Konzerte in Greifenbergs Institut für Musikinstrumentenkunde sind besonders. Schon der Aufführungsort im paradiesischen Nirgendwo flüstert ‚Entspannung‘. Die zeigt auch die Hauskatze beim Stravanzen durchs Publikum. Und wenn es losgeht, fließt Ungehörtes ins Ohr. So wie bei „Napoleon und Bayern“: eine Revue über ‚Bonapartl‘, samt Wissenswertem vom Experten.
Greifenberg – Napoleon war gar nicht klein. Seine 1,68 Meter waren Durchschnitt für den mitteleuropäischen Mann vor 200 Jahren. Auch Goethe maß nur einen Zentimeter mehr. Und Friedrich der Große trotzte seinem Namen mit satten 1,60. Ein Aspekt, der Prof. Moritz Eggert, Virtuose am Hammerklavier und Cembalo, sogleich zum süffisanten Vierzeiler animiert. Aber gehen wir zum Anfang.
Musik zu „Napoleon und Bayern“ im Greifenberger Institut: Lobhudeleien und Kritik
Der dringt mit Dudelsacklauten ans Ohr. Das Borduninstrument hat Multiinstrumentalistin und Sängerin Monika Drasch in der Hand – neben der grünen Geige schon fast ein Markenzeichen. Den Einmarsch garniert Bariton Martin Danes mit einem herzhaftem Jodler: Da sind wir, mitten in Bayern, in der Zeit Napoleons. Drasch, Eggert und Danes starten mit einem Volkslied – das Drasch nach wenigen Takten abbricht. Für eine Einführung, die Personalien, aber auch der Konzertinhalt: „Es geht um Krieg und Frieden, um Aufrüstung und Korruption. Haben wir was gelernt? Fangen wir nochmal an.“
Nicht nur die Napoleonischen Kriege und das Drumherum sind Thema: Seitensprünge ins Jetzt füllen den Abend. Und Historisches, rhetorisch gewürzt vorgetragen von Prof. Klaus Wolf. Der Inhaber des einzigen Lehrstuhls für Deutsche Literatur und Sprache in Bayern, situiert in Augsburg, berichtet vom berühmten Korsen, dem eine Art vereintes Europa gelang, der eine Verfassung mit zahlreichen Freiheitsrechten schuf, den „Code Napoleon“. Und der war Vorbild für die ersten beiden Bayerischen Verfassungen von 1808 und 1818, womit das Königreich Bayern der erste Flächenstaat mit einer Verfassung wurde. Anlass für die Innsbrucker, die „Unbestechlichkeit“ der durch Bürokratie-Reformer Montgelas geformten Beamten über den grünen Klee zu loben.
Kriegslieder ohne Hurra-Patriotismus: eine WG mit dem Husaren
Zu den Lobhudeleien aufs Bonapartl gibt‘s Kontra: Das Volkslied „Als Jüngling schlug mir hoch die Brust“ erzählt vom anfangs mit ‚Hurra-Patriotismus‘ für den Korsen ins Feld ziehenden Husar, dem bei Leipzig „der Arm abgehauen“ wird. Aber es menschelt, selbst im Bestialischen: Der ‚Abhauer‘ reicht dem Husaren zum Verbinden sein Taschentuch. Anlass dafür, nach einem späteren Wiedersehen ein gemeinsame WG zu starten.
Wolf erzählt über die Säkularisation und der Umwandlung des Benediktinerklosters am Tegernsee zum Wittelsbacher Königsschloss, der Startschuss für den Schlössertourismus in Bayern. Von der Bildungsmisere durch den Wegfall der Klöster oder auch über die „erstaunliche Karriere“ von Max I. Joseph vom verarmten Prinzen zum König. Dazu mäandern die drei Musizierenden durch die Jahrzehnte. Ein korsisches Volkslied im melancholischen Moll, bei dem Danes weicher Bariton Draschs Stimme rahmt, begleiten Eggert am Hammerklavier und Danes an der deutschen Basslaute: einer Laute mit einem zweiten, am ‚schiefen‘ Hals versetzten Wirbelkasten – und damit mit bis zu neun Bordunsaiten. Eine martialische Trommel ergänzt ein Lied über Passaus Bürger, vom kriegsgierigem Napoleon bis aufs letzte Hemd ausgequetscht. Musik erklingt aus dem Tiroler Passeiertal, über den Freiheitskämpfer Andreas Hofer, den Napoleon später in Mantua hinrichten ließ.
Gespielt wird aus der Stubenberger Liederhandschrift, entstanden Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts. Dazu kommt ein herzgreifendes Schlaflied mit Text von Matthias Claudius, zu hören ist Schubert und schließlich auch Hanns Eislers „Ballade von der Krüppelgarde“: „Wir können nicht im Schritt geh‘n, die Mehrzahl hat nur ein Bein.“
Die Amalienpolka vom Zithermaxl, Sissis Vater, wird kurzerhand mit „Wenn der Mut in der Brust seine Spannkraft übt“ aus dem Radetzky-Marsch betextet. Das Bundeslied von 1824 bekommt ein Walzer-Zwischenspiel, das dem hehren Gesetzten die Bierernstigkeit nimmt. Eggert stülpt Chopin einen Text über Josephines und Napoleons Eifersuchts-Problem über. Und natürlich darf das Publikum mitsingen, beim Jodel-Halleluja auf die Bayerische Verfassung.
Es ist die Mischung, die die außergewöhnliche Qualität des Konzerts ausmacht. Denn so viel Wissen kann das Hirn nur aufnehmen, wenn es dabei von hervorragender und ungewöhnlicher Musik aktiviert wird. Und zum Abschluss, damit‘s auch hängenbleibt, ein Zuckerl bekommt: das amerikanische Lied mit der existenziellen Frege: „Will there be any Yodeling in Heaven“.
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