In der 82-minütigen Dokumentation des Karlsfelder Filmemachers kommen Holocaust-Überlebende und Gedenkstättenmitarbeiter zu Wort.
Bereits mit 19 Jahren hat Jonas Neumann mit seiner ersten erfolgreichen Premiere von sich reden gemacht. Der junge Karlsfelder wollte nach seinem Abitur am Josef-Effner-Gymnasium im Jahr 2005 nämlich nicht irgendeine Zivildienststelle antreten, sondern „etwas für mich Sinnvolles machen, eine gute Zeit haben“.
Neumann klopfte daher bei der KZ-Gedenkstätte Dachau an, ob die nicht eine Stelle für ein sogenanntes Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Bildungsbereich schaffen könnte? Er könnte klassische Hilfsdienste leisten, bei den Abläufen helfen und nach entsprechender Einarbeitung auch als Referent arbeiten? Die Gedenkstätte ließ sich auf das Experiment mit dem motivierten jungen Mann ein – und wurde belohnt. „Das FSJ gibt es heute noch, es ist ein Erfolgsmodell“, erzählt der mittlerweile 39-jährige Jonas Neumann stolz.
Der Grund, warum er vor 20 Jahren so hartnäckig war, liegt zu einem großen Teil auch an seiner Familiengeschichte, wie er berichtet. Sein Urgroßvater war als junger Mann ein entschiedener Gegner der Nazis. Er wurde Ende der 1930er-Jahre ins KZ Dachau verschleppt und – sein großes Glück – als einer der letzten Häftlinge vor Kriegsende entlassen. „Er hat den Krieg und die Haft überlebt“, sagt sein Urenkel, doch seine Freiheit genießen konnte der Nazi-Gegner nicht. „Die Familie hatte im Sudetenland gelebt und nach dem Krieg die Heimat verlassen müssen.“ Die neue Heimat sollte Bayern werden, und ausgerechnet in Karlsfeld, so nah am berüchtigten Dachau, schlug die Familie Wurzeln.
Jonas Neumann hat seinen Urgroßvater nicht mehr persönlich kennengelernt. Doch er kennt die Erzählungen. Und wenn er in seiner Jugend entlang der Alten Römerstraße gefahren ist, habe er sich oft gefragt: „Was da wohl hinter diesen Mauern alles passiert ist?“ Diese Neugier brachte dem Karlsfelder, der mittlerweile in München lebt, nicht nur ein spannendes Freiwilliges Soziales Jahr ein, sondern mittlerweile einen nicht weniger spannenden Beruf.
Jonas Neumann schaffte es nämlich an die renommierte Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) München. Im Jahr 2018 bekam er sein Diplom. Er darf sich damit nun als freiberuflichen Filmemacher bezeichnen; nebenbei, „in Teilzeit“, wie er sagt, arbeitet er noch an der HFF als Lehrer.
Sein erstes großes Projekt – Debüt-Film, wie es in der Branche heißt – führte Jonas Neumann dann auch direkt zurück in seine Heimat. „Heute ist das Gestern von morgen“ heißt sein 82-minütiger Streifen, an dem er von 2021 bis 2024 arbeitete und der vom Bayerischen Filmförderfonds gefördert wurde. Der Film will Antworten finden auf die Frage, was die letzten Holocaust-Überlebenden und Gedenkstätten gegen die zunehmende Relativierung des Holocausts und gegen Attacken von rechts tun können, und er begleitete dafür Zeitzeugen, Überlebende und Gedenkstättenmitarbeiter zwölf Monate lang. Er sei „ergebnisoffen“ an die Dokumentation herangegangen, sagt Neumann, er habe einen „relativ offenen Blick“ gehabt auf das, was da vor seiner Kamera passieren würde.
Was da wohl hinter diesen Mauern alles passiert ist?
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Und tatsächlich brachte ihm der Film neue Erkenntnisse. Nämlich: „Die Skepsis, mit der gerade die NS-Opfer die heutige Zeit sehen.“ Die Gefahr, dass Geschichte sich wiederholt, sähen demnach viele der damals Verfolgten heute als sehr realistisch an. So interviewte Neumann auch einen ukrainischen Juden, der als Kind die Gräueltaten der SS und der Wehrmacht nur mit knapper Not überlebte. Heute ist dieser mittlerweile alte Mann nach Deutschland geflüchtet, nachdem diesmal russische Soldaten sein Leben bedrohen.
Für den Filmemacher und Urenkel Jonas Neumann sind es genau diese Geschichten, die „Heute ist das Gestern von morgen“ ausmachen. In Zeiten, in denen die Überlebenden nicht mehr selbst erzählen können, und sich die Medienlandschaft massiv ändert, ist es für ihn wichtig, auf möglichst vielen Wegen seine Botschaft erzählen zu können.
Beim internationalen Dokumentarfilmfestival „DOK.fest“ im vergangenen Juni stellte er daher sein Werk bereits vor, weitere Filmfestivals werden in diesem Jahr folgen. Am kommenden Montag, 27. Januar, um 20.15 Uhr ist Dokumentation außerdem im TV, im History Channel, zu sehen. Das Datum ist kein Zufall: Der 27. Januar ist der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust sowie der 80. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz.
Trotz der vielen Termine, die er im Zusammenhang mit der Präsentation des Films hat, versucht Jonas Neumann aber weiterhin, mit den alten Kollegen der Dachauer KZ-Gedenkstätte in Kontakt zu bleiben. Und sollte er einmal sogar wieder ein bisschen mehr Zeit haben, ist er vielleicht sogar wieder auf dem Gelände anzutreffen. Denn: „Ich bin immer noch im Referenten-Pool!“