Der Erdinger Stadtpfarrer nutzte seine Silvesterpredigt erneut für politische Kritik. Vor der Kirche protestierte ein AfD-Anhänger gegen ihn.
Ein Protestschild vor der Kirche, ein volles Gotteshaus – so lief die Silvesterpredigt von Martin Garmaier. Seit Jahren nutzt der Erdinger Stadtpfarrer den Jahreswechsel, um auch zur politischen Lage Stellung zu beziehen. Das brachte ihm im Vorjahr neben viel Zuspruch auch unflätige E-Mails sowie eine Anzeige wegen angeblicher Volksverhetzung ein. Wie berichtet, gab die Staatsanwaltschaft Garmaier recht. Der Fall erregte Aufmerksamkeit. „Selbst in einer amerikanischen Kirchenzeitung war ich zitiert“, berichtete Garmaier, der den Klageführer am Mittwoch namentlich erwähnte.
In der aktuellen Silvesterpredigt berichtete Garmaier davon, wie die AfD nach dem drohenden Verbot einer Jugendorganisation kurzerhand ein eigene neue gegründet habe, deren Vorsitzende vom Verfassungsschutz beobachtet würden oder als rechtsextrem eingestuft seien. Da brauche sich der Herr, der vor der Kirche mit einem Plakat wetterte, Garmaier und Kardinal Marx würden die „AfD-Schafe“ aus der Kirche vertreiben, nicht zu wundern, wenn er Stellung beziehe. Es gehe dabei nicht um einseitige Kritik an einer Partei, sondern um eine klare Haltung gegen Rechts- wie auch Linksextremismus – immer dann, wenn der Eindruck entstehe, dass Menschen gegeneinander ausgespielt und Gesellschaften gespalten würden. „Diese Hetzjagd ist immer wieder zu beobachten – selbst in unseren Parlamenten.“
Auch international fand der Stadtpfarrer deutliche Worte. US-Präsident Donald Trump sei mitverantwortlich dafür, dass viele Menschen befürchteten, die einstige Vorbilddemokratie könne sich in Richtung Autokratie entwickeln. „Trump schert sich vielfach offenbar einen Teufel um das, was Richter sagen“, so Garmaier.
Russlands Präsident Wladimir Putin werde wohl weiter Bomben über der Ukraine abwerfen, um seine autokratische Macht zu sichern. Und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu habe sich zwar zu Recht gegen die Hamas gewehrt, die Geiseln genommen und tausende Menschen „buchstäblich abgeschlachtet“ habe. Dennoch bleibe die Frage, ob dies das Recht einschließe, „nahezu eine ganze Bevölkerung in ihrem Landstrich zu vernichten“. Jede Form von neuem Antijudaismus sei falsch. „Menschen, die gegen jüdische Menschen auf die Straße ziehen, machen diese kollektiv haftbar für einen.“
Kritik übte Garmaier auch an der eigenen Kirche. Nachdenklich stimme ihn der Umgang mit Menschen anderer sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität. Zwar werde ihnen zugestanden, den Segen zu empfangen – jedoch nicht im Rahmen einer Liturgie. „Sie dürfen so leben, wie sie sind, werden aber nicht anerkannt und ernst genommen“, so der Stadtpfarrer. Er sprach sich zudem dafür aus, wiederverheirateten Geschiedenen den Segen Gottes zuzusprechen, verbunden mit dem Wunsch, „dass Gott sie auf ihrem gemeinsamen Weg begleite“.
Die Reaktion der Gläubigen: Nach der Predigt habe es Applaus und im Anschluss mehrere Dankesworte gegeben, berichtete Garmaier.