„Romeo und Julia“ gilt als eine der bekanntesten Liebesgeschichten. Beide verlieben sich entgegen dem Willen ihrer verfeindeten Familien und beide sterben durch ein unglücklichen Zufall – Drama. Aber hat es sich so überhaupt zugetragen? Wer die Aufführung von „Rome(o/a) und Julia(n)“ des Vereins „Viva Randerscheinungen“ gesehen hat, weiß, es gibt andere Möglichkeiten.
Landsberg – Oder besser gesagt andere Welten. Eine Frau mit fliederfarbener Perücke und Kleid betritt die Bühne: die Julia der Vergangenheit; die „Romeo und Julia“-Julia Shakespeares. Für ihre eigene Geschichte gibt es nicht nur dieses eine vorbestimmte Ende, in dem beide sterben, erklärt sie. Ein Hoch auf das Multiversum! Es gibt nicht nur eine Welt, ein Universum, sondern unendlich viele, und in jeder geht die Geschichte von den beiden italienischen Liebenden anders aus. In den folgenden zwei Stunden dürfen sich die Zuschauer der nahezu voll besetzten Aula der Landsberger Mittelschule auf drei Versionen in drei Akten von Romeo und Julia freuen, deren Ende das Publikum via Handzeichen bestimmt.
„Rome(o/a) und Julia(n)“ von Viva Randerscheinungen in Landsberg - Zusammenfassung in Gebärdensprache
Der Verein lebt Inklusion: Vor jedem Akt gibt es auf der Leinwand eine Zusammenfassung des Kommenden in Gebärdensprache. So geht es in der ersten Parallelwelt um Romea, eine Club-Tänzerin, und Julia, die sich an Julias Geburtstag verlieben. Und dann geht‘s zur Sache: vogelwilde Choreografien und Texte, ein Klaps auf den Hintern hier, ein exotischer Tanz da. Eine ‚Sexszene‘ auf einer Leinwand? Kein Problem! Eine Nonne, die auch in Romea verliebt ist? Warum denn nicht. Die Vorstellung ist tabu-, aber nicht pietätlos, im Gegenteil. Der Mix macht‘s. Und der kommt beim Publikum an. Nach jeder Szene gibt‘s tosenden Applaus und begeisterte Pfiffe – und das schon im ersten Akt. Übrigens: Die Zuschauer wählen ein Happy-End. Romea und Julia leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage.
Der zweite Akt entführt die Zuschauer in eine Welt, in der Cyborgs und Menschen miteinander koexistieren. Jules, ein Mensch, und Rome, ein Cyborg, verlieben sich. Und wieder wird die Bühne geradezu mit Action überflutet. Tanz-Battles, auf der Seite der Cyborgs (natürlich!) abgehackt rhythmisch, auf der Seite der Menschen umso eleganter. Die Bühne ist rappelvoll, so recht weiß man gar nicht, wo man hinschauen soll, bis sich die Zuschauer diesmal per Handzeichen für eine Tragödie entscheiden und Rome in den Armen von Jules stirbt.
Der letzte Akt bringt die Besucher „back to the 80s“. In einem Friseursalon kämpfen diesmal Romeo und Julian um ihre Liebe, die von den Eltern nicht wirklich akzeptiert wird. Jetzt ist es bunt auf der Bühne, neonfarbene Klamotten, schrille Frisuren und 80er-Beats laden zum Mittanzen ein. Und das machen sogar einige Zuschauer am Schluss, als der gesamte Verein auf der Bühne zusammenkommt und zum Abschluss ein Lied über Toleranz performt. Standing Ovations des Publikums für einen Verein, der die Aula einer Mittelschule für zwei Stunden in eine ganz eigene Welt voller Vielfalt verwandelt hat.