Wanderer abseits der Wege stressen die Gämse im Karwendel: Staatsforsten setzen auf Schilder, statt Verbote

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Hoffen, dass die Schilder Wanderer und Radler auf dem richtigen Weg halten: Robert Krebs (re.), Leiter des Tölzer Forstbetriebs, und Revierleiter Ludwig Kast bei einem der Standorte im Karwendel. © Arndt Pröhl

Die Staatsforsten setzen auf Hinweisschilder statt Verbote. Telemetrie-Halsbänder zeigen, wie weit die Tiere bei Störungen flüchten.

Wildtiere haben nur noch wenig Frieden. Immer weiter, immer öfter und zu jeder Tages- und Nachtzeit dringen Freizeitsportler in ihren Lebensraum vor. Doch was macht das mit den Tieren, wenn Wanderer oder Mountainbiker eben nicht nur auf den ausgeschilderten Wegen, sondern abseits davon unterwegs sind? Darüber klären nun Schilder auf, die der Tölzer Forstbetrieb an wichtigen Punkten im Karwendel aufgestellt hat. Sie sollen bei der Besucherlenkung helfen, und Gams und Birkhuhn mehr Ruhe bescheren.

Verschiedene Wildforschungsprojekte auf Gebiet des Forstbetriebs Bad Tölz

Auf dem Gebiet des Tölzer Forstbetriebs der Bayerischen Staatsforsten laufen verschiedene Wildtierforschungsprojekte. Beim gerade abgeschlossenen Gamswildprojekt ging es unter anderem darum, Aufschluss über die Zusammensetzung und die Altersstruktur der Population zu bekommen. Bei einem weiteren Forschungsprojekt geht es auch darum, festzustellen, wie die Gams auf Störungen reagiert. Dafür wurden einige Tiere mit Telemetrie-Halsbändern versehen. Wie fängt man eigentlich eine Gams? „Es gibt zwei Möglichkeiten“, sagt der Tölzer Forstbetriebsleiter Robert Krebs. Bei einer wird ein Netz auf dem Boden ausgebreitet, darauf kommt ein Salzleckstein. Wagt sich die Gams aufs Netz, löst die Falle aus. „Dann bekommt die Gams einen Schutz über die Augen“, sagt Krebs. Das lasse das Tier ruhig werden. Sobald ihm Blut abgenommen und ihm das Telemetrie-Halsband angelegt wurde, darf es wieder in die Freiheit. Die zweite Falle funktioniert ähnlich: statt eines Netzes wird hier aber ein Gatter aufgebaut.

15 Gams mit Halsband – darunter neun männliche – gibt es derzeit im Bereich des Tölzer Forstbetriebs. Auf einer digitalen Karte kann man genau sehen, wo sich Fridolin, Rudi, Vitus, Afra oder auch Tilly aufhalten oder aufgehalten haben. Gamsbock Marinus beispielsweise sei „ins benachbarte Tirol ausgewandert“, sagt Krebs. Durch die übertragenen Bewegungsdaten kann man aber auch feststellen, wie die Tiere auf Störungen reagieren. Beim ersten Versuch bleibt der Wissenschaftler, der sich den Tieren nähert, auf dem Steig. „Da passiert nicht viel“, sagt Krebs. Zumal Gämsen mit einer „gewohnten Beunruhigung“ – sprich: Wanderer auf stetig begangenen Wegen – zurechtkommen. Beim zweiten Versuch verlässt der Wissenschaftler den Weg. „Da zeigt sich, dass die Tiere relativ weit flüchten“, sagt Krebs. Das sorgt für Stress und erhöhten Energieverbrauch. Vor allem im Winter kann das kritisch werden.

Wenige Standorte, kein Schilderwald

Dieses Fluchtverhalten wird auf den Hinweisschildern erklärt. Dazu erfährt man einiges Wissenswertes über die Gams, aber auch das Birkhuhn, das ebenfalls seinen Frieden braucht. Darüber hinaus gibt es die Bitten, auf dem Weg zu bleiben, nur am Tag unterwegs zu sein, speziell ausgewiesene Schutz- und Ruhegebiete zu meiden und Hunde an die Leine zu nehmen. Zudem wird auf Drohnen-, Zelt- und Grillverbote hingewiesen. „Gerade die Beunruhigung durch Drohnen nimmt von Jahr zu Jahr zu“, hat Kast beobachtet.

Die Tafel wurde von der Stabsstelle Wildbiologie und Wildtiermanagement an der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft entwickelt. Die Inhalte habe man eng mit den Landratsämtern und Bad Tölz und Garmisch-Partenkirchen sowie den Gebietsbetreuern abgestimmt, sagt Krebs. Man habe auch nur wenige Standorte ausgesucht, um keinen Schilderwald entstehen zu lassen. Im Tölzer Land stehen Tafeln an der Straße zwischen Vorder- und Hinterriß sowie am Soiernweg. Im Nachbarlandkreis wurde eine Tafel nahe der Schießanlage in Mittenwald aufgestellt, wo viele Karwendeltouren starten, und an der Fischbachalm. Es sei ein Versuch, die Besucher zu lenken, „ohne sie auszusperren“, sagt Krebs.