Kraudn Sepp aus Gaißach: Wildschützenlied & Freiheitsgeist gefeiert
Kraudn Sepp – musikalischer Freigeist und Wildschützenlied-Ikone aus Gaißach, dessen Leben und Musik bis heute begeistern.
Gaißach – Er war ein musikalischer Freigeist – bodenständig, verwurzelt, aber trotzdem immer offen für Andersdenkende und andere Musikrichtungen. Und er war hierzulande bekannt für seine Wildschützenlieder, die er mit verschmitzter Miene zum Besten gab. Dem Kraudn Sepp aus Gaißach war jetzt ein Vortrag im Gasthof Pfaffensteffl gewidmet, in dem sein Großneffe Sepp Kloiber Lebenslauf und Mentalität des Erzmusikanten in Verbindung mit dessen persönlichem Umfeld zu einem umfassenden Porträt verschmelzen ließ.
Vom Greibauern zum Kraudn – Sepps Wandel durch die Heirat
Mit seinem Schreibnamen hieß er Josef Bauer und stammte ursprünglich aus der „Greibauern“-Familie in Greiling. Durch seine Heirat mit Anna Trischberger, die wiederum vom „Greibauern“ aus Gaißach stammte und von ihren Großeltern mütterlicherseits das „Kraudn“-Anwesen im Ortsteil Lehen erbte, wurde aus dem Greibauern Sepp aus Greiling der Kraudn Sepp aus Gaißach.
(Übrigens: Alles aus der Region gibt's jetzt auch in unserem regelmäßigen Bad-Tölz-Newsletter.)
Wie die „Annä“ und ihre Mutter die Trauung möglich machten
Dass die Trauung mit dem „Annä“, wie sie genannt wurde, 1923 überhaupt zustande kam, daran war deren Mutter wohl nicht ganz unschuldig, so eine der Anekdoten, die Kloiber mit einfließen ließ. Die Mutter befand nämlich, dass der Sepp gut zu ihrer Tochter passen würde, und auf den Hinweis, dass dieser bereits eine Freundin habe, meinte sie kurzentschlossen: „Dera schreibn ma o.“
Ganz verkehrt scheint die mütterliche Einschätzung nicht gewesen zu sein, denn es heißt, der Sepp und das Annä hätten in ihrem arbeitsreichen und genügsamen Alltag zeitlebens eine harmonische, aber kinderlose Ehe geführt. Und da war ja auch die gemeinsame Leidenschaft für die Musik, für das Zitherspielen, das beide schon in Kindertagen erlernt hatten.
Musikalische Wurzeln und Aufstieg des Gaißacher Zither- und Sängerquartetts
Weil auch Annas Geschwister Diktl und Maria musikalisch versiert waren, gründeten die Vier 1925 das Gaißacher Zither- und Sängerquartett in der Besetzung mit drei Zithern und Kontragitarre. Schon zuvor hatte der Sepp den Kiem Pauli kennengelernt, der ab 1927 oft auch begleitet vom Musikwissenschaftler Professor Kurt Huber durch das Oberland zog, um alte Volkslieder zu sammeln. Das große Preissingen alter Volks- und Almlieder, das der Kiem Pauli 1930 in Rottach-Egern ausrichtete, war nicht nur ein Meilenstein für die Volksmusik insgesamt, sondern auch für das zweitplatzierte Gaißacher Quartett: Es wurde von da an öfters gebucht für Auftritte bei Veranstaltungen sogar in Dresden und Berlin, für Feierlichkeiten und bei Filmaufnahmen. Dabei entstanden auch Freundschaften wie etwa mit Annette Thoma, Tobi Reiser und Wastl Fanderl.
Der Tod seiner Anna traf ihn schwer
Als 18-Jähriger war der Sepp in den Ersten Weltkrieg gezogen und vier Jahre später unversehrt zurückgekehrt. Im Zweiten Weltkrieg musste er nicht mehr zum Militär. Zutiefst getroffen war er, als 1964 seine an Krebs erkrankte Frau starb. Monatelang habe er seine Zither nicht mehr angerührt, schilderte Sepp Kloiber. Ein guter Musik-Spezl aus München, Franz Xaver Grabmayer, konnte ihn während eines Krankenhaus-Aufenthalts schließlich dazu ermuntern, wieder aktiv zu werden.
Vom Bauern zum Volkssänger: Das zweite Leben des Kraudn Sepp
Nachdem er den Hof an Annas Nichte Elisabeth übergeben hatte, begann sein zweites Leben: Der Kraudn Sepp wurde nun zum Volkssänger und Alleinunterhalter. In etlichen Gaißacher und Tölzer Wirtshäusern war er oft anzutreffen, im Wartezimmer des Heilpraktikers Thomas Rest, in der als Musikantentreffpunkt bekannten „Quellnwirtschaft“ am Sauersberg, mit Vorliebe im Gaißacher Lindenstüberl. Funk und Fernsehen interessierten sich für ihn. „Dem Sepp sein Gedächtnis war riesig“, unterstrich Kloiber, „sein Repertoire umfasste mindestens 80 Lieder – Almlieder, Wildschützenlieder, Gstanzl, Heimatlieder, Klagelieder, erotische Lieder, Balladen, Couplets – manche davon mit mehr als zehn Strophen, die er alle auswendig konnte.“ Dass nicht alles, was er sang, zur Kategorie der echten bairischen Volkslieder gehörte, wurde von manchen kritisiert. Doch davon ließ sich der Sepp nicht aufhalten: „Er hat nicht danach gefragt, was echt oder weniger echt ist. Er hat gesungen, was ihm gefallen hat und was bei seinem Publikum ankam.“ Diese Art, sich und sein Lebensgefühl darzustellen, hätten sich damals beispielsweise auch die Well-Buam zum Vorbild genommen, so Kloiber.
Offen und ohne Vorbehalte sei der Kraudn Sepp auch im Umgang mit fremden Menschen gewesen: „Er konnte sich mit jedem unterhalten.“ Zu seinem 80. Geburtstag am 16. August 1976 machten viele Weggefährten ihre Aufwartung, auch das Fernsehen war da. Noch viel größer war die Anteilnahme, als der unkonventionelle Botschafter des Isarwinkels am 5. April 1977 in Gaißach zu Grabe getragen wurde. (Rosi Bauer)