekten wie Luft, Boden und Wasser verlangt, Letzteres in Abstimmung mit dem Wasserwirtschaftsamt. Die Höhe dieser Kosten konnte noch nicht benannt werden, liegt aber laut Bürgermeisterin Sandra Perzul im vierstelligen Bereich.
Luftkurort-Siegel finanzieren? Zu wenig Übernachtungsgäste für den Fremdenverkehrsbeitrag
Eine vorgeschlagene Kostendeckung durch Kurbeiträge wurde wegen des zu hohen Verwaltungsaufwandes abgelehnt. Von der Verwaltung wurde auch geprüft, ob die Voraussetzungen zur Einführung eines Fremdenverkehrsbeitrages vorliegen. Dafür müssten die Übernachtungen pro Jahr das Siebenfache der Einwohnerzahl übersteigen, also 74.354. Laut der Auswertung der für den Dießen-Tourismus zuständigen gwt-Starnberg waren es im letzten Jahr aber nur 60.646.
Mit einer Gegenstimme genehmigte der Gemeinderat die außerplanmäßigen Kosten für die Rezertifizierung des Luftkurort-Siegels, obwohl im aktuellen Haushaltsplan nur 3.000 Euro veranschlagt waren.
Ob der teure Zusatz „Luftkurort“ als Argument für einen längeren Ferienaufenthalt überzeugt, wurde von einigen Besuchern nach der Sitzung diskutiert. Vor allem müsse Dießen mehr damit werben, wie es vorbildhaft die Nachbargemeinde Utting sogar an den Ortseinfahrten tue.
Der Gesundheitsgast
„Das Sterben der Luftkurorte“ betitelte der Spiegel kürzlich einen Bericht, nach dem es in Deutschland nur noch rund 300 Gemeinden mit diesem Prädikat gibt – darunter Dießen und Utting als einzige im Landkreis Landsberg. Luftkurorte seien „Orte nach Vorschrift“. Gemäß der Deutschen Heilbäderverordnung sollen sie „ihre gute Luftqualität in verstärktem Ausmaß den Gästen zur Verfügung stellen.“ Die Gemeinden müssten dazu ihre Infrastruktur am „gesundheitsorientieren Gast“ ausrichten. Dazu gehören „parkähnliche Ruhesphären, ein gepflegtes Ortsbild mit aufgelockerter Bebauung, Barrierefreiheit und kein Durchgangsverkehr“.
Den gibt es in Dießen mit den Staatsstraßen St2055 und St2056 reichlich, was aber die Seeanlagen und die gemeindlichen Badestellen als Freizeit- und Erholungsoasen mehr als ausgleichen.
Schondorf hingegen verzichtet auf seinen Luftkurort-Titel.