Experte Chris Semmel warnt bei seinem Fachvortrag vor Lawinengefahr bei Warnstufe 3. Die Hälfte aller Lawinentoten verunglückt bei dieser mittleren Gefahrenstufe.
Bad Tölz – Der Zufall hat Regie geführt. Ausgerechnet nach dem Katastrophen-Wochenende mit vielen Lawinentoten in Österreich, der Schweiz und Frankreich lädt die Tölzer Alpenvereinssektion an diesem Donnerstag zu einem langfristig geplanten Fachvortrag über das „Risiko Lawinen“ beim Skibergsteigen ein. Als Referent kommt ein ausgewiesener Experte: Der in Reitham bei Warngau ansässige Chris Semmel ist staatlich geprüfter Berg- und Skiführer, Ausbilder im DAV-Bundeslehrteam und darüber hinaus als Sicherheitsforscher und Gutachter gefragt.
Oft erwischt es auch erfahrene Skibergsteiger
Die Unfallberichte vom Wochenende legen nahe, dass es nicht etwa Unerfahrene oder Leichtsinnige erwischt hat, sondern erfahrene Skibergsteiger, die es eigentlich wissen sollten. Warum ist das so? „Es besteht momentan eine sehr heikle Situation“, erklärt Chris Semmel. „Wir haben wieder mal einen schneearmen Winter mit einem schwachen, schlecht aufgebauten und langlebig inhomogenen Altschneefundament und Schneeverfrachtungen durch Wind.“ Es ist kalt, trocken und hat schönes Wetter – „genau das sind die idealen Bedingungen für Schneebretter mit Ansage“. Die Gefahr bestehe in steileren Hängen fast aller Hangrichtungen, „und da tappen die Leute in die Falle, das ist wie ein Muster“.
Auch erfahrene Tourengeher würden die Gefahr manchmal nicht wahrnehmen, beobachtet Semmel. Er möchte deshalb dafür sensibilisieren, „die Gefahrenstellen rechtzeitig zu erkennen, das Risiko abzuschätzen und dann die richtigen Konsequenzen zu treffen“. Und dann sollte die Entscheidung auch einmal „Verzicht“ lauten, selbst wenn das naturgemäß schwerfällt. Wann immer er nach Lawinenunfällen als Gutachter herangezogen werde, stellten sich die gleichen Fragen: „War das Risiko vorhersehbar, erkennbar und vermeidbar, wie hoch oder niedrig war die Wahrscheinlichkeit?“ Diese Fragen sollten sich Skitourengeher deshalb immer vorher stellen.
Auch Erfahrene verschätzen sich
Es passiere sogar den Erfahrensten, dass ihnen Fehleinschätzungen unterlaufen: „Wenn Bergführer tödlich verunglücken, dann sind nicht Unwetter, Abstürze, Mitreißunfälle, Steinschlag, Eisschlag oder Spaltenstürze, sondern zu 50 Prozent Lawinenunfälle die weitaus größte Gefahr“, betont Semmel. Besonders gefährlich sei die mittlere Lawinenwarnstufe 3 („erhebliche Gefahr“), weil dann viele Hänge noch befahrbar sind, andere aber auf gar keinen Fall mehr. Das zu entscheiden, sei die Kunst, sagt Semmel, denn „50 Prozent aller Lawinentoten sind bei Stufe 3 zu beklagen“.
Wer in einen gefährlichen Hang reinfährt, dem müsse bei der Risikoabwägung klar sein, dass auch ein elektronischer Lawinenpieps (LVS-Gerät) keinen zuverlässigen Schutz bieten kann: „Wenn man tiefer verschüttet wird, dann kommt die Kameradenhilfe häufig zu spät.“
Weil es in letzter Zeit immer wieder Unfälle zu später Stunde und sogar kurz vor Einbruch der Nacht gegeben hat, gehört zur Risikovermeidung natürlich auch ein „vernünftiges Zeitmanagement“ für die Tourenplanung, betont der Experte. „Früh aufbrechen und einen Fahrplan im Kopf haben, wann man wo sein möchte“, auch das könne vor alpinen Notlagen schützen.