Der Metro-Chef Steffen Greubel sieht die Verfügbarkeit von Lebensmitteln in Europa gefährdet. Durch den Klimawandel zu zunehmende EU-Regulierung stehe die Versorgungssicherheit auf dem Spiel.
Düsseldorf – Auf den ersten Blick wirken die Zahlen des Großhändlers Metro besorgniserregend: Im Geschäftsjahr 2023/24 hat das Düsseldorfer Unternehmen den Umsatz zwar um 1,6 Prozent auf 31 Milliarden Euro gesteigert, aber im operativen Ergebnis einen Verlust von 125 Millionen Euro gemacht. Doch der Vorstandsvorsitzende Steffen Greubel beschwichtigte sofort und sprach von Wachstum sowie einer verbesserten Marktposition – trotz schwieriger geopolitischer und wirtschaftlicher Lage. Bei der Versorgungssicherheit von Europa und speziell Deutschland war es genau andersherum: Die Situation rund um den Zugang zu Lebensmitteln in Deutschland wirkt erstmal sicher – doch laut Greubel trübe diese Annahme.
Metro-Chef Steffen Greubel sieht Versorgung bei Lebensmitteln gefährdet – Regulierungen seien schuld
Auf der Bilanzpressekonferenz des Unternehmens warnte er vor künftiger Knappheit: „Wir werden eine Situation erleben hier in Europa, wo wir gucken müssen, dass wir die Versorgungssicherheit gewährleisten.“ Als Beispiel nannte er die derzeitige Entwicklung bei Fleisch, Obst und Gemüse sowie der generellen lokalen Lebensmittelproduktion in Deutschland: „Die Verfügbarkeit von Lebensmitteln wird langfristig die größere Herausforderung sein als der Preis“, erklärte Greubel weiter.
Überwiegend dürfte die düstere Prognose auf den Erfahrungswerten von Metro selbst basieren. Als Großhändler versorgt das Unternehmen Betriebe in der Gastronomie in über 30 Ländern. Dabei erlebt Greubel jene Ursachen für die Preissteigerungen bei Butter oder Olivenöl in erster Linie. Denn bevor irgendwann im schlimmsten Szenario die Verfügbarkeiten knapp werden, müssen sich Konsumenten auf höhere Preise bei Lebensmitteln einstellen, so die Theorie von Greubel: „Weil sich mehr Einkäufer um die gleichen Ressourcen streiten, drohen aber die Preise zu steigen.“ Neben dem Klima seien dafür auch die umfassende Regulierung der EU sowie politischer Wille mitentscheidend für die Verfügbarkeiten am Lebensmittelmarkt.
Schweinefleisch aus Spanien und Früchte aus Afrika: Greubel sieht Deutschlands Landwirtschaft gefährdet
Exemplarisch dafür seien laut dem Metro-Chef die abnehmenden Viehhaltungsbetriebe in Deutschland: Als Reaktion darauf kaufe sein Unternehmen verstärkt Schweinefleisch in Spanien. Und da dort weniger Zitrusfrüchte gezüchtet würden, müsse sich die Metro als Ausgleich in Afrika bedienen. Am Ende resultiere jeweils ein viel längerer Handelsweg aus den Importen, was im Widerspruch zu den Klimazielen der EU stehe.
Ähnliche Herausforderungen erlebten zuletzt Erdbeer- und Spargel-Produzenten. Neben Wetterextremen verhindern EU-Vorschriften etwa den Einsatz essenzieller Pflanzenschutzmittelzulassungen oder von Beregnungsbrunnen für die Bewässerung. Hinzu käme, dass die Mindestlohnerhöhung für viele Produzenten nicht mehr rentabel sei. Laut dem Spargel- und Beerenverbände e.V. würden viele Saisonarbeitskräfte durch den höheren Lohn die Felder frühzeitig verlassen, da sie ihr Einkommensziel bereits erreicht hätten. Die Folge seien Ernteeinbrüche und, dass Großhändler vermehrt auf Importe aus Südeuropa oder Übersee setzten.
Moderater steht es um die heimischen viehhaltenden Betriebe: Laut Statistischen Bundesamt ist deren Zahl zwischen 2020 und 2023 um vier Prozent zurückgegangen. Trotzdem blieb ihr Gesamtanteil an den insgesamt rund 255.000 landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland mit 63 Prozent nahezu konstant (2020: 64 Prozent).
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Milchviehhaltung in Deutschland lohnt sich nicht: „Jeder fragt sich: Warum sind die Butterpreise so hoch“
Das gilt nicht im Bereich der Milchviehhaltung: Laut Hans Jürgen Seufferlein vom Verband Milcherzeuger Bayerns verliere Deutschland jährlich vier Prozent der Betriebe. Auch hier spielen hohe Regulierungsanforderungen an Tierwohl eine entscheidende Rolle. Der Unterhalt einer Kuh koste zwischen 18.000 und 20.000 Euro sagte Seufferlein gegenüberTagesschau.de. Speziell Biobauern leiden unter dem Kostendruck: Laut der Vereinigung der Milcherzeuger koste ein Kilo Biomilch in der Produktion 70 Cent, am Markt verdienen die Landwirte allerdings nur 60 Cent – ein Minusgeschäft. Auch Greubler kennt dieses Problem und warnt: „Jeder fragt sich: Warum gehen die Butterpreise hoch? Weil es weniger Rindviecher gibt und die Milch einen niedrigeren Fettgehalt hat, weil das Futter schlechter ist, wenn Düngeverordnungen geändert werden.“
Dieser Preisdruck zwinge die Metro dazu, auch Lebensmittel aus niedrigeren Haltungsformen anzubieten. Ansonsten sei der Konzern bald Geschichte und könne mit der Konkurrenz nicht mehr mithalten. Gerade bei den Gastronomen, die Metro beliefere, würden Preis, Qualität und Verfügbarkeit im Vordergrund stehen. Haltungsformen oder Produktionsbedingungen seien dagegen zweitrangig.
Mercosur-Abkommen hilft Großhändlern beim Preisdruck – doch was passiert mit der heimischen Wirtschaft?
Folgt man dieser Argumentation, haben große Handelsabkommen wie jenes mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten einen positiven Effekt auf die Bilanz von Großhändlern. So sollen künftig landwirtschaftliche Produkte wie Fleisch oder Obst aus Argentinien, Brasilien, Bolivien, Paraguay und Uruguay von Handelszöllen befreit sein. Für die heimischen Produzenten sind derartige Abkommen allerdings nur ein Grund mehr, das eigene Geschäft aufzugeben. Verbände argumentieren, dass hiesige Landwirte mit den billigeren Einfuhren aus Übersee nicht konkurrieren könnten.
So sehen es auch Frankreich, Österreich und Polen, die eine einflussreiche landwirtschaftliche Lobby im Land haben. Alle drei haben angekündigt, gegen das Abkommen vorzugehen. Greubler dürfte hingegen der anderen Seite die Daumen drücken.