Im Landkreis gibt es besonders viele Blitze, das zeigt die Statistik. Ihre Gefahr darf man nicht unterschätzen, das zeigt eine Tragödie: Nahe dem Zugspitz-Gipfel verlor ein junger Mann kürzlich sein Leben. Gerade im Gebirge stellen Gewitter ein großes Risiko da.
Die Nachricht, dass auf der Zugspitze ein 18-jähriger Bursche von einem Blitz erschlagen wurde, machte bundesweit Schlagzeilen und sorgte für großes Entsetzen. Trotz Warnungen verließ der Mann die Bergstation und machte sich auf zum Gipfel, wo das Unglück seinen Lauf nahm. Doch warum sind Blitze in den Bergen so gefährlich? Und gibt es einen Trend, ob die Blitzeinschläge im Zuge des Klimawandels langfristig mehr werden?
Als Bergsteiger ist man dem Himmel sehr viel näher. Was romantisch klingt, hat gravierende Folgen für Menschen, die sich bei Gewittern im Gebirge aufhalten. Sie zählen zu den größten Gefahren einer Tour. Temperaturen von bis zu 30 000 Grad und Stromstärken bis zu 400 000 Ampere machen sie zu tödlichen Wetterphänomenen. Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen trafen im Jahr 2023 von Bad Bayersoien bis Mittenwald 2033 dieser Stromschläge den Erdboden, wie die Auswertung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) belegt. Von allen deutschen Landkreisen und Städten steht Garmisch-Partenkirchen damit auf Platz elf in der letztjährigen Blitzstatistik. „Hier treten im Durchschnitt pro Jahr drei Blitze pro Quadratkilometer auf“, erklärt Lothar Bock vom Deutschen Wetterdienst gegenüber dem Tagblatt. Zum Vergleich: In Franken ist es gerade mal einer. Die Zahlen stammen aus den Beobachtungsdaten der Stationen Zugspitze, Hohenpeißenberg und Garmisch-Partenkirchen.
Klimawandel: Kein Trend zu mehr Blitzen
Eine Tendenz aufgrund des Klimawandels kann der Experte nicht bestätigen. „Es gibt bislang keinen Trend zu mehr Extremen, auch wenn das medial und teilweise politisch manchmal anders beziehungsweise wenig differenziert dargestellt wird.“ In den 1950er bis 1960er Jahren wurden auf der Zugspitze und in Garmisch-Partenkirchen durchschnittlich 35 Gewittertage verzeichnet. Seit den 1990er Jahren rund 30 Tage. Und Hagel gibt's auf der Zugspitze durchschnittlich dreimal im Jahr. In Garmisch-Partenkirchen und Mittenwald hingegen nur einmal jährlich. In den 1950er bis 1970er Jahren waren es laut Bock eineinhalbmal so viel. Auch bei Niederschlägen allgemein sieht man bisher – unter anderem aufgrund der großen Schwankungen von Jahr zu Jahr – keinen signifikanten Trend. „Es wechseln sich blitzreiche und blitzarme Jahre in der Regel ab.“
Eindeutig hingegen zeigt sich: Es wird wärmer. „Seit Ende des 19. Jahrhunderts hat sich die Temperatur in der Region um bis zu zwei Grad erhöht.“ Dies verursache aber nicht unbedingt Wetterextreme. Vielmehr fällt deshalb in tieferen und mittleren Lagen im Winter weniger Schnee und die Gletscher schmelzen. Ein positiver Aspekt: „Die höheren Temperaturen sorgen aber auch dafür, dass Ernteerträge im Vergleich zu früher gestiegen sind“, sagt Bock. „Die Vegetationsgrenzen wandern nach oben und es gibt häufiger angenehmere Bedingungen für Schwimmbad- oder Biergartenaufenthalte. Veränderungen wirken sich immer in mehrere Richtungen aus.“
Rund 100 Menschen jährlich vom Blitz getroffen
Es gibt zwar nicht mehr Blitze, doch werden jährlich rund hundert Menschen von ihnen getroffen. Gewitter sind also ein gefährliches Wettergeschehen. Auch, weil sie meist von Sturm und peitschenden Regen- und Graupelschauern begleitet werden. Zur Tourenplanung im Gebirge gehört daher der Blick auf die Wettervorhersage. „Bei Gewittern unterscheidet man zwei Arten“, erklärt Bock. „Das Wärme- und das Frontgewitter.“ Erstere kündigen sich meist durch die typischen Haufen- beziehungsweise Quellwolken an. Daraus entwickeln sich riesige Wolkentürme, die an der Oberseite wie ein Amboss aussehen (Cumulonimbuswolke). Aber Vorsicht: Nicht erst die Bildung des Ambosses ist entscheidend für ein Gewitter. Dafür reichen schon hoch aufgetürmte Quellwolken.
Ein Frontgewitter hingegen ist schwerer zu erkennen, da es vor der Front oft besonders schön und wolkenlos ist – eine trügerische Idylle, die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Das Nahen einer Warmfront lässt sich an den hohen „Schleierwolken“ (Cirren) erkennen. Das Problem: Gewitter entstehen in den Bergen häufig sehr lokal und sind schlecht vorhersehbar. „So kann man selbst bei sorgfältigster Tourenplanung und stetiger Wetterbeobachtung in eines geraten“, warnt Markus Grübl vom Deutschen Alpenverein. Die regionalen Unterschiede sind oft riesig und können sich von den Ammergauer Alpen über das Wettersteingebirge bis hin zum Karwendel völlig anders auswirken.
Gewitter: Im August ist Risiko am größten
Während der Tour ist eine regelmäßige Wetterbeobachtung wichtig. Noch bis August ist die Gefahr am größten und es gibt eine hohe Neigung zu nachmittäglichen Wärmegewittern. „Am häufigsten blitzt es im Landkreis gegen 18 Uhr“, sagt Bock. Bei unsicheren Bedingungen sollte deshalb schon bei der Tourenvorbereitung ein möglicher Schutz wie Almen, Berghütten oder Notabstiege eingeplant werden, sagt Grübl. Und ganz wichtig: „Die Tour möglichst früh beginnen“. Wer doch in einen Blitzschauer gerät, sollte Waldränder, Nischen unter freien Felsblöcken oder frei stehende Bäume tunlichst meiden. „Auch ein Zelt ist dann im Gebirge kein sicherer Aufenthaltsort.“ Ausgesetzte Grate oder Gipfelkreuze sollten schleunigst verlassen werden. Grübls Appell: „Raus aus seilversicherten Steigen wie der Alpspitz-Ferrata.“