Fast jedes Gebäude in den historischen Ortskernen des Isartals ziert eine Lüftlmalerei. Jetzt auch ein neues Familienhaus in Farchant. Verantwortlich dafür ist ein Isartaler. Bernhard Rieger hat die Fassade mit einer besonderen Szene gestaltet. Das alte Handwerk möchte er wieder mehr in den Fokus rücken. Die Lüftlmalerei ist quasi der Urvater der aktuell boomenden Street-Art und Graffiti-Szene.
Wer an Graffiti denkt, hat oft nur angeschmierte Unterführungen, fragwürdige Sprüche an Bahnhofswänden oder voll gekleisterte Wagons im Kopf. Doch sie kann auch eine Kunstform sein. Street-Art boomt und ist an vielen Ecken zu finden. Was das ganze jetzt mit einem 300 Jahre alten, urbayerischen Handwerk zu tun hat? Wenn es nach dem Wallgauer Künstler Bernhard Rieger geht, sehr viel. „In den Städten boomt die Street-Art und Graffiti-Kunst“, sagt der 43-Jährige. Er selbst ist Teil davon. „Mit meiner Lüftlmalerei zähle ich aber zu den absoluten Exoten.“ Auch Rieger macht aus faden Hauswänden bunte Kunstwerke. So wie es im Isartal schon seit drei Jahrhunderten der Fall ist. Doch viele können oder möchten sich diese Verschönerungen nicht mehr leisten. Dabei fallen dem Wallgauer gleich mehrere Gründe ein, wieso man sein Haus mit ihnen verzieren sollte.
Sein neuestes Projekt ist ein großes, prächtiges Bild in Farchant. Unweit der Dorfmitte hat er ein neu erbautes Anwesen mit typisch ländlicher Architektur umfangreich gestaltet. Und es so zu einem Blickfang gemacht. Die Lüftlmalerei zeigt die drei Generationen der Hausbesitzerfamilie bei der Wiesmahd. Mit authentischem Gewand, Krickerl im Mundwinkel und Sense in der Hand. Dazu Stanker und ein Bub, der in die Ferne blickt. Und das mächtige Wettersteingebirge im Hintergrund der Pfarrkirche – ein Kunstwerk, das auffällt. Seine Kunden berät Rieger im Vorfeld in aller Ausführlichkeit. „Im Gespräch mit den Auftraggebern höre ich mir die Geschichten des Hauses, Ortes und der Familie an, befasse mich mit deren Historie und lasse die dann in die Gestaltung der Fassade mit einfließen.“
So auch in Farchant: Links auf dem Gemälde hat Rieger den ursprünglichen Hof der Familie aus dem 18. Jahrhundert gezeichnet. So wie er bis in die 1960er Jahre noch ausgesehen hat. Der alte Bauer mit Sense symbolisiert die erste und älteste Generation. Dann kommt die mittlere bei der früher üblichen harten Heuernte. Und der junge Bub ganz rechts steht für die Zukunft. „Für meinen Auftraggeber war der Kreislauf des Lebens, aber vor allem die Familie, im Vordergrund“, sagt Rieger. Knapp 30 Fenster hat er zudem mit Ornamenten, die an die Barockzeit angelehnt sind, verziert. Bei seinen Aufträgen hat der Künstler mehr als nur die unternehmerischen Aspekte im Blick. „Es ist ja letztendlich eine besondere Bereicherung für einen Ort und die nächsten Generationen.“
Rieger möchte mit seinem aktuellen Großprojekt die Lüftlmalerei wieder mehr in den Fokus rücken. Er und eine kleine Hand voll Isartaler Künstler haben über Jahrzehnte diese Kunstform nicht nur am Leben erhalten, sondern sie zum Aushängeschild der Region gemacht. Fast die ganze Welt hat schon von den prächtig verzierten Fassaden des Alpenraumes gehört oder sie mit eigenen Augen bestaunt. Die einst in Fresko ausgeführte Malerei des 18. Jahrhunderts beherrscht der Wallgauer aus dem Effeff. Er übernimmt dabei auch die spezielle Farbgebung aus jener Zeit.
Der kreative Kopf engagiert sich zusätzlich seit zehn Jahren ehrenamtlich als Kunst und Kulturbotschafter für das Reiseland Bayern. Er versucht, „durch die traditionelle Lüftlmalerei mit meinen zeitgenössischen Einflüssen ein Pendant zu setzen“. So möchte er dem traditionellen Handwerk Zugang zur Street-Art und Graffiti-Szene verschaffen. Riegers Anliegen ist es, die alte Technik und Kunst am Leben zu erhalten. Fernab von Kitsch und Klischee möchte er damit „auf Bewährtes zurückgreifen“. Sein Ziel: „Ich will junge Menschen für die rund 300-jährige Geschichte der Lüftlmalerei begeistern.“ Schon Johann Wolfgang von Goethe schreibt 1786 bei seiner Italienreise lobend über die „üppige Bemalung“ der Häuser. „Dieses Bilderbuch meiner Heimat darf nicht zugeklappt werden.“ Rieger möchte es mit seinen neuesten Werken weiterschreiben und in die Zukunft führen.