Die Kanaren, Barcelona und Mallorca sind mit ihren Kreuzfahrthäfen wichtige Drehscheiben für die Reedereien. Wie wirkt sich die Situation der Proteste gegen Massentourismus auf Kreuzfahrtgäste aus, die diese Destinationen besuchen?
Die Proteste auf den Balearen und in Barcelona haben ihren Ursprung vor allem in der Wohnungsknappheit, die durch den unkontrollierten Tourismus und die Vermietung von Ferienwohnungen an Urlauber verschärft wird.
Kreuzfahrttouristen stehen hier nicht im Fokus, da sie auf ihren schwimmenden Hotels übernachten und somit niemandem Wohnraum wegnehmen.
AIDA-Pressesprecherin Kathrin Heitmann betont: „Obwohl