Mit einer besonders fiesen Masche ist es Schockanrufern gelungen, eine 68-jährige Bruckerin hereinzulegen. Die Seniorin händigte ihre Ersparnisse, Schmuckstücke und einen kleinen Goldbarren an die Betrüger aus – ein Wert von 20 000 Euro. Es war alles, was sie hatte.
Fürstenfeldbruck - Noch Tage nach dem Vorfall kommen Ilse F. (Name geändert) die Tränen, wenn sie davon erzählt. Es war am späten Nachmittag des 19. August, als ihr Telefon klingelte – eine unterdrückte Nummer. „Ihr Sohn ist im Klinikum Großhadern“, behauptete der Anrufer. „Er hat Darmkrebs und nur noch drei Monate zu leben.“ Die einzige Rettung sei ein neues Medikament aus Österreich, das allerdings in Deutschland noch nicht zugelassen sei und privat bezahlt werden müsse.
Als Ilse F. das hört, setzt ihr Verstand aus. Sie hat bereits einen ihrer drei Söhne durch eine Krankheit verloren. Und wenige Monate zuvor ist ihr Bruder gestorben – ausgerechnet an Darmkrebs. „Ich bin durchgedreht“, sagt die 68-Jährige. „Ich war nicht mehr ich selber.“
Über eine Stunde lang bearbeitet der Anrufer die geschockte Frau am Telefon. Ihr Sohn habe gebeten, sie solle alles geben, was sie hat. Das muss man Ilse F. nicht zweimal sagen. „Ich würde alles für meinen Sohn tun.“
Kleiner Tresor
Ihre Ersparnisse bewahrt sie in einem kleinen Tresor in der Wohnung auf. Viel war nie übrig von ihrem Lohn als Küchenhilfe auf dem Fliegerhorst. Und doch hat sie es geschafft, über die Jahre 15 000 Euro Bargeld und 20 Gramm Gold zurückzulegen – fürs Alter, für ihre Beerdigung, und um sich auch mal etwas zu gönnen. „Ich bin in meinem Leben noch nie in Urlaub gefahren.“
Das ist jetzt alles egal. Ilse F. zählt das Geld und wiegt ihren Schmuck, wie der Anrufer es verlangt. Es sind Ketten und Armreifen, die ihr verstorbener Mann und ihr verstorbener Sohn ihr geschenkt haben. Stücke, die sie nie getragen hat, aus Angst, sie zu verlieren. „Ich habe sie nur manchmal hervorgeholt und angeschaut.“
Bargeld und Wertsachen
Nun packt Ilse F. Bargeld und Wertsachen zusammen, wie es der Anrufer fordert. Dann klingelt es unten an der Haustür. Die Rentnerin läuft die Treppe vom ersten Stock hinunter. Draußen steht ein großer schlanker Mann mit Käppi und einer Armbinde, die den Eindruck macht, er komme von einem Rettungsdienst. Alles geht sehr schnell. Die 68-Jährige händigt die Sachen aus, der Mann verlässt zu Fuß das Grundstück.
„Und dann war Totenstille“, sagt Ilse F. Zurück in ihrer Wohnung dämmert ihr die Wahrheit – sie ist hereingelegt worden. Verzweifelt ruft sie ihren Sohn an. Und dann die Polizei. Als die Beamten wenig später eintreffen, ist der Abholer längst über alle Berge.
Es ist nicht so, dass Ilse F. die Warnungen vor Schockanrufen und die Berichte über die Opfer nicht kannte. „Ich hätte nie gedacht, dass mir das passiert“, sagt die zweifache Großmutter. „Aber der Anrufer hat mich so unter Druck gesetzt – es war wie eine Gehirnwäsche.“
Acht Tipps: Die Polizei will niemals Geld
1. Polizei oder der Rettungsdienst rufen niemals unter den Notrufnummern 110, 112 oder unter 19222 an. Wenn man unsicher ist, kann man die Notrufnummer wählen, aber nicht über die Rückruftaste.
2. Auflegen, wenn man sich unwohl oder unter Druck gesetzt fühlt.
3. Die Polizei fordert niemals Geld am Telefon.
4. Keine Informationen über finanzielle Verhältnisse am Telefon.
5. Fremden niemals Geld übergeben.
6. Nicht raten, wer der Anrufer ist. Den Anrufer auffordern, seinen Namen zu nennen.
7. Wertsachen und höhere Geldbeträge nicht daheim aufbewahren.
8. Sollte man Opfer geworden sein, zur Polizei gehen und die Täter anzeigen.
Ich würde alles für meinen Sohn tun.