Mit dem Tod seiner langjährigen Partnerin gerät das Leben von Manfred Marterner aus den Fugen. Zuerst verliert er seinen Job, dann die Wohnung. Zuletzt lebt der Grafinger mit seiner Hündin Vroni im Auto. Der Terrier ist alles, was dem 65-Jährigen geblieben ist. Ans Aufgeben denkt er dennoch nicht.
Grafing – Manfred Marterner sitzt auf einem braunen Holzstuhl an einem weiß furnierten Tischchen, auf dem ein mit Papierkram überhäufter, alter Laptop, eine Filterkaffeemaschine, der Aschenbecher und ein Maggiflascherl stehen. Ein Schritt ist es zum Bett, drei Schritte sind es in die Nische mit dem Wasserhahn, der Einsteckkochplatte auf dem hüfthohen Holzregal und dem Wasserkocher auf dem Fenstersims. Das war’s. Der Raum, kleiner als ein Tiefgaragenstellplatz, ist Wohnzimmer, Schlafzimmer, Arbeitszimmer und Wohnküche in einem. Das Etagenbad in dem Nachkriegshäuserl in Grafing-Bahnhof teilt er sich mit drei Nachbarwohnungen. „Besser als im Auto“, sagt der 65-Jährige und krault die neunjährige Terrierhündin Vroni auf seinem Schoß. Er muss es wissen: Zwei Jahre lang wohnte er, mit Unterbrechungen, in seinem alternden, schwarzen Daimler-Kombi im hintersten Winkel des Grafinger Volksfestplatzes.
Sozialer Abstieg beginnt mit Schicksalsschlag
Das Auto und Vroni sind so ziemlich alles, was ihm aus seinem alten Leben geblieben ist, als er noch Fußballtrainer beim TSV Grafing und Vizekommandant bei der Nettelkofener Feuerwehr war. In seiner Heimatstadt war und ist er bekannt wie ein bunter Hund. Aber wenige wissen, was dem Mann widerfahren ist, den sie hier seit seiner Jugend in der Siedlung am Seeoner Bach „Fischko“ rufen.
Der Abstieg beginnt mit einem Ende. Marterners Partnerin erkrankt 2021 mit 59 Jahren plötzlich schwer, weil ihr Körper dem langjährigen, chronischen Diabetes nicht mehr gewachsen ist. Wenige Wochen später ist sie tot. Nach 18 Jahren Beziehung, erzählt Manfred Marterner, wirft ihn dieser Verlust aus der Bahn. Er verliert seinen Job als Außendienstmitarbeiter, weil in dieser Zeit seine Firma nicht mehr gut verkauft – und er schon gar nicht mehr. Er kann die gemeinsame Wohnung in Pöring bei Zorneding nicht mehr halten. Jobbt woanders. Wohnt woanders. Rund anderthalb Jahre lang. Braucht den Bausparer auf, der mal als Altersvorsorge gedacht war.
„Dann bin ich in die Obdachlosigkeit abgerutscht.“ Marterner hat sich auf sein Bett gesetzt, um dem Besucher von der EZ den einzigen Stuhl im Zimmer anzubieten. Er streichelt Vroni, einst Therapiehündin seiner verstorbenen Frau, die Pfoten, mit denen sie an seinem Knie empor um Zuneigung bettelt. „Keine Wohnung: keine Arbeit. Ohne Arbeit: kein Geld.“ Und irgendwann habe er sein Auto eben auf dem Volksfestplatz geparkt und sich dort schlafen gelegt, auf dem zurückgelehnten Fahrersitz. „Der Rest war ja voll mit meinen Sachen.“
Vom Stammtisch zurück ins Auto: Manfred Marterner lebt zwei Jahre am Volksfestparkplatz
Man könnte Manfred Marterner vorhalten, dass er nicht nach jeder Masche des sozialen Sicherheitsnetzes gegriffen hat, die sich ihm darbot. Die städtische Notwohnung in Grafing habe er nicht angenommen, weil er dafür seine Hündin hätte abgeben müssen, erzählt er. „Ich weiß nicht, wie ich heute ohne Vroni beinand wäre.“ In Forstinning habe er sich die Obdachlosenunterkunft angeschaut, in der er mit vier anderen in einem Raum hätte schlafen sollen. „Junkies, Alkoholiker“, sei seine entsetzte Diagnose gewesen. Er habe Angst um seine Sachen und um Vroni gehabt. „Und ich habe ja noch eine Würde“, sagt der 65-Jährige. „Da schlafe ich lieber im Auto.“ Aus Grafing habe er nicht weggewollt, schon die Wohnung damals in Pöring sei nur zum Schlafen gewesen. „Ich bin ja Grafinger“, sagt er. „Wo soll ich sonst hin?“
Ich habe ja noch eine Würde. Da schlafe ich lieber im Auto.
Und so lebte Manfred Marterner nachts im Auto, was in Grafing nur den wenigsten auffiel, die ihn tagsüber mit Vroni beim Spazierengehen sahen. Eine wichtige Anlaufstelle seit damals und bis heute quasi täglich für ihn: das Sozialcafé Sorglos der Caritas, wo er sich etwas zu essen machen, die Sanitäranlagen nutzen und den Tag im Warmen verbringen kann. Er ging weiter zu seinem Stammtisch, wie zuvor gut 25 Jahre lang. „Da habe ich meine Klage nicht vorgetragen“, sagt er, genauso wenig seiner Familie, so erzählt er es. „Ich bin keiner, der betteln geht.“ Trotzdem luden ihn die alten Freunde, die um seine Lage wussten oder sie wenigstens ahnten, manchmal reihum ein, damit er weiter dabeisein konnte. Dann: zurück ins Auto. „Wie geht’s?“, fragten ihn bekannte Gesichter auf der Straße manchmal. „Passt schon“, log Manfred Marterner dann. „Du schämst dich ja“, sagt er heute.
„Darfst dich nicht gehen lassen“: 65-Jähriger gibt nicht auf – und feilt an seiner Perspektive
Dass der „Fischko“ den Winter im Warmen verbringen kann, habe er dem Grafinger Bayernpartei-Aktivisten Günter Baumgartner und seinen Spezln zu verdanken. Sie haben die Wohnung für ihn aufgetrieben, die Miete zahlt das Amt, erzählt Baumgartner, der über den Winter im Auto sagt: „Für uns war das eine Horrorvorstellung.“ Zumal Marterner ein halbes Jahr den Führerschein abgeben musste. Ein Strafbefehl wegen eines Parkremplers, von dem er nichts mitbekommen habe und gegen den er sich den Einspruch nicht habe leisten können. So erzählt er es.
Wie auch immer, man braucht ihn nicht für einen Heiligen zu verkaufen, um festzustellen: Im Leben des Manfred Marterner ist es die vergangenen Jahre und Monate auf der sozialen Leiter ganz schön abwärts gegangen. „Das geht schnell“, sagt er und nickt mit einem schiefen Lächeln, während er auf dem Bett sitzend nachdenklich an seinem Hosenbein zupft. Es gibt aber eine Perspektive: In neun Monaten könne er in Rente gehen. „Dann soll es geregelt weitergehen“, sagt er. Will heißen: auf eigenen Beinen stehen, sich eine gescheite Wohnung leisten und vielleicht ein paar Möbel, die er hergeben habe müssen, wieder auslösen. Das Wasserbett etwa, das er wegen seiner künstlichen Bandscheibe jeden Tag schmerzlich vermisse. Vielleicht auch ein paar Euro dazuverdienen, wenn ihm jemand eine Arbeit geben könne. Und wieder eine Partnerschaft eingehen, wenn ihm die Richtige begegne. „So alt bin ich schließlich auch wieder nicht“, sagt Manfred Marterner. Zurzeit besitzt er nicht einmal einen Kühlschrank. „Aber du darfst dich nicht gehen lassen.“