In deutschen Kitas herrscht regelmäßig Notbetrieb. „Ich bin morgens schon immer mit Herzrasen aufgewacht“, sagt eine Mutter und zieht Konsequenzen.
Kitas haben drei Funktionen: Erstens sollen sie Eltern ermöglichen, einem Beruf nachgehen zu können. Zweitens sollen sie die frühkindliche Entwicklung der Kinder, auch was ihre Sprache anbelangt, fördern. Und drittens sollen sie Orte sein, an denen Kinder gerne sind und mit Freunden spielen können. Bei Alexandra Baumgarts Sohn Finn aus Bremen war Letzteres immer der Fall. Er liebt es in seiner inklusiven Kita.
Doch wirklich oft war der Achtjährige dort in den vergangenen fünf Monaten nicht. Finn hat Trisomie 21 (Down-Syndrom) und in der Kita eine persönliche Assistenz. So heißen die Personen, die Kindern bei den Tätigkeiten helfen, die sie nicht selbst können. Als diese Assistenz ausfiel, habe sich die Kita immer wieder gemeldet, dass Finn zu Hause bleiben müsse. „Kinder mit Beeinträchtigungen sind das letzte Glied in der Kette, die ersten, die verzichten müssen“, sagt die alleinerziehende Mutter BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. „Ich bin morgens schon immer mit Herzrasen aufgewacht.“
Bis vor kurzem noch hatte sie einen Minijob, arbeitete zwei Tagen die Woche im Einzelhandel. Selbst das sei kaum möglich gewesen. „Das war meiner Chefin gegenüber nicht mehr tragbar. Ich will nicht vom Amt leben, ich will arbeiten – aber wie soll das gehen, wenn ich nicht weiß, ob mein Kind am nächsten Tag betreut wird?“, sagt die 37-Jährige. Ende Juni trifft Baumgart eine „schmerzhafte Entscheidung“: Sie nimmt ihr Kind aus der Kita. Eine Woche bevor Finns Kita-Zeit sowieso geendet hätte, eher ein symbolischer Akt, aber: „Ich konnte einfach nicht mehr.“
Mutter nimmt Sohn mit Down-Syndrom aus Kita: „Er ging durch die Hölle“
Der Hauptgrund, warum deutsche Kindertagesstätten immer wieder auf Notbetrieb umstellen oder ganz schließen müssen, ist Personalmangel. Laut Paritätischem Gesamtverband fehlen deutschlandweit 125.000 Erzieher und Erzieherinnen. Baumgart gibt den Erzieherinnen in ihrer Bremer Kita keine Schuld: „Sie haben sich wirklich bemüht, aber was sollen sie tun? Sie stehen unter enormem Druck.“
Eltern von Kindern mit Beeinträchtigungen würden oft nicht arbeiten, weil es nicht machbar sei. Aus dem Grund seien sie die Leidtragenden, wenn eine Kita Personalmangel habe, weil es heiße: „Ja, sie arbeiten ja sowieso nicht.“ Ein Teufelskreis. Einem, dem viele solcher Fälle kennt, ist der Landesbehindertenbeauftragte von Bremen, Arne Frankstein. „Allen ist gemein, dass ohnehin benachteiligte Familien weiter erheblich belastet werden“, sagt er BuzzFeed News Deutschland. In den Kitas müssten „vor Ort Lösungen organisiert werden, die den Ausschluss behinderter Kindern verhindern.“ Dabei gebe es große Unterschiede zwischen den Kitas. Um das zu verbessern, sieht er neben den Trägern auch die Senatorin für Kinder und Bildung in der Pflicht.
Betreuung für Kinder mit Behinderung in Kitas – „kann doch nicht richtig sein“
„Trotz Down-Syndrom oder gerade deswegen hat mein Kind Anspruch auf frühkindliche Bildung. Und darauf, seine Freunde in der Kita zu sehen“, sagt Baumgart. „Er ging vergangenes Jahr durch die Hölle.“ Auch, weil er gesundheitliche Probleme gehabt habe. Als sie ein Krisengespräch mit der Kita geführt habe, sei ihr zu einer Familienhilfe geraten worden. Aber darum gehe es ihr nicht. „Zuhause habe ich keine Probleme“, sagt sie. „Es ist der Kita-Alltag, der mich stresst.“
Ein Kita-Wechsel kam für Baumgart nicht infrage, weil sich ihr Sohn in seiner Kita trotz allem so wohlgefühlt habe. Im August kommt Finn an eine Schule für Kinder mit Behinderung. „Gott sei Dank“, sagt sie. Für ihn sei die Kita gelaufen, aber für andere Kinder mit Beeinträchtigung an inklusiven Kitas nicht. „Unser System wirbt mit Inklusion, aber die Realität zeigt: Es funktioniert oft nicht. Es steht und fällt in vielen Kindergärten mit der persönlichen Assistenz. Wenn die fehlt, stehen wir Eltern da. Das kann doch nicht richtig sein.“