Dörte Hansen kann‘s. Edith Ehrhardt auch. Die Leiterin der Theaterei Herrlingen hat für „Altes Land“ die Regie übernommen. Und aus dem Bestsellerroman mit kleinen Mitteln und großartigem Ensemble ein zauberhaftes Bühnenstück gemacht.
Landsberg – Die Worte, die Dörte Hansen in ihrem Roman „Altes Land“ findet, sind norddeutsch kantig geschliffen. Da kommt die aus Polen geflüchtete Hildegard von Kamke mit „verlaustem Kopf“, aber „300 Jahre ostpreußischem Familienstammbaum im Rücken“ auf Ida Eckhoffs Hof im Alten Land. Und fordert auch noch mit „korrekter Artikulation einer Sängerin“ Essen für Tochter Vera. Das erzeugt Kopfkino vom Feinsten – und deshalb wundert es auch nicht, dass Hansen bei der Vergabe der Aufführungsrechte für den Roman ‚pischerig‘, wählerisch war.
„Altes Land“ der Theaterei Herrlingen im Landsberger Stadttheater: Drei für alle
Die Leiterin der kleinen Theaterei Herrlingen Edith Erhardt hat Hansen überzeugt: Sie war bereit, den Romantext unverändert zu übernehmen, auf zweieinhalb Stunden gekürzt. Das Ergebnis ist großartig: Mit Mini-Ensemble und einer kaum vorhandenen Requisite entsteht ein Stück voller Humor und Nostalgie. Getragen von Leichtigkeit und drei fantastischen Schauspielerinnen. Eine Inszenierung, die dem zugrunde liegenden Roman ein Sahnehäubchen aufsetzt.
Erzählt wird nichtlinear, in Rückblicken und Gegenwartsblitzlichtern: die Geschichte der geflüchteten Hildegard von Kamke über ihre Tochter Vera bis hin zu deren beiden Töchtern und Veras Enkelin Anne. Hass und Liebe, Aufbruch und Ankommen, Anfang und Ende. Barbara Fumians Bühne und Kostüme verfolgen die Prämisse der Reduktion: ‚Signature-Utensilien‘ stehen für Figuren: die blaue Arbeiterjacke samt Kappe für Hildegards Mann, Idas Sohn Karl. Vera leuchtet aufrührerisch rot, Hildegard schnieke mit edlem Mantel, die Landwirte, genervt von Ökostädtern, die alles besser zu wissen meinen, sind wunderbar überzeichnet mit Ohrenfellschlappmütze und Latzhose.
Zwei essenzielle Möbel bilden die Haupt-Requisite und sind zugleich Symbole für den Machtkampf zwischen den Frauen: die weiße Bank, Idas wörtlicher Stammsitz, den Hildegard erobert – als „Stalingrad too Hus“ beschreibt es Nachbar Lührs. Und der Klavierhocker, ebenfalls Machtsymbol für Hildegard, die damit Ida aus dem Haus und letztendlich in die Schlinge auf dem Speicher treibt.
Damit drei Schauspielerinnen den Personenkosmos des Romans spielen können, muss der Umzug zackig sein. Lisa Wildmann, Agnes Decker und Ursula Berlinghof übernehmen die Nebenrollen abwechselnd, nur die Hauptcharaktere sind bei jeweils einer der Drei verankert. Für die ‚Verwandlung‘ greifen die Schauspielerinnen die jeweiligen Kostüme von der Fachwerk-Bühnenrückwand, einer Art Garderobe des Hauses, das Anker und Angelpunkt der Geschichte ist: Ein Haus wie ein Schiff auf hoher See, ein Haus, das „stöhnte, aber es würde nicht sinken“. Ein Haus, das am Ende, wenn Trauer, Hass und Verletzungen wie hinter Milchglas verschwommen sind, endlich still steht.
„Altes Land“ in der Inszenierung der Herrlinger Theaterei: starke Frauen, schwache Männer
Das Stöhnen des Hauses ist der unablässige Wind, der durch die nicht renovierten Fugen fegt, Grundklang der Inszenierung. Ansonsten trällert Hildegard Opern beim Stallausmisten. Und Karls Mundharmonika liefert generationenübergreifend den dezent-penetranten, hirn-nagenden Soundtrack. Mehr braucht es nicht an Klang. Es gibt ja ausreichend Text.
Und den machen Wildmann, Decker und Berlinghof lebendig, im Wechsel zwischen ans Publikum gewandter Erzählung und Dialog. Gesprochen wird deutlich, emotional zurückgenommen: Die Schauspielerinnen wirken als Flächen, auf die die jeweiligen Rollen ‚abfärben‘. Und das ist in keiner Weise weniger überzeugend. Denn da ist dieser wunderbare Text Hansens. Und da sind die perfekt gesetzten Gesten aller drei Schauspielerinnen, die mit minimalstem Aufwand so viel Persönlichkeit erzeugen, dass die Figuren in all ihrer Charakteristik deutlich werden: Wildmanns galant reduzierte Hochnäsigkeit als Hildegard. Deckers sturköpfige Rebellion in der Figur Veras, ihre Hilflosigkeit als Anna, die im Lauf der Zeit zu Stärke wird. Und Berlinghofs wundervolles Plattdüütsch, das Ida so viel Eigensinn und Verwurzelung schenkt. Dazu kommen die oft humoristisch überzeichneten Nebenfiguren, bei denen vor allem die Landwirte für großes Amüsement sorgen.
Manchmal wirken Grenzen erweiternd. Der Charme, den die klare Inszenierung Erhardts versprüht, entsteht gerade durch die vielen Rollenwechsel, die marginale Ausstattung. Weil so Hansens Worte wirken. Und die starken Frauen – und ihre Darstellerinnen – in diesem Stück voll schwacher Männer hell leuchten. Standing Ovations vom Landsberger Publikum.
Die Inszenierung der Theaterei Herrlingen hat, ebenso wie „Kitzeleien - Tanz der Wut“ des Theaters Spagat (Publikumspreis) und „Der Kontrabass“ in der Inszenierung des Münchener Hofspielhauses (Komödie), in der Kategorie Zeitgenössisches Drama den Monika Bleibtreu-Preis für Privattheater erhalten.
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