Die Familienpaten und das Wellcome-Angebot waren eine Erfolgsgeschichte und Vorzeigeprojekte im Landkreis. Doch damit ist nun Schluss. Grund ist die aktuelle Geldnot des Landkreises.
Dachau – Umzug, Trennung, Krankheit in der Familie oder schlicht der aufreibende Alltag mit mehreren kleinen Kindern: Es gibt viele Situationen, die Eltern oder alleinerziehende Mütter und Väter an ihre Grenzen bringen können, wo das fein austarierte System eines funktionierenden Alltags zusammenzubrechen droht. In solch schwierigen Lebensphasen gibt es im Landkreis bisher Unterstützung und Entlastung durch qualifizierte Ehrenamtliche im Projekt Familienpaten. Dieses Angebot wurde 2014 ins Leben gerufen, die Arbeiterwohlfahrt (Awo) kümmert sich als Träger um Koordination und fachliche Betreuung. Die Initiative für dieses präventive Angebot kam damals auch von der Koordinierenden Kinderschutzstelle im Landratsamt. Doch genau zum zehnjährigen Bestehen steht dieses segensreiche Projekt jetzt vor dem Aus.
Wie auch Wellcome, ein weiteres Awo-Projekt, das seit 15 Jahren Familien in den ersten Monaten nach der Geburt eines Babys Entlastung bietet. Der Grund für diesen Kahlschlag: „Für beide Projekte hat der Landkreis die Finanzierung gestrichen im Rahmen der Sparmaßnahmen im Jugendhilfeetat“, erklärt Projektkoordinatorin Kerstin Schmied. „Ein Riesenschock, Wellcome und Familienpaten liefen perfekt, waren Vorzeigeprojekte und eine Erfolgsgeschichte“, betont Jasmin Halbritter, Leiterin des Awo-Mehrgenerationenhauses. Über die Entscheidung, Gelder nicht zu kürzen, sondern komplett zu streichen, zeigt sich Awo-Vorstand Wiebke Kappaun schlicht „fassungslos“.
Keine Bürokratie, kein Druck, glückliche Eltern
Der Wert präventiver Angebote lässt sich schwer in Euro und Cent beziffern. Mit dem Landkreis-Budget von jährlich 50 000 Euro wird für beide Projekte – Familienpaten wie Wellcome – die hauptamtliche, professionelle Organisation finanziert, also Koordination und fachliche Betreuung der Ehrenamtlichen durch die Halbtagsstelle von Kerstin Schmied. Ebenfalls bezahlt wird damit das Benzingeld für die Ehrenamtlichen. Gut angelegtes Geld, möchte man meinen, denn 50 bis 60 Familien wurden bisher jährlich in den beiden Projekten unterstützt. Allein 15 000 ehrenamtliche Stunden leisteten Ehrenamtliche seit dem Start von Familienpaten.
Was diese Stunden bringen? Viel, weiß Koordinatorin Schmied. Wenn die mehrfache Mutter einmal Zeit nur für ihr Jüngstes hat, wenn die Zwillingseltern in Ruhe ein Gespräch führen können, wenn eine junge Mutter bestärkt wird, dass alles gut und richtig läuft, wenn erschöpfte Väter und Mütter einmal die Woche Unterstützung erfahren und so wieder Licht sehen am Horizont, dann kann das für Familien die entscheidende Hilfe sein. Ganz wichtig, so Schmied: „Unsere Familienpaten kommen nicht vom Amt, es gibt keine Bürokratie, es werden keine Daten weitergegeben, es gibt keinen Druck, Eltern fühlen sich gut aufgehoben und sicher. Den Ehrenamtlichen wird vertraut.“
Projektkoordinatorin Kerstin Schmied: Jugendamt wird stärker gefordert sein.
Für dieses Ehrenamt mit viel Verantwortung haben sich die Familienpatinnen bewusst entschieden. Einmal die Woche kommen sie für zwei, drei Stunden in die Familien, unterstützen, packen an, hören zu, bewerten und beurteilen nicht. Die Einsätze sind befristet auf sechs bis zwölf Monate, dennoch sehen die Ehrenamtlichen im Alltag „ihrer“ Familien bald die positive Wirkung ganz konkret. „Die Entscheidung des Kreistags ist für uns alle unverständlich“, sagt deshalb ein der Patinnen beim Treffen zum 10-jährigen Jubiläum im Awo-Mehrgenerationenhaus. „Traurig, einfach nur traurig“, bestätigt eine andere kopfschüttelnd. Familien und ihr Wohlergehen seien „nicht wirtschaftlich relevant“. Die Verantwortlichen hätten „die Auswirkungen nicht richtig bedacht“, finden andere. Das Angebot sollte unbedingt weitergehen, „denn als Familienpatin kann man viel bewirken, das noch weiter in den Familien positiv wirkt“, sagt eine Ehrenamtliche, die fast von Anfang an dabei ist. Aktuell sei sie „der einzige feste Anker“ für eine belastete alleinerziehende Mutter, erzählt eine andere Familienpatin. Ihre Reaktion auf das Aus fürs Projekt: „Entsetzt, traurig und wütend.“
Am Ende sei die Kürzung der Mittel eine Milchmädchenrechnung, erklärt Awo-Koordinatorin Schmied. „Denn in der Folge wird das Jugendamt stärker gefordert sein.“ Dann nämlich, wenn sich kleine Krisen in Familien mangels Unterstützung zu größeren Problemen auswachsen. Ein Familienpatin fürchtet: „Für viele Kinder wird es schlimme Folgen haben.“ Doch am Aus führt kein Weg vorbei, betont MGH-Leiterin Halbritter, es bleibe die bittere Konsequenz: „Ende April ist Schluss.“