Vom Zufallstelefonat aus Marokko zur gelebten Integration in Murnau

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Auf dem Christkindlmarkt: Amina Ben Taleb mit Ehemann Ousama Majidi und Charlotte Haller. © Privat

Manchmal genügt ein einziger Augenblick, ein kleiner Moment, der lebensweisend sein kann und einen langen gehegten Traum erfüllt. Es fühlt sich an wie Magie, fast wie ein Weihnachtsmärchen. Und vielleicht wäre es nie dazu gekommen, hätte Heidi Haller, Chefin der traditionsreichen Metzgerei Haller, den klingelnden Anruf nicht höchstpersönlich entgegengenommen.

Murnau – Seit 1896 führt die Familie Haller ihren Betrieb in vierter Generation im Untermarkt in Murnau. Ein Haus mit Geschichte, Handwerk und Herz. Doch was sich an diesem einen Tag ereignete, zeigte auf eindrucksvolle Weise, dass Integration nicht nur möglich ist, sondern gelingen kann, wenn Menschen einander offen begegnen.

Es begann mit einem Telefon, das weit über Murnau hinaus eine Verbindung schuf. Am anderen Ende meldete sich Amina Ben Taleb. Sie rief aus Marokko an, vom Rand der Sahara, und bewarb sich in gutem Deutsch um einen Ausbildungsplatz zur Fachverkäuferin. Zufällig nahm Adelheid Haller selbst das Gespräch an und spürte sofort Sympathie. Ein paar Tage später folgte das offizielle Bewerbungsgespräch per WhatsApp Videocall. Mit dem Handy in der Hand führte die Chefin durch den Laden und das Restaurant, zeigte die Theke, die Küche, stellte Kolleginnen und Kollegen vor.

Heute, über ein Jahr später, gehört Amina längst zur Metzgerei Haller. In der Berufsschule schreibt sie Bestnoten. Bei der Kundschaft ist sie beliebt, freundlich und offen. Dass sie als gläubige Muslima kein Schweinefleisch isst, spielt keine Rolle. Anfassen und verkaufen kann sie es. Auch ihr Kopftuch störe niemanden, sagt Heidi Haller. Im Gegenteil: „Hygienischer geht es ja kaum.“

Amina selbst erzählt begeistert von ihrem Alltag: „Es gibt immer viel Neues zu lernen, so viel Vielfalt, es wird nie langweilig, deshalb macht die harte Arbeit Spaß.“ Die vielen neuen Wörter und Ausdrücke in der Fachsprache lernt sie auf ungewöhnliche Weise. „Mach Fotos von der Ware und schreib die Namen dazu“ schlug ihr Chefin Heidi vor. Also fotografierte Amina Weißwürste, Landjäger, Aufschnitt, Salate, Käse und vieles mehr und prägte sich so jedes Produkt ein.

„Es ist faszinierend, wie schnell Amina lernt“, sagt Heidi Haller. „Sie ist unglaublich fleißig, freundlich und liebevoll. Ein Traum für jeden Betrieb.“

Im Sommer wurde Familie Haller zu Aminas Hochzeit nach Marokko eingeladen ,und dort wie Familienmitglieder aufgenommen. Und das nächste Kapitel der Geschichte ist bereits geschrieben. Seit zwei Wochen lebt auch Aminas Mann in Murnau. Mit intensiver Unterstützung der Hallers beginnt er nun eine Ausbildung zum Konditor, fast vis à vis, im Café Krönner

Die Geschichte hat inzwischen sogar den Bayerischen Rundfunk berührt. In der ARD Mediathek kann der Beitrag unter dem Titel „Wir in Bayern – Ungewöhnliche Metzgerei und gelungene Integration“ abgerufen werden.

Es ist eine Geschichte über Mut, Zufall und Menschlichkeit, über ein Telefonat, das Leben verändert hat. Und über eine Metzgerei, in der vor 90 Jahren noch Hakenkreuze die Wände zierten und Treffen der NSDAP stattfanden. Über einen Betrieb, in dem ein kleines Wunder der Integration spürbar ist und zeigt, dass sich Geschichte durchaus ändern kann, indem man offen aufeinander zugeht und Vorurteile, passend zur Metzgerei, einfach Wurst sind.

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