Ein Spaßmacher, kein Therapeut
Böhmer versteht sich als Spaßmacher, nicht als Therapeut. Zu seinen Sängerinnen und Sängern sagt er: „Hier seid ihr Musiker und keine Patienten.“ Er singt selbst laut mit und lädt mit großem Schwung seiner Arme dazu ein einzustimmen. „Wie ein Cello“ sollen die Chormitglieder Melodiebögen intonieren und sich dabei „in die Kurve legen“. Mal sollen sie röhren wie eine Trompete, mal die Töne nur antippen. Einige Sänger hängen an seinen Lippen. Manuela verfolgt die Texte mit dem kleinen Finger auf ihrem Notenblatt.
Die Runde nimmt sich „Sailing“ von Rod Stewart vor, auf Englisch. „Es ist als würde man fliegen“, schwärmt Böhmer. „Das ist doch klasse, dass Musik das kann.“ Aber Barbara, die vor sechs Jahren einen Schlaganfall erlitten hat, klagt: „Irgendwie das geht gar nicht.“ Böhmer tröstet: „Wir wiederholen es einfach so oft, bis es klappt. Und wer es nicht kann, schwimmt einfach mit.“ Nur kein falscher Ehrgeiz.
Unterschiedlich schwer verliefen die Schlaganfälle der Sänger, unterschiedlich weit sind sie auf dem mühsamen Weg, das Artikulieren neu zu lernen. „Alter Schwede“, sagt Bettina, „das sind die Lieder, die ich für die Kinder gesungen habe.“ Mit der Melodie kommen die Worte: „Es zuckt automatisch.“ Sie benennt den Tag genau, der sie sprachlos machte und ihr Leben in ein Vorher und ein Nachher teilte. Es war 10. März 2015. „Ich war 38“, sagt sie. „Und die Ärzte sagten, es wird nichts mehr. Dann fängst du noch mal von vorne an.“
Dreiradfahrer Andreas ist 60, und sein Schlag traf ihn vor 13 Jahren und vier Monaten. Er sucht Worte und sagt schließlich: „Die Töne kommen von Herzen.“
Auch Logopädin Mona Samuel, die den Chor 2011 gegründet hat, trällert häufig mit. Sie erzählt von heftig beklatschten Auftritten der Aphasiker etwa bei einer Gala der Schlaganfall-Hilfe oder im Roten Rathaus von Berlin und von einer vergnüglichen Chorreise ins Handicap-Hotel Rheinsberg. Gerade hat sie die Truppe für die Sendung „Chor der Woche“ beim „Deutschlandfunk Kultur“ angemeldet.
Werden Wörter in Silben zerlegt, gehorcht die Zunge besser
Wissenschaftlich begleitet werden die Sängerinnen und Sänger von Benjamin Stahl, Psychologie-Professor an der MSB Medical School in Berlin. In seiner Doktorarbeit hatte er gezeigt, dass die Rhythmisierung der Liedtexte hilft, sprechmotorische Schwierigkeiten zu überwinden. Werden Wörter in Silben zerlegt, gehorcht die Zunge besser.
Musik könne die übliche, an Alltagssituationen orientierte Sprachtherapie für Aphasiker gut unterstützen, sagt der 41-Jährige, sie aber nicht ersetzen. Allein führe das Singen nicht zu einer „Generalisierung“, zu einer allgemeinen Wiederkehr des Worte.
Stahl erforscht nun, wie das Tönen der Lieder noch etwas anderes vollbringt. Es ist mindestens so bedeutsam wie das Wachrufen von Texten.
Singen in einer Gemeinschaft als eine Art Anti-Depressivum
Viele Schlaganfallpatienten vereinsamen, ein Drittel leidet unter Depressionen. Aphasikern vermag die klassische Psychotherapie kaum zu helfen, denn sie arbeitet ja vor allem verbal, und Medikamente wirken nur begrenzt. Regelmäßiges Singen in einer Gemeinschaft aber, so vermutet Stahl, könnte für sie heilsam sein – ein hervorragendes Anti-Depressivum.
Womöglich erleben Aphasiker besonders ausgeprägt, wovon zahlreiche Studien an Profi-Sängern und Laien-Chören berichten: Singen beschwingt und verbindet, es erhöht die Konzentrationsfähigkeit und regt das Denken an, steigert die Immunabwehr, stärkt das Herzkreislaufsystem, intensiviert die Atmung, löst Ängste, entspannt und baut Stress ab.
In den Osram-Höfen ist es deutlich zu hören: Die Berliner Aphasiker sind bester Dinge. Mit ihrer Stimme heben sie ihre Stimmung.
Wolfgang Böhmer sagt zu den Proben seines Chors und zu seinem mit einer kleinen Aufwandsentschädigung dotierten Ehrenamt: „Es ist das reine Glück.“