Julian Brandt hätte es verdient gehabt, als BVB-Matchwinner gegen die TSG Hoffenheim gefeiert zu werden. Sein Tor feierte er auf vielsagende Weise.
Sinsheim – Dass Julian Brandt beim geradezu aberwitzigen Finish der Bundesliga-Partie zwischen der TSG Hoffenheim und Borussia Dortmund am Samstag nicht mehr auf dem Platz stand, passt gewissermaßen ins Bild.
Durch den Ausgleichstreffer von Pavel Kadeřábek, den Lucky Punch von Waldemar Anton und die Diskussionen, die diese Situation begleiteten – Oliver Baumann war zum Zeitpunkt des Tors infolge eines Zusammenpralls mit Carney Chukwuemeka am Kopf verletzt – spielten sich denkwürdige Momente ab auf dem Rasen in Sinsheim.
Alles, was vor der 90. Minute passiert ist, rückt so automatisch etwas in den Hintergrund. Hätte der BVB seine 2:1-Führung souverän über die Runden gebracht, wäre die große Story des Spiels gewesen, dass Brandt mit seiner besten Leistung seit Monaten für drei ganz wichtige Punkte gesorgt und eine kleine Wiederauferstehung gefeiert hätte.
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BVB-Sportdirektor Kehl lobt „Top-Top-Spieler“ Brandt
Der Mittelfeldmann, dessen Foto derzeit bei einer Google-Suche nach der Formulierung „viel gescholten“ auftauchen müsste, initiierte das 1:0 des BVB mit einem Traumpass auf Daniel Svensson, schickte Jamie Gittens nach tollem Dribbling auf die Reise, die in einem schwachen Strafstoß von Torjäger Serhou Guirassy endete. Und sorgte mit einem herausragenden Treffer für das 2:1.
Eine Flanke von Svensson nahm Brandt aus recht spitzem Winkel direkt, aber mit Bedacht: Er versuchte nicht, die Kugel mit Gewalt unter die Latte zu jagen, sondern schob den Ball umsichtig ins linke Eck. „Er ist ein Top-Top-Spieler und es gibt wenige in unserem Kader, die so ein Ding am Ende auch verwandeln, die so eine Flanke direkt nehmen können“, schwärmte nach dem Spiel Sportdirektor Sebastian Kehl beim TV-Sender Sky.
BVB-Star Brandt jubelt mit vielsagender Gestik
Brandt ließ indes sein Tor für sich sprechen, kommentierte aber doch auch mit seinem Jubel seine seit Monaten schwierige Situation. Die TV-Kameras fingen es nur teilweise ein: Brandt führte beide Hände auf Höhe seiner Ohren, machte mit den Fingern eine Bla-Bla-Bla-Geste.
„Er hat viel auf die Mütze bekommen. Allein mit seiner Jubelaktion hat er der Welt zeigen wollen, was er davon hält“, schmunzelte Kehl beim Bezahlsender. In der Tat: Brandt musste in dieser Saison immer wieder als Sündenbock herhalten, als Symbol für alles, was beim BVB falsch gelaufen ist.
Dass es unter Niko Kovač inzwischen erheblich besser läuft, ist indes für die Wenigsten auf Brandt zurückzuführen, der kein uneingeschränkter Stammspieler mehr ist.
Brandt ist für manche im BVB-Umfeld zu einer Reizfigur geworden
Besonders in den letzten Tagen war Brandt von Teilen der BVB-Fans, wenn die denn noch diese Bezeichnung verdienen, regelrecht Hass entgegengebracht worden. In den sozialen Medien häufen sich die nicht mehr zitierfähigen Posts, die sich am Mittelfeldmann abarbeiten. „Erbärmlich“ nannten die Ruhr Nachrichten den Umgang dieser vor allem im Internet aktiven Personengruppe zuletzt in einem bemerkenswerten Kommentar.
Wohlgemerkt: Eine kritische Auseinandersetzung mit den Leistungen von Brandt ist jederzeit erlaubt. Sie bieten Anlass für klare Worte, die freilich stets oberhalb der Gürtellinie bleiben müssen. Immerhin geht es um den dienstältesten BVB-Profi, der dem Klub seit bald sechs Jahren die Treue hält.
„100 Prozent BVB“, aber wie lange noch?
Nach wie vor scheint durchaus realistisch, dass sich die Parteien am Saisonende zusammensetzen und zur Erkenntnis gelangen, dass ein Tapetenwechsel das Beste wäre.
„Er hat noch Vertrag. Wir sind froh, dass er so wichtig für uns ist. Das wird er auch in den nächsten Wochen sein. Und dann werden wir uns natürlich mit ihm – wie mit allen anderen Themen – beschäftigen“, hielt sich Kehl am Samstag in Sinsheim zunächst bedeckt.
Ein Satz ließ dann aber doch nochmal aufhorchen: „Ich weiß, dass er 100 Prozent BVB ist und solche Leute brauchen wir.“