Der „Dämon“ aus dem Wohnmobil: Schizophrener Messerangreifer vor dem Münchner Landgericht

  1. Startseite
  2. Lokales
  3. Dachau
  4. Sulzemoos

Kommentare

Nach einem blutigen Angriff auf einen Mitcamper muss sich ein 39-Jähriger derzeit vor dem Münchner Landgericht verantworten. © Frank Rumpenhorst

Es war ein schrecklicher Vorfall. Auf einem Campingplatz in Sulzemoos wurde im November 2023 ein 57-Jähriger übelst zugerichtet. Ein schizophrener Mitcamper zog ihm hinterrücks ein Messer quer durchs Gesicht – weil er in ihm einen Dämon sah und diesen austreiben wollte. „Ich dachte, ich sei Gottes Sohn“, sagte er am Dienstag zu Prozessauftakt vor dem Landgericht München II.

Sulzemoos/München – Sei vielen Jahren kämpft der Münchner Postbote mit psychischen Problemen. Bereits zum Ende seiner Schulzeit deutete der heute 39-Jährige Bemerkungen seiner Klassenkameraden als gegen sich gerichtet. Das galt sogar für Töne. 2006 begab er sich erstmals in Behandlung. Es folgten verschiedene Medikationen, unter deren Nebenwirkungen er sehr litt und die er deshalb auf eigene Faust reduzierte.

Auch vor dem Angriff in Sulzemoos war das der Fall – mit fatalen Folgen. Plötzlich hörte der Postbote Stimmen. „Sie kamen von Engeln und Dämonen und sie manipulierten ihn“, berichtete sein Anwalt. „Die Engel sagten ihm, er müsse zum Licht“, las der Verteidiger weiter eine vorgefasste Erklärung vor. „Und er wollte zum Licht“, fügte er hinzu.

Tatsächlich hatte der 39-Jährige auf dem Campingplatz Licht gesucht und dafür eine Steckdose im Wohnmobil des Opfers gebraucht. Und das mitten in der Nacht. Ein Kontrollton weckte den 57-jährigen Tübinger, der seinen späteren Peiniger erkannte, der mit einer Bettdecke und einer Laterne unterwegs war. Die Polizei kam und regelte die Situation.

Die Beamten kamen wenig später ein zweites Mal vorbei, weil der Angeklagte zusammenhanglose Sätze und Obszönitäten von sich gab. Um 5 Uhr früh eskalierte das Geschehen. Um beim Opfer einen vermeintlichen Dämon auszutreiben, versuchte der Postbote in das Wohnmobil einzudringen. Schließlich schrie er: „Ich brauche Hilfe.“ Der 57-Jährige bot seine Hilfe an; und wurde mit dem Messer angegriffen.

„Ich habe gemerkt, wie er springt“, erinnerte er sich nun vor Gericht. „Meine Frau schrie noch: ,Er hat ein Messer!‘“ Doch dann war es schon um ihn geschehen. „Er hat alles weggeschnitten“, sagte der 57-Jährige und deutete mit der flachen Hand einen langen Schnitt unterhalb der Nase an. „Wie der anschließende Kampf stattgefunden hat, weiß ich nicht mehr. Nur mein Daumen hing plötzlich runter.“

Seine Frau schrie um Hilfe. Mitcamper eilten herbei und halfen, den Angeklagten zu Boden zu bringen. Das Opfer erlitt zahlreiche stark blutende Schnittverletzungen im Gesicht sowie einen Nasenbruch und eine Gelenksprengung am Daumen. Der Tübinger musste mehrfach operiert werden. Er ist derart traumatisiert, dass sein Anwalt bei der Zeugenaussage um eine räumliche Trennung vom Angeklagten bat. Der 39-jährige musste sich mit zwei Polizei-Beamten zur Bewachung in den hinteren Bereich des Saals setzen. Dort folgte er mit geschlossenen Augen der Vernehmung.

Der Angeklagte, der wegen Schuldunfähigkeit nicht bestraft werden kann, entschuldigte sich über seinen Anwalt. Für den 39-Jährigen geht es im weiteren Prozessverlauf um den Verbleib in der Psychiatrie.

Auch interessant

Kommentare