„Als hätte man vorher eine körnige Kamera gehabt“: Neue Antarktis-Karte zeigt detaillierte Topografie

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Eine neue Karte der Antarktis-Topografie bietet eine detaillierte Ansicht. Sie enthüllt zehntausende Berge und Hügel. Sie verrät auch etwas über den Klimawandel.

München – Paradoxerweise kennen Wissenschaftler die Oberfläche des Mars besser als die Landschaft unter dem antarktischen Eisschild. Doch ein internationales Forscherteam hat nun die bislang präziseste Karte dieser verborgenen Welt erstellt – mit faszinierenden Entdeckungen, die unser Verständnis des Klimawandels revolutionieren könnten.

Eine Karte zeigt die aktuelle Topografie der Antarktis. © Robert G. Bingham, Andrew Curtis

Forscher um Dr. Helen Ockenden von der Universität Edinburgh und dem Institut des Geosciences de l‘Environnement in Frankreich verwendeten eine innovative Methode namens Ice Flow Perturbation Analysis (IFPA). Diese Technik nutzt hochauflösende Satellitendaten der Eisoberfläche und die Physik des Eisflusses, um die darunterliegende Topografie zu rekonstruieren. Die Studie wurde am 15. Januar 2026 in der Zeitschrift Science veröffentlicht.

„Als hätte man vorher eine körnige Pixel-Filmkamera gehabt“: Neue Antarktis-Karte offenbart tausende Hügel und Berge

„Es ist, als hätte man vorher eine körnige Pixel-Filmkamera gehabt, und jetzt hat man ein ordentlich herangezoomtes digitales Bild von dem, was wirklich vor sich geht“, erklärt Studienleiterin Ockenden gegenüber BBC. Die revolutionäre Methode offenbart Zehntausende zuvor unentdeckter Hügel und Bergrücken sowie bisher unbekannte Details bekannter Gebirgszüge unter dem bis zu 4,8 Kilometer dicken Eis.

Eine der faszinierendsten Entdeckungen ist ein tiefer Kanal im sogenannten Maud Subglacial Basin. Dieser bisher unbekannte Kanal ist durchschnittlich 50 Meter tief, 6 Kilometer breit und erstreckt sich über fast 400 Kilometer – etwa so weit wie die Distanz von Hamburg nach Frankfurt.

Antarktis-Karte basiert auf IFPA-Methode

Die IFPA-Methode basiert auf einem eleganten Prinzip: Wenn Eis über Hindernisse am Untergrund fließt, entstehen subtile Veränderungen an der Oberfläche. „Es ist ein wenig wie beim Kajakfahren in einem Fluss“, erklärt Ockenden. „Wenn da Felsen unter dem Wasser sind, entstehen manchmal Strudel an der Oberfläche, die einem etwas über die Felsen unter dem Wasser verraten können.“

Die Wissenschaftler fanden außerdem Hinweise auf steile Kanäle, die möglicherweise mit alten Gebirgsentwässerungssystemen verbunden sind, sowie tiefe, u-förmige Täler, die an glaziale Täler anderswo auf der Erde erinnern. „Ich finde es einfach unglaublich interessant, all diese neuen Landschaften anzuschauen und zu sehen, was da ist“, sagt Ockenden. „Es ist, als würde man zum ersten Mal eine Topografiekarte vom Mars sehen und denkt: ‚Wow, das ist so interessant, das sieht ein wenig aus wie Schottland‘ oder ‚das sieht aus wie nichts, was ich je gesehen habe.‘“

Antarktis-Oberfläche zeigt wichtige Veränderungen des Klimawandels

Während Eis natürlich anders fließt als Wasser, manifestieren sich Bergrücken oder Hügel im Gestein sowohl in der Oberflächentopografie als auch in der Geschwindigkeit des Eisflusses. Die detaillierte Kenntnis der Landschaft ist nicht nur von akademischem Interesse. Die verborgene Topografie zeigt, wie sich das antarktische Eis bewegt und wie schnell es in einem sich erwärmenden Klima abschmelzen könnte.

„[Diese Studie gibt] uns ein besseres Bild davon, was in der Zukunft passieren und wie schnell Eis in der Antarktis zum globalen Meeresspiegelanstieg beitragen wird“, bestätigt Dr. Peter Fretwell vom British Antarctic Survey, der nicht an der Studie beteiligt war, gegenüber BBC.

Die zukünftige Geschwindigkeit des Abschmelzens in der Antarktis gilt als eine der größten Unbekannten in der Klimaforschung. Computermodelle, die diese neuen topografischen Details berücksichtigen, könnten präzisere Vorhersagen über den Meeresspiegelanstieg ermöglichen.

Erkenntnisse aus neuer Antarktis-Karte sind „wichtige Leitfäden für gezieltere Studien“

Die unter dem Eis konservierten Landschaften bieten auch Einblicke in die geologische Vergangenheit der Antarktis. Eis, das an seinem Untergrund festgefroren bleibt, schützt die subglaziale Topografie weitgehend vor Erosion und bewahrt so Landschaften, die vor Millionen von Jahren unter drastisch anderen klimatischen Bedingungen entstanden.

Die Gamburtsev Subglacial Mountains in der zentralen Ostantarktis sind ein solches Beispiel – sie bewahren Hinweise auf tektonische, fluviale und glaziale Einflüsse auf ihre ausgeprägt alpine Morphologie. Während die neue IFPA-Karte beispiellose Details über die verborgene Topografie der Antarktis enthüllt, gibt es noch Raum für größere Präzision. Die Rekonstruktion löst Merkmale im Mesoskala-Bereich auf – etwa 2 bis 30 Kilometer –, während kleinere Landformen noch außerhalb ihrer Reichweite bleiben, berichtet das Portal space.com.

„Unsere Landschaftsklassifikation und topografische Karte dienen daher als wichtige Leitfäden für gezieltere Studien der subglazialen Landschaft der Antarktis“, schreiben die Forscher. Sie informieren darüber, wo künftige detaillierte geophysikalische Vermessungen angesetzt werden sollten. Auch Bilder aus der Vergangenheit brachten Forschern zuletzt Aufschluss über die Entwicklung der Antarktis. Quellen: science.com, bbc.com, space.com, eigene Recherche (bk)

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