Ein Unbekannter hat Autos von Ausflüglern am Starnberger See angegriffen. Viele Anwohner sind sauer über den Freizeitdruck.
Der Sachschaden ist immens. Die Frustration in Münsing ist es auch. Ein Unbekannter hat am Samstagnachmittag bei fantastischem Badewetter 25 Autos mit blauer Farbe verunstaltet. Die Wagen standen auf einem Wirtschaftsweg, ganz nah am Starnberger See. Bis zu 150 000 Euro könne die Schadenssumme betragen, meldete die Polizei Wolfratshausen am Wochenende. Schon lange sorgt die Parkplatz-Situation am Erholungsgelände und der Freizeitdruck auf Ambach für Ärger. Proteste mit der Spraydose sind „eine neue Eskalationsstufe“, findet eine Anwohnerin. Es handle sich um einen Einzelfall, betont die Polizei. Aber es ist ein Einzelfall, der zeigt, wie tief der Frust sitzt.
Anwohner von Verkehrssituation genervt: „Parken vogelwild“, sagt Bürgermeister
Bei gutem Wetter strömen Menschen an den Starnberger See in Ambach. „Es gibt Wochen und Wochenenden im Jahr, die mehrfach überhitzt sind“, antwortet Bürgermeister Michael Grasl auf eine Anfrage unserer Zeitung. Für die einen sind die sonnigen Tage am See Erholung, für viele Münsinger aber nur noch eine Qual. „Ich kann den Frust der Leute verstehen. Wer an den Verkehrsdurchfahrten wohnt, leidet unter dem Verkehr.“ Es gebe viele Beschwerden, „sowohl von Münsinger Bürgern als auch von Gästen“, sagt der Rathauschef. Da kämen Erholungsgäste mit dem Auto, „die vogeldwild parken und den Strafzettel mit einkalkulieren“. Der Ansturm an sonnigen Wochenenden sei einfach zu groß für die Infrastruktur: „Dafür reicht die schmale Seestraße nicht mehr, dafür gibt es zu wenig Toiletten und Müllbehälter.“
Parkverstöße, Müll und Rennradler sorgen für Frust
Die Auswirkungen kriegen die Anwohner an der Seestraße täglich mit. „Ich lebe hier seit Jahrzehnten, aber gerade in den vergangenen Jahren ist das zu einem richtigen Problem geworden“, sagt eine Anwohnerin. Es gibt viele Dinge, die ihr und den Nachbarn stinken. Die Radfahrer zum Beispiel, die an den Gartenzäunen entlang und an Fußgängern vorbeirasen, als würden sie ein Rennen fahren. Und die wild parkenden Badegäste. „Ich habe das Gefühl, die planen die Kosten für die Strafzettel schon mit ein.“ Ihrer Meinung nach wird zu selten kontrolliert und tatsächlich etwas unternommen gegen das Park-Chaos. „Inzwischen ist es wirklich extrem.“ Das sieht nicht nur sie so. „Viele hier sind damit unzufrieden.“ Trotzdem fühlt sich die Anwohnerin ziemlich machtlos. „Niemand fühlt sich zuständig. Wir sind alleine.“ Die Anwohnerin mag den Sommer. Und sie mag Münsing und den Starnberger See. „Wir leben am schönsten Ort der Welt. Aber inzwischen freue ich mich darüber, wenn das Wetter nicht gut ist.“ Dann erinnern Seepromenade und Liegewiese sie wieder an die einstige Idylle. „Es war mal richtig schön.“
Der Rathauschef weiß um die Schönheit seiner Heimat. „Wir leben in einer Umgebung, wo andere Urlaub machen wollen.“ Das Problem: Es sind womöglich zu viele. „Die Leute entdecken irgendwann den letzten Geheimtipp eines Uferstreifens und die Einheimischen fühlen sich mehr und mehr verdrängt.“ Die Münsinger müssten ihre Heimat zeitweise teilen. „Daran lässt sich wohl kaum etwas ändern.“
Sicherheitsfirma am See im Einsatz: „Massenhaft Leute waren da“
Am See schaut immer wieder die „Bavaria“ Sicherheitsfirma vorbei. Wie ein Mitarbeiter erklärt, war das vergangene Wochenende aus Sicht der privaten Firma recht normal. „Es gab wenig zu tun für uns. Aber massenhaft Leute waren da.“ Das sei immer so, wenn wie am vergangenen Samstag, das Thermometer an die 30 Grad-Marke hinklettert. „Da geht‘s einfach zu am See.“ Das sei aber überall so. „Wir sind auch am Wörthsee und dem Ammersee im Einsatz, da ist die Lage dieselbe“, sagt der Sicherheitsmitarbeiter, der anonym bleiben möchte. Pauschale Unzufriedenheit mit der Situation am See hält er für übertrieben. „Manches wird da heißer gekocht, als es ist.“ Außer ein paar Hunden, die nicht angeleint waren, gab es für die Sicherheitsfirma keine Meldungen.
Erholung in Oberbayern: „Habe das Gefühl, dass die Leute schon im See parken“
Für die Verkehrsüberwachung ist der Starnberger See ein Hotspot. „Seit Corona hat das nochmal zugenommen. Immer mehr Leute kommen in der Freizeit in die Region“, hat Benjamin Bursic beobachtet. Er ist Geschäftsführer des Zweckverbands Kommunale Dienste Oberland – der Verband ist von der Gemeinde beauftragt, den Verkehr zu überwachen. „Ich kenne die Situation am See gut. Ich laufe dort immer wieder entlang. Da ist die Hölle los, gerade, wenn das Wetter gut ist.“ Viele kommen mit dem Auto. Wenige finden einen Parkplatz. „Teilweise habe ich das Gefühl, dass die Leute schon im See parken“, statt ein paar Meter Fußweg auf sich zu nehmen. „Wir können nur an den Verstand der Gäste appellieren, lieber ein paar Meter zu gehen als Rettungswege zuzuparken.“ Weil das Appellieren alleine nicht reicht, können die Mitarbeiter Verwarngelder erheben. Wenn Rettungswege blockiert werden, darf der Zweckverband einen Abschleppwagen rufen. Darauf weist der Verband mit großen Bannern auf dem Weg zum See hin.
45 000 Euro hätten die Verkehrskontrollen der Münsinger Gemeindekasse im vergangenen Jahr eingebracht. Die Summe ist nicht alleine am See zusammengekommen. Das Erholungsgebiet ist aber eine sehr stabile Einnahmequelle im Sommer. „Die Zahl zeigt, wie viel da los ist. Und sie zeigt auch, dass die Kontrollen dort nötig sind“, sagt der Zweckverbands-Geschäftsführer.
Polizei am Starnberger See: Feuerstellen, Ruhestörung, FKK
Die Polizei ist immer wieder vor Ort. Während der Hauptsaison würden die beliebtesten Stellen des Erholungsgebiets immer wieder von Streifen angefahren, erklärt der Vize-Revierleiter Alexander Möckl. „Zwischen Juli und Anfang September fahren wir öfter dort hin.“ Es gebe verschiedene Delikte, denen die Polizei am Tatort Erholungsgebiet nachgehe. „Es geht natürlich um das Thema Parken und Verkehr – aber es gibt auch Feuerstellen, Ruhestörung, FKK-Fälle.“ Alles hänge mit dem Ausflugsdruck zusammen, sagt Möckl.
Polizei geht nach Vandalismus ersten Ansätzen nach
Zum aktuellen Fall von Sachbeschädigung kann Möckl noch nicht viel sagen. „Wir haben erste Ermittlungsansätze, denen wir nachgehen.“ Derzeit vermutet die Polizei, dass eine Motivation des Täters war, dass die Autos widerrechtlich abgestellt waren. Die 25 Fahrzeuge waren sowohl rechts als auch links der Straße geparkt. Die Polizei geht wie berichtet davon aus, dass der (oder die) Täter im Vorbeifahren die Autos besprüht haben und am Ende des Weges gewendet haben.
Bürgermeister Michael Grasl ist froh, dass es sich bei dem Vandalismus um einen Einzelfall – „einen Ausnahmefall“, betont er – handelt. „Wo kommen wir hin in unserer Gesellschaft, wenn wir uns nur noch mit Sachbeschädigungen oder persönlichen Angriffen helfen können.“ Im Verhältnis zum Hochbetrieb an manchen Sommertagen „passiert immer noch relativ wenig“, findet er.
Es gebe verschiedene Ideen, die Situation zu entschärfen. „Wir arbeiten an innerörtlichen Lösungen, den Verkehr zu beruhigen und sicherer zu machen.“ Der Ausflugsverkehr sei nicht bloß Fluch, sondern teilweise auch Segen. „Es leben viele Betriebe davon: die Campingplätze, die Gastronomie, die Nahversorgung.“ Die Wertschöpfungskette gehe weiter. „Das sieht man halt im Ärger nicht.“