Menschen, die vor der eigenen Haustür durch knöcheltiefes Wasser waten. Einzelhändler, denen die braune Brühe bis zum Verkaufstresen steht. Bilder wie diese haben am ersten Juni-Wochenende besonders den Landkreis Unterallgäu heftig erschüttert. Damit sich die Ereignisse nicht wiederholen, haben die Gemeinde Dirlewang und die Stadt Mindelheim Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber eingeschaltet.
Dirlewang/München – „Der Großteil von Dirlewang ist unter Wasser. Bei uns im Erdgeschoss steht es 20 Zentimeter hoch“, berichtete eine Dirlewanger Bürgerin am Samstagvormittag, 1. Juni, im Gespräch mit unserer Zeitung. Noch am selben Tag rief Landrat Alex Eder den Katastrophenfall aus. Mehrere tausend Einsatzkräfte waren im Landkreis im Kampf gegen die Wassermassen gefordert – davon mehr als 5.000 Feuerwehrler sowie Kräfte von Rettungsdiensten, Hilfsorganisationen und Polizei. Allein in Dirlewang beklagten die Betroffenen laut der örtlichen Interessengemeinschaft Hochwasserschutz einen Schaden von rund 3,3 Millionen Euro.
Das dürfe keinesfalls mehr passieren, fordert der für den Landkreis zuständige Landtagsabgeordnete Bernhard Pohl (Freie Wähler), der kürzlich einen Austausch im Bayerischen Landtag mit Minister Glauber zur Verbesserung des Dirlewanger Hochwasserschutzes initiierte. Neben Dirlewangs Drittem Bürgermeister Anton Kuhn mit dabei war auch Mindelheims Kämmerer Michael Schindler – die Unterallgäuer Kreisstadt war zwar gerade so davongekommen, hätte jedoch bei nur geringfügig höherem Wasserstand auch Schaden nehmen können.
Angst vor dem Winter in Dirlewang
Besonders Kuhn machte deutlich, dass die Sorgenfalten in seiner Gemeinde groß seien. Viele Bürger befürchten, schon im Winter erneut von Überschwemmungen betroffen zu sein. Kuhn forderte, dass nun gehandelt werden müsse, um für mehr Sicherheit zu sorgen. „Nachdem Extremwetterereignisse zukünftig häufiger und vermutlich stärker auftreten, muss hier Vorsorge getroffen werden“, bekräftigt auch Pohl.
Umweltminister Thorsten Glauber verwies darauf, dass Dirlewang seit 17 Jahren über einen leistungsfähigen Hochwasserschutz verfüge. Tatsächlich hatte das 2007 in Betrieb genommene Hochwasserrückhaltebecken Anfang Juni funktioniert, doch laut Wasserwirtschaftsamt sei an diesem Tag viel zu viel Wasser in kurzer Zeit gekommen und so sei das Beckenvolumen schlichtweg nicht mehr ausreichend gewesen. Dennoch machte Glauber im Gespräch klar: Viele Gegenden in Bayern mit einem nur zehn- oder zwanzigjährigen Hochwasserschutz stünden in der Prioritätenliste von Schutzmaßnahmen vor Dirlewang.
Weil sich die Beteiligten aber einig waren, dass die Aufnahme eines Hochwasserschutzprojekts für Dirlewang in eine jahrelange Warteliste nicht zielführend sei, habe Minister Glauber einen eigenen Lösungsvorschlag entwickelt, den er mit den Regierungsfraktionen von Freien Wählern und CSU umsetzen möchte, berichtet Bernhard Pohl – der diese Idee für „geradezu maßgeschneidert“ hält: „Die betroffenen Städte und Gemeinden übernehmen die Vorfinanzierung und kommen zunächst für die Kosten auf. Der Freistaat garantiert die Übernahme der Kosten, allerdings erst zu einem Zeitpunkt, zu dem bei Abarbeitung der Maßnahmenliste nach Dringlichkeit Dirlewang an die Reihe gekommen wäre“, erklärt Pohl.
Das könne zwar noch 20 Jahre dauern, doch so bekämen Dirlewang und Anliegergemeinden für ihren Hochwasserschutz bereits jetzt eine rechtsverbindliche Finanzierungszusage. „Die Kommunen müssen zwar für die Zwischenfinanzierung aufkommen, erhalten aber bereits jetzt ein Schutzniveau, das über dem anderer Gemeinden liegt“, erläutert Pohl.
„Positive Signale“
Dieses Modell müsse von Fraktionen und Staatsregierung erst gebilligt werden, laut Pohl gebe es aber bereits „positive Signale“. Allerdings seien laut des FW-Abgeordneten aus Kaufbeuren noch Vorarbeiten nötig: Das Wasserwirtschaftsamt Kempten werde zunächst analysieren, welche Schwachpunkte der Hochwasserschutz in Dirlewang aufweist und erst daraus ergebe sich dann, wo nachgesteuert werden muss.