Weit über zehn Millionen Euro investiert die Bayerische Zugspitzbahn in den neuen Kreuzwankl-Lift. 2025 soll er gebaut werden. Doch es wird eng. Denn Einzigartiges haben Naturschützer auf den Skipisten entdeckt.
Der blauschillernde Feuerfalter legt seine Eier auf dem Schlangenknöterich ab. Wer hätte gedacht, dass Matthias Stauch einmal mit derartigem Flora-Fauna-Wissen glänzt? Dem Vorstand der Bayerischen Zugspitzbahn wäre lieber, er hätte davon noch nie gehört. Denn der Feuerfalter und seine Fortpflanzungsmethode machen ihm schwer zu schaffen.
Ausgerechnet am Kreuzwankl, im Hausberg-Skigebiet von Garmisch-Partenkirchen, hat man das Tier entdeckt, das auf der Roten Liste der Tagfalter Deutschlands steht und als stark vom Aussterben bedroht eingestuft wird. Und ausgerechnet am Kreuzwankl findet er die einzige Pflanze, auf der er seine Eier platziert. „Einzigartig im Alpenraum“, hat Stauch sich sagen lassen. Und schiebt hinterher: „Wohlgemerkt: auf einer Skiabfahrt, einer beschneiten Skiabfahrt.“ Diesen süffisanten Hinweis kann sich Stauch nicht verkneifen. Schließlich werden seiner Branche regelmäßig Umweltfrevel vorgeworfen. Nun präsentiert der BZB-Vorstand in seinen Augen den Beweis, wie intensiv sich sein Team auch im Sommer um die Wiesen und Wälder kümmert – zu vielem davon freilich ist die BZB verpflichtet – und dass der Skibetrieb keineswegs die Natur nur zerstört. Doch für das Unternehmen haben Falter und Knöterich schmerzhafte Konsequenzen: Der Neubau des Kreuzwankl-Sessellifts verteuert sich deutlich. Und verzögert sich womöglich auch.
2025 soll der Achter-Sessellift verwirklicht sein
Nach den schwierigen Coronajahren hatte die BZB das Projekt bewusst aus finanziellen Gründen etwas nach hinten geschoben. Im Hintergrund aber liefen die Planungen ständig weiter, jetzt wäre das Unternehmen bereit. 2025 will Stauch den Achter-Sessellift verwirklichen. Doch langsam wird’s eng. „Wir können nur hoffen, dass wir noch im Sommer die Genehmigung bekommen.“ Immerhin fand nun die letzte von vielen, vielen Begehungen statt.
Ausdrücklich hebt Verena Tanzer hervor, wie wichtig Naturschutz sein. „Gerne setzen wir uns dafür ein“, sagt die Unternehmenssprecherin. Skigebiete beispielsweise an einem enormen Ausbau zu hindern, hält sie genauso wie Stauch für richtig. Doch die BZB wolle sich ja gar nicht vergrößern, sondern nur eine bestehende Anlage ersetzen. Wenn auch im FFH-Gebiet. Doch die Trasse gebe es ja bereits, argumentieren sie. Kaum wird sich diese verändern, sogar werden weniger Stützen benötigt als aktuell. Die Bergstation wird ein wenig nach unten beziehungsweise nach vorne versetzt, sodass die Gäste nach dem Aussteigen keine scharfe Rechtskurve mehr fahren müssen. Mehr Komfort für die Besucher.
Ich habe noch nie so ein kompliziertes Verfahren erlebt.
Hauptargument für den Neubau aber ist das Alter. Bereits 1997 eröffnete der Kreuzwankl-Ski-Express, damals als Vorzeigeprojekt. Eine kuppelbare Sechser-Sesselbahn hatte es bis dahin in Deutschland nicht gegeben. Sie ersetzte zwei Schlepplifte. Heute transportiert keine Bahn im Gebiet Garmisch Classic mehr Skifahrer, zwischen 1,1 und 1,3 Millionen Gäste im Winter. Keine Bahn verfügt zudem über eine höhere Kapazität. 3000 Personen pro Stunde kann die Anlage befördern. In der Theorie. In der Praxis schafft der Ski-Express nur einen Bruchteil davon – weil er zu häufig stillsteht. Für Anfänger ist der Sprung vom benachbarten Zauberteppich oder vom Teller- auf den Sessellift zu groß, für Kinder wird das Einsteigen zum Abenteuer. Hunderte versuchen es im Hochbetrieb, viele aber kommen nicht auf die Sitzfläche. Jedes Mal hilft der Lifterer, jedes Mal schaltet er dafür die Anlage ab. Bei der neuen wird das kaum mehr nötig sein. Denn dann stehen die Kinder auf einem Förderband, das sich nach oben fahren lässt. Auf dem Papier bringt der neue Lift etwa 3480 Personen pro Stunde zur Bergstation.
Das alles kostet. Nicht einmal einer wie Matthias Stauch, der seine kaufmännischen Fähigkeiten mehrfach unter Beweis gestellt hat, wagt eine Prognose, wie viel genau. In den vergangenen fünf Jahren hat er beobachtet, wie die Preise im Baubereich um 40 Prozent stiegen. „Eine Seilbahn Zugspitze könnten wir heute nicht mehr realisieren.“ 50 Millionen Euro hatte die BZB damals für dieses Großprojekt kalkuliert und am Ende auch investiert. Nun rechnet Stauch mit zehn Millionen Euro nur für die Seilbahntechnik des neuen Sesselliftes. Den Posten Bau lässt er weg. „Unwägbar, was da noch dazukommt.“
Ähnliches galt während der Planung für die Auflagen, die die BZB offenbar für den Kreuzwankl-Neubau erfüllen muss. „Enorm, wirklich enorm“, sagt Stauch. Sie kosten zusätzlich, „und nicht zu wenig“. Eine Summe nennt Stauch nicht. Kompensationsflächen spielen hier eine große Rolle. Auch der Vorstand befürwortet Umweltschutz – in diesem Ausmaß aber empfindet er ihn als Belastung. „Ich habe noch nie so ein kompliziertes Verfahren erlebt.“