Kein Aufzug am Bahnhof, kein Fahrdienst: Transportdilemma für Rollstuhlfahrer

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Die Rettung für Alexander Cerwenka war Tanja Patti, die Behindertenbeauftragte der Gemeinde Hebertshausen: Sie schnappte sich den Gemeindebus und transportierte den Prittlbacher mitsamt seinem Elektro-Rollstuhl zum Bahnhof nach Röhrmoos. © hr

Alexander Cerwenka aus Prittlbach musste am Donnerstag mit seinem Elektro-Rollstuhl zu einer Schulung nach München. Das erste Problem: Die Aufzüge an den Bahnhöfen – sowohl in Hebertshausen, als auch in Dachau – sind derzeit außer Betrieb. Sein zweites Problem: Er fand keinen Fahrdienst, der ihn zum Bahnhof Röhrmoos, wo der Aufzug funktioniert, fahren konnte. Seine Rettung: Tanja Patti, Behindertenbeauftragte der Gemeinde Hebertshausen.

Seit kurzem hat Alexander Cerwenka einen neuen Rollstuhl, elektrisch und 160 Kilo schwer. Der 43-jährige Prittlbacher ist an Multipler Sklerose erkrankt, mit fortlaufender Verschlechterung. Für seinen leichten Rollstuhl, von Muskelkraft angetrieben, reicht ihm die Kraft nicht mehr. Um den Umgang mit dem neuen E-Rollstuhl zu lernen, meldete er sich für eine Schulung an: am vergangenen Donnerstag in München. Allerdings ahnte er nicht, wie schwer es sein würde, per Bahn dorthin zu gelangen. Am Ende half ihm Tanja Patti, die Behindertenbeauftragte der Gemeinde Hebertshausen, mitsamt dem Gemeindebus.

„Ich wusste, dass in Hebertshausen der Aufzug nicht funktioniert“, erklärt Alexander Cerwenka. „Und mein Vater berichtete mir, dass auch in Dachau der Aufzug außer Betrieb war.“ Also rief der 43-Jährige am Mittwoch bei der Deutschen Bahn an und fragte, wie er mit der S-Bahn nach München kommen könnte. „Mir wurde gesagt, dass ich halt in Röhrmoos einsteigen soll.“ Aber bis er mit seinem Rollstuhl mit einer Geschwindigkeit von 6 km/h im gut acht Kilometer Röhrmoos sei, vergehen locker eineinhalb Stunden.

Darum versuchte Cerwenka eine Transportmöglichkeit zu finden. „Aber sämtliche Taxiunternehmen können keine Elektro-Rollstühle fahren.“ Das Problem ist das Gewicht des Rollstuhls, er müsse über eine Rampe ins Fahrzeug geschoben werden. Auch bei BRK- und MVV-Ruftaxi sowie privaten Fahrdiensten hatte er keinen Erfolg, manchmal kassierte er Absagen, weil Elektro-Rollstühle nicht transportiert werden konnten oder weil die Anfrage zu kurzfristig kam. Über das Internet stieß er schließlich auf Tanja Patti, ehrenamtliche Behindertenbeauftragte der Gemeinde Hebertshausen. „Ich habe sie um Hilfe gebeten, und sie hat alles in Bewegung gesetzt!“

Allerdings auch vergeblich. „Ich hab zweieinhalb Stunden herumtelefoniert, um einen Fahrdienst zu finden“, berichtet Patti. Von der Kontaktstelle für Menschen mit Behinderung über das BRK und die Johanniter bis zum Franziskuswerk: „Lauter Absagen.“ Der Grund war auch hier oft der schwere Elektro-Rollstuhl, der eine spezielle Rampe benötige. Und einer ihrer Gesprächspartner habe erklärt, dass es nicht lukrativ sei, einen solchen Service anzubieten. „Das einzige, was mir dann eingefallen ist, war der Gemeindebus“, so Tanja Patti. „Zum Glück haben wir den!“ Und weil auch ein Aufruf bei der Nachbarschaftshilfe verhallte, fuhr sie selbst. Der Bauhof der Gemeinde Hebertshausen hängte spontan noch die Rampe ein, Patti holte den Bus am Donnerstagfrüh am Bauhof ab, fuhr mit Alex Cerwenka von Prittlbach nach Röhrmoos, tauschte am Bauhof wieder das Auto – und am Abend genauso.

„Ohne Tanja Patti hätte ich nicht gewusst, was ich machen soll, ich hätte zu Hause Däumchen gedreht“, sagt Alex Cerwenka dankbar. Er ist für die Zoologische Staatssammlung München als technischer Angestellter tätig, zur Zeit aber im Homeoffice. Er hofft, dass der Aufzug wieder funktioniert, wenn er wieder im Büro arbeiten wird.

Die Deutsche Bahn erklärt, dass der Aufzug in Hebertshausen „für längere Zeit“ nicht zur Verfügung stehe, aber nicht wegen eines Defektes, „sondern weil wir ihn komplett erneuern“, so ein Bahnsprecher. Die komplette Erneuerung benötige „standardmäßig rund vier bis sechs Monate“. Die Aufzüge in Dachau waren laut Bahnsprecher „nur für einen sehr kurzen Zeitraum“ für eine planmäßige Wartung außer Betrieb.

Tanja Patti war am Ende zwar „happy“, dass sie helfen konnte – auch wenn sie sich einige Stunden freinehmen musste. Sie findet es aber „krass, dass man in der heutigen Zeit einen ganzen Nachmittag herumtelefoniert dafür, dass ein Mensch mit Behinderung von A nach B kommt, und man niemanden findet“! Sie überlegt sich nun eine Lösung für die Zeit, in der Aufzug in Hebertshausen nicht funktioniert, zum Beispiel einen Ersatzfahrdienst. „Ich finde es jedenfalls cool, dass wir den Gemeindebus dafür haben – und dass wir damals bei der Anschaffung durchgesetzt haben, dass eine Rollstuhlrampe eingebaut wird.“

Das einzige, was mir dann eingefallen ist, war der Gemeindebus.

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