Zum 35. Belcanto-Abend lud Opern-Kenner Franz Erl nach Dorfen: 500 Zuhörer lauschten den historischen Arien unter freiem Himmel.
Der Untere Marktplatz hatte sich am Freitag wieder in eine Open-Air-Arena verwandelt, mehr als 500 Besucher lauschten Franz Erls historischen Opernaufnahmen. Beim 35. Belcanto-Abend erklang viel Giuseppe Verdi und vorwiegend der „schöne Gesang“ der göttlichen Maria Callas. Zudem schickte der passionierte Klassikliebhaber die Zuhörer auf eine Zeitreise ins Jahr 1902, als der italienische Tenor Enrico Caruso seine erste Schallplatte aufgenommen hatte: „Das habe ich bisher nicht riskiert, so ganz alte Sachen zu machen – ich bin gespannt, wie es ankommt.“
Schellack-Aufnahme: Callas Stimme erklingt
Die Requisiten sind minimalistisch: ein knallrotes Grammophon, eine gute Anlage im Hintergrund, eine Leinwand und ein Stuhl. Mehr braucht Erl nicht. Seine alten Schellack-Aufnahmen, mittlerweile längst bearbeitet und digitalisiert, sowie Fotos erweckten die umjubelten Opern-Stars der Mailänder Scala zu neuem Leben. Glockenschlag 20 Uhr – die Stimme der Callas, erklingt: „Oh, vieni al tempio“ aus „I Puritani“ von Vincenzo Bellini, eine Arie aus dem Jahr 1953.
„Ich habe gesungen wie eine Wildkatze“, soll die Diva von sich behauptet haben, erfahren die Opernfans. Die Zuhörer in Dorfens Stadtkern sind mucksmäuschenstill, so wie einst in der Mailänder Scala, damals das berühmteste Opernhaus der Welt. „Von der Klarheit her gibt es vielleicht perfektere Stimmen als die der Callas, aber nicht von der Intention, mit der sie singt: Sie lebt die Rolle, leidet, freut sich – das hat die Callas einmalig gemacht“, schwärmt Erl. Seine Ausführungen sind kurz und knapp, aber kompetent. So konnte jeder auf frappierende Nuancen und fragile Schönheiten achten und in heiklen Tonlagen, virtuosen Koloraturen oder schwärmerischer Leichtigkeit schwelgen.
„Kaum jemand hat ein größeres Wissen, was Belcanto-Musik angeht. Franz Erl hat auch große Schätze an Schellacks“, lobt Ludwig Rudolf, selbst passionierter Opernfan. Über 10 000 alte Platten stehen im Archiv des Experten, seit 35 Jahren präsentiert Erl seine Aufnahmen. „Das entstand ganz spontan am Marienplatz“, erinnert sich Ludwig an die Musik aus dem Kassettenrekorder. Mit den Jahren sei daraus der Belcanto-Abend geworden, so Hans Weilnhammer: „Die Größe der Veranstaltung und die Technik hat sich verändert“, erklärt der Vize-Vorsitzende der Freunde des Jakobmayer, der ebenfalls zu den treuen Besuchern gehört. Der Kulturelle Arbeitskreis etablierte das Event am Unteren Markt im Sommer 2000, vor vier Jahren übernahm die Karnevalsgesellschaft Dorfen die Nachfolge.
Daniel Steinweber, Pressesprecher der KG, sitzt an der Anlage. „Moderne Tonträger geben die grandiosen Stimmen eigentlich in einer Top-Qualität wieder“, weiß er. Zumindest bei den Aufnahmen aus den 50er Jahren. Doch heuer will Franz Erl auch an die erste Schallplatte erinnern: Fred Gaisberg, der Aufnahmeleiter der Londoner Gramophone Company, und der Tenor Enrico Caruso hatten sie 1902 in einem Hotelzimmer in Mailand aufgenommen.
Knisternde Nostalgie
„Schräg, was für ein Gequietsche und Gekratzte“, urteilen viele im Publikum als etwa „Questo o quella“ aus Verdis Rigoletto erklang. „Das Rauschen, die Kratzer sind natürlich da, aber die Stimme kommt gut raus“, erklärt hingegen Belcanto-Spezialist Erl. „Dadurch wurden die Arien erst einem breiten Publikum außerhalb der Mailänder Scala bekannt“, freut sich Vize-Bürgermeister Ludwig Rudolf über das Stück Zeitgeschichte. „Das kann man in diesem Rahmen durchaus bringen“, findet die eingefleischte Fangemeinde. Es folgt, kurz nach 22 Uhr, als Finale das Duett „Tutte le feste al tempio“, ebenfalls aus Rigoletto, gesungen von Maria Callas und Tito Gobbi, in gewohnter Klasse. Donnernder Applaus folgte.