52 Jahre nach schwerer Verletzung: Mediziner ist immer noch international im Zehnkampf aktiv

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Internationales Feld: Das Foto zeigt mehrere Zehnkämpfer der M65-Klasse bei der Masters-WM 2022 in Tampere (Finnland). Kristian Rett (stehend, rechts) belegte damals als bester Deutscher den siebten Rang. © Privat

Als Jugendlicher bekam Kristian Rett eine ärztliche Horror-Prognose gestellt. Der spätere Mediziner ließ sich nicht entmutigen – und sportelt heute noch auf Top-Niveau.

Schongau – Wie gut, dass sich Kristian Rett nicht allzu sehr an der niederschmetternden Aussage des Orthopäden orientiert hat. Der hatte dem heute 67-Jährigen damals, im Sommer 1972, nach einer beim Weitsprung erlittenen Beckenverletzung prognostiziert: „Du kannst nie wieder weitspringen.“ 52 Jahre später ist Rett, seinerzeit Gymnasiast in Schongau, weiterhin leichtathletisch aktiv.

Kristian Rett als Zehnkämpfer bei Masters-WM

Bei der Masters-Weltmeisterschaft in Göteborg, die unlängst zu Ende ging, belegte er im Zehnkampf den achten Platz. Im Stabhochsprung ist er in der M65-Klasse deutscher Vizemeister; in der deutschen Jahresbestenliste liegt er mit übersprungenen 2,80 Metern auf Rang vier.

Gemäß seiner eigenen Erfahrung rät Rett dazu, „lebenslang sportlich aktiv zu bleiben, die nachfolgenden Generationen an den Sport heranzuführen“ sowie „mit medizinischen Prognosen zur Sport-Tauglichkeit vorsichtig zu sein“. Das sagt einer, der selbst eine medizinische Karriere als Internist, Hormon- und Diabetesspezialist gemacht hat.

Große Karriere als Mediziner

Rett hat promoviert (1983, mit magna cum laude) und habilitiert (1992). Von 1983 bis 1996 war er beim damaligen „Diabetespapst“ Prof. Hellmut Mehnert im Krankenhaus München-Schwabing ärztlich tätig, weitere Stationen führten ihn als Oberarzt an die Universitätsklinik in Tübingen und als Chefarzt nach Baden-Baden, wo er seit 2000 lebt. Nach zehn Jahren als Ärztlicher Direktor und Prokurist an der Deutschen Klinik für Diagnostik in Wiesbaden und sieben Jahren als Chefarzt in Frankfurt ist er 2016 an ein Facharztzentrum nach München zurückgekehrt, wo er bis zum Ruhestand tätig war.

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Die Leichtathletik, die er in Jugendzeiten in Schongau in der Trainingsgruppe von Wolfgang Filser betrieb, „ spielt seit circa 25 Jahren wieder eine wachsende Rolle“, berichtet Rett. Ehefrau Helga ist auch eine erfolgreiche Leichtathletin, bei der Masters-DM im Juni in Erding gewann sie in der W70 die Titel über 400 Meter (78,89 Sekunden) und 800 Meter (3:17,56) und holte über 200 Meter (34,26) Silber. Das Faible für Sport färbte auch auf die (mittlerweile erwachsenen) Kinder ab, die als Jugendliche im Sprint starke Resultate erzielten. So hält Tochter Eva laut dem Vater noch den 200-Meter-Stadionrekord in der Sportanlage an der Wilhelm-Köhler-Straße.

Sprunggewaltig: Zehnkämpfer Kristian Rett im Weitsprung der Masters-Weltmeisterschaft 2024 in Göteborg. Der 67-Jährige belegte in seiner Altersklasse den achten Rang. Das blaue Auge zog er sich eigenem bekunde nach beim Stabhochsprung-Abschlusstraining zu.
Sprunggewaltig: Zehnkämpfer Kristian Rett im Weitsprung der Masters-WM 2024 in Göteborg. Das blaue Auge zog er sich beim Stabhochsprung-Abschlusstraining zu. © Privat

Die Leichtathletik-Laufbahn von Kristian Rett stand nach der schweren Beckenverletzung auf der Kippe. Der ganze Sommer 1972 war für den Schongauer rückblickend eine hoch spannende Zeit.

