Schöffen sollen die Rechtsprechung am Amtsgericht mit Lebenserfahrung und gesundem Menschenverstand ergänzen. In Ebersberg war nun Kennenlern-Termin.
Ebersberg – Roswitha Eck wird nie den Fall mit dem Mops vergessen. Ein Ehepaar aus dem Landkreis sorgte mit seinem Scheidungskrieg um den heiß geliebten Hund so für Aufruhr, dass daraus ein Strafprozess vor dem Schöffengericht wurde, wechselseitige Beleidigungen und Körperverletzungen inklusive. Und Eck, eigentlich gelernte Bankerin, mittendrin – als Laienrichterin.
Die Kirchseeonerin blickt auf zehn ungewöhnliche Jahre in einem ungewöhnlichen Ehrenamt zurück. Schöffen unterstützen den Amtsrichter in Prozessen, bei denen verhältnismäßig hohe Strafen zu erwarten sind; am Amtsgericht sind das bis zu vier Jahre Haft. „Im Namen des Volkes“ heißt es schließlich bei der Urteilsverkündung – die Schöffen sollen als juristische Laien dieses Volk vertreten, die Paragraphenreiterei mit Lebenserfahrung und gesundem Menschenverstand ergänzen.
Schöffen sind nicht nur Beiwerk - sie entscheiden das Urteil mit
Am Mittwoch begrüßte Frank Gellhaus, stellvertretender Direktor am Amtsgericht Ebersberg, rund zwei Dutzend Frauen und Männer aus den verschiedenen Landkreis-Gemeinden, die sich erfolgreich für das mittlerweile begehrte Ehrenamt (wieder-) beworben haben. Gellhaus sitzt auch dem Schöffengericht vor, an dem er mit zwei Laienrichtern urteilt, und begrüßte dementsprechend die neu und wiedergewählten Schöffen mit einem „liebe Kolleginnen und Kollegen“.
Denn die Ehrenamtlichen sind kein Beiwerk auf der Richterbank, sondern mischen bei der Urteilsfindung kräftig mit, erzählt der Grafinger Hans Hörner. Der Gartenbauer war ebenfalls zehn Jahre Laienrichter – und erinnert sich an Fälle, bei denen die beiden Ehrenamtlichen den Amtsrichter überstimmt haben. Etwa wenn sie der Meinung waren, dass einen Auto-Rambo der Führerscheinentzug mehr trifft als eine Geldstrafe. „Man muss schauen, was ihnen wichtig ist“, sagt auch Roswitha Eck über die Suche nach einer wirksamen Strafe.
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Tipp vom langjährigen Schöffenrichter: Wie Justitia die Augen schließen
Für Hans Hörner entscheidend: vorurteilsfrei an die Sache herangehen. Er habe gelegentlich die Augen geschlossen, um sich beim Zuhören ein neutrales Bild machen zu können. „Justitia ist auch blind, und das nicht umsonst“, sagt er über die römische Göttin der Gerechtigkeit mit Augenbinde, Schwert und Waage.
Die Laienrichter sind zur Verschwiegenheit verpflichtet, denn sie sind hautnah dabei, wenn Existenzen auf dem Spiel stehen. Manche scheitern auf der Anklagebank endgültig oder wieder und wieder, bei anderen ist der Gang vor den Kadi der Anlass zur Umkehr.
Vor den Schöffenrichtern landen häufig Wiederholungstäter. Auch der Ebersberger Stefan Riedmaier beendet nun sein Ehrenamt. Nach zehn Jahren, in denen er zumeist über jugendliche Drogendelinquenten richten musste, sagt er: „Die heile Welt gibt es nicht mehr, auch nicht bei uns auf dem Land.“ Die Fälle scheiternder jugendlicher Existenzen gehen dem Familienvater besonders nahe, haben ihm aber auch vor Augen geführt, wie relevant das Richter-Ehrenamt ist. Riedmaier sagt: „Es war eine ganz wichtige Erfahrung.“
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