Erster Schritt Richtung Seewärme in Tutzing - aber noch viele offene Fragen

  • Tobias Gmach
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Die Gemeinde Tutzing würde gerne Wärme aus dem Starnberger See gewinnen und damit ein Energienetz im Ort speisen. Die Heizzentrale könnte unterirdisch am Kloster entstehen. Noch aber sind viele Fragen zu klären. Eine technologieoffene Machbarkeitsstudie soll nun Klarheit bringen.

Tutzing – Das ist ungewöhnlich: Mehr als 20 Besucher, darunter die ehemalige Bürgermeisterin Marlene Greinwald, erschienen am Dienstagabend zur Sondersitzung des Tutzinger Gemeinderats. Das Interesse am Thema Seewärme ist groß – daran, wie aus Wasser aus dem Starnberger See Heizenergie für den ganzen Ortskern gewonnen werden könnte. Etwas irritierend wirkte aber eines: Die Zuhörer durften zwar einem informativen Vortrag von Dr. Marco Lorenz von der Bürgerinitiative „Tutzing klimaneutral 2035“ lauschen. Der angesichts der Sachlage durchaus realistische Beschluss, eine Machbarkeitsstudie für ein Wärmenetz in Auftrag zu geben, fiel dann allerdings hinter verschlossenen Türen. Das teilte Bürgermeister Ludwig Horn als Reaktion auf Anfragen der Presse noch am Dienstagabend per E-Mail mit. Der Grund für den nichtöffentlichen Teil sei eine komplexe Abwägung zum künftigen Heizkonzept der Mittelschule, die saniert wird, gewesen. Dieses hängt, wie unschwer zu erraten ist, auch von den Planungen des Wärmenetzes ab.

Das Projekt Seethermie hatte die Gemeinde Ende 2023 auf Eis gelegt, weil Fördergelder wegen des zusammengebrochenen Bundeshaushalts plötzlich nicht mehr zur Verfügung standen. Seit Ende Januar ist der angepeilte Topf namens „Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW)“ aber wieder zugriffbereit. Der Gemeinderat votierte im nichtöffentlichen Teil laut Horn einstimmig dafür, einen Antrag für das BEW-Programm zu stellen und bei einem positiven Bescheid eine davon zur Hälfte geförderte Machbarkeitsstudie in Auftrag zu geben. 25 000 Euro würde sie die Gemeinde etwa kosten. Ein Angebot eines Büros liegt der Kommune bereits seit November vor.

Machbarkeitsstudie Voraussetzung für alle weiteren Schritte

Die Studie sei die „Voraussetzung für das gesamte weitere Vorgehen hinsichtlich künftiger Wärmenetze und technologieoffen in Bezug auf die zu nutzende Wärmequelle“, erklärt Horn. Geklärt werde dabei etwa, wie viele Haushalte sich dem Netz anschließen und wie die Leitungen verlaufen würden. Die „Technologieoffenheit“ betont Horn, weil sie eine Bedingung für die staatliche Förderung ist. Im Gemeinderat wurde aber klar: Die Seewärme hat Anklang gefunden, kritische Nachfragen blieben bis auf wenige Ausnahmen aus.

Das Gremium beschloss später außerdem, dass die kommunale Wärmeplanung (verpflichtend bis 2028) „zunächst nicht die erste Priorität besitzt“. Hintergrund: „Wir sehen, dass im Ortskern etwas gehen würde“, sagte Bürgermeister Horn dem Starnberger Merkur. „Hier können wir konkret was für den Klimaschutz tun.“ Deshalb nehme die Gemeinde lieber erst dieses Wärmenetz in Angriff, bevor sie Zeit und Energie in die weitaus oberflächigere und das ganze Gemeindegebiet betreffende Wärmeplanung stecke. „Das sind zwei paar Schuhe“, stellte Horn auf Nachfrage klar.

Die Umsetzung des Wärmenetzes bis 2030 sei durchaus realistisch, sagte Marco Lorenz von „Tutzing klimaneutral 2035“. Und einen potenziellen Standort für eine Heizzentrale, von der aus die Wärme in die Haushalte transportiert wird, gibt es auch schon: das Kloster. Die Missions-Benediktinerinnen hätten „großes Interesse und klare Bereitschaft“ signalisiert. „Wir dachten an eine unterirdische Lösung“, sagte Lorenz. Als Alternative und gemeindeeigene Fläche nannte er den Kustermannpark. Lorenz rechnete mit 258 Anschlussobjekten und kalkulierte die Gesamtkosten inklusive Energiezentrale und Verteilnetz auf 8,5 Millionen Euro. Eine erste Hausnummer, mehr nicht.

Seewärme mit Bürgerbeteiligung: „Charmanteste Lösung“

Die Seewärme mit möglicher Bürgerbeteiligung anzugehen, nannte Lorenz „die charmanteste Lösung“. Beim Wasserwirtschaftsamt Weilheim holten Bürgerinitiative und Gemeinde allgemeine Empfehlungen ein. Eine: den Weg gemeinsam mit anderen Anrainergemeinden beschreiten. Bürgermeister Horn berichtete, er sei schon von Kollegen am Starnberger See interessiert angesprochen worden. Ein Austausch zum Thema sei vereinbart.

Im Nachbarland Schweiz ist die Nutzung der Seethermie längst etabliert, Überlegungen in Bayern gibt es am Bodensee, Chiemsee und Tegernsee. Und auch die Gemeinde Herrsching am Ammersee trägt sich mit dem Gedanken. Ein Grundproblem: Mangels anderen Projekten fehlen in Bayern noch die rechtlichen Vorgaben. Horn habe deshalb im April einen Termin im Wirtschaftsministerium. Klar ist: Das Ökosystem des Sees darf nicht beeinträchtigt werden. Wo wie viel Wasser entnommen und wo es wieder zurückgeleitet wird, könnte zu Diskussionen führen. „Die Dreikantmuschel kann man sich schon mal merken“, sagte Horn im Gemeinderat. „Von der werden wir noch öfter hören.“