Kurz vor Olympia sechs Wochen im Gips

Die Trainingsgruppe von Wolfgang Filser durfte im Juni zusammen mit Vorstand und Eltern ins Rosenaustadion nach Augsburg zum Leichtathletik-Länderkampf zwischen Deutschland, also der BRD, und der UdSSR. „Den Diskus-Weltrekord der späteren Olympiasiegerin Faina Melnik haben wir zwar verpasst, dafür aber den Hochsprung-Sieg der damals noch unbekannten Ulrike Meyfahrt, die gerade einmal ein Jahr älter war als wir selbst, miterlebt“, erinnert sich Rett.

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Die ganze Trainingsgruppe „war damals in gespannter und euphorischer Erwartung heiterer Spiele“. Die Jugendlichen verfolgten Rett zufolge „die Nachrichten und waren von dem neuartigen Design, der atemberaubenden Architektur auf dem Oberwiesenfeld und der allgemeinen Stimmung begeistert“.

Leichtathlet Kristina Rett (stehend, 3.v.l.) und Ehefrau Helga Rett (2.v.tr.) bei einem Trainingslager der LAG Obere Murg in Zweibrücken.
Generationsübergreifende Leichtathletik: Kristian Rett (stehend, 3.v.l.) und Ehefrau Helga Rett (2.v.r.) bei einem Trainingslager der LAG Obere Murg in Zweibrücken. © Privat

Der damals 15-Jährige musste dann aber einen Tiefschlag verkraften. Bedingt durch die schwere Verletzung lag er vom 7. Juli bis 23. August bis zum Rippenbogen eingegipst im Schongauer Krankenhaus. „Nach sechs Wochen Gips musste ich erst einmal das Gehen wieder lernen“, so der spätere Mediziner. Dabei hatte er einen gewissen Druck, denn Rett hatte für den 4. September Karten fürs Olympiastadion. „Zwölf Tage Vorbereitung mussten also reichen, um den Weg von der S-Bahn bis zum Olympiastadion aus eigener Kraft zu schaffen.“ Der Youngster schaffte es, der Besuch im Stadion „wurde unter anderem durch den Olympiasieg von Ulrike Meyfahrt zum unvergesslichen Erlebnis“. Ebenfalls tief ins Gedächtnis Retts eingebrannt hat sich das Attentat am darauffolgenden Tag, das „unsere Heiterkeit und Euphorie schlagartig durch Fassungslosigkeit und Trauer ersetzt hat“.

Als Student im Olympischen Dorf

In der von den Jugendlichen „Sportgruppe Filser“ genannten Trainingsmannschaft fand er in der Folge rasch wieder Anschluss an alte Leistungen, wie er berichtet. So belegte er 1974 im heimischen Stadion an der Marktoberdorfer Straße bei der oberbayerischen Zehnkampf-Meisterschaft der Jugendlichen den dritten Platz.

Die Einzelleistungen in Göteborg

Die Einzelleistungen von Kristian Rett im WM-Zehnkampf von Göteborg: 100 Meter: 16,27 Sekunden. Weitsprung: 3,88 Meter. Kugelstoßen (5 Kilo): 8,52 Meter. Hochsprung: 1,38 Meter. 400 Meter: 79,61 Sekunden. 100 Meter Hürden (83,8 Zentimeter): 23,10 Sekunden. Diskus (1 Kilo): 22,92 Meter. Stabhochsprung: 2,55 Meter. Speer (600 Gramm): 30,52 Meter. 1500 Meter: 6:59,77 Minuten.

Während des Medizinstudiums in München wohnte Rett selbst im ehemaligen Olympischen Dorf, durch die Nähe zu den Sportanlagen konnte er „wieder vermehrt und erfolgreich trainieren“. Vor allem von amerikanischen und israelischen Touristen sei er damals ständig auf Englisch nach dem „monument“ gefragt worden – gemeint war die Gedenktafel am Ort der Entführung der israelischen Athleten.

Der nahende Ruhestand „ging mit einer geringeren Arbeitsbelastung einher“, so der Mediziner. Die Zeit nutzte er zu „einem wieder intensivierten Mehrkampftraining“. Bei der Senioren-WM 2022 im finnischen Tampere landete er als bester Deutscher auf Platz sieben. Mit seiner Punktzahl (5374) war Rett, für die LAG Obere Murg am Start, sehr zufrieden, sie lag sogar höher als bei seinem Wettkampf 1974 in Schongau. Bei der Weltmeisterschaft der Leichtathletik-Masters heuer im schwedischen Göteborg kam Rett auf 4652 Punkte, hatte dabei aber mit einer Blockade des Iliosacralgelenks zu kämpfen. Im Speerwurf (30,52 Meter) gelang ihm das drittbeste Ergebnis der Konkurrenz.  

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