Bei Krankmeldung am ersten Tag kein Lohn: Arzt warnt vor den Folgen

  1. Startseite
  2. Lokales
  3. München Landkreis
  4. Unterschleißheim

Kommentare

Dr. Friedrich Kiener aus Unterschleißheim sieht den Vorschlag, am ersten Tag einer Krankmeldung keinen Lohn mehr zu zahlen, kritisch. © privat

Der Vorschlag von Allianz-Chef Oliver Bäte, Arbeitnehmern am ersten Tag einer Krankmeldung keinen Lohn mehr zu zahlen, wird aktuell heiß diskutiert. Allgemeinarzt Dr. Friedrich Kiener aus Unterschleißheim allerdings warnt vor den gesundheitlichen Folgen.

Landkreis - Die Wiedereinführung eines Karenztages bei Krankheit, der in den 1970er Jahren abgeschafft worden war, unterstützt auch die Chefin der Wirtschaftsweisen, Monika Schnitzer. Aber welche möglichen Folgen sehen die Ärzte durch eine solche Maßnahme, die einer indirekten Lohnkürzung gleichkommt? Der Münchner Merkur fragte bei dem Unterschleißheimer Allgemeinarzt Dr. Friedrich Kiener nach:

Machen die deutschen Arbeitnehmer auf gut Deutsch zu viel blau, sodass ein solcher finanzieller Einschnitt eine konsequente Reaktion wäre?

Ich bin schon lange im Amt. Früher war es sicher so, dass sich durch die gute Arbeitsmarktsituation im aufstrebenden Deutschland gerne mal der ein oder andere auch wegen Schnupfen krank schreiben hat lassen. Heute aber sieht die Situation derjenigen, die noch einen festen Arbeitsplatz haben, die noch arbeiten können und dürfen, ganz anders aus. Sie tun eher alles dafür, dass sie weiterhin gesund bleiben und zur Arbeit gehen können. Es gibt immer ein paar schwarze Schafe, die gab es immer schon. Das kann man aber in diesem Fall vernachlässigen.

Sind also solche Forderungen ungerechtfertigt?

Ich bin jedenfalls der Meinung, dass diejenigen, die zu uns kommen, in den allermeisten Fällen krank sind und eine solche Lohnfortzahlung verdienen. Deshalb erwarte ich mir nach solchen Vorschlägen nichts Positives. Eher hält man sie davon ab, zum Arzt zu gehen, weil sie sonst einen Tag weniger Gehalt bekommen. Möglicherweise verschlimmert sich die Krankheit, bis der Kranke dann endlich kommt. Ganz aktuell komme ich aus dem Sprechzimmer heraus, in der ich eine junge Frau mit einer Lungenentzündung hatte. Wenn so etwas nicht rechtzeitig entdeckt wird, muss sie vielleicht ins Krankenhaus, wodurch zusätzliche Kosten erzeugt werden.

Wäre nicht die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung eine erste Maßnahme, die mögliche Täuschungen schnell beseitigt?

Man hat sie eingeführt, als durch die Covid-Angst in der Pandemie viele Ärzte nicht mehr richtig gearbeitet haben. Sie hatten große Sorge, ihre Praxen zu öffnen und sind zu Hause geblieben wegen der Ansteckungsgefahr. In den restlichen Praxen war dann natürlich viel los, weil die Erkrankungsquote hoch war. Um die Ärzte zu entlasten und die Ängste zu nehmen, glaubte man also den Leuten, dass sie einen Test ordentlich durchführen und dass man sie dann auch krank schreiben kann. Aber auch hier sind es nur wenige, die eine solche Erleichterung ausnutzen. Ob derjenige sich die Krankschreibung telefonisch holt oder in der Praxis selbst, das ist für mich das Gleiche. Und man muss bedenken, dass es für uns Ärzte in den Sprechstundenzeiten schon eine Erleichterung ist, wenn ein Patient anruft. Sie hören es ja an der Stimme, wenn er ins Telefon hineinhustet. Das ist eine Arbeitserleichterung für die Ärzte. Das meines Erachtens geringe Problem würde dadurch nicht eingedämmt.

Auch interessant

Kommentare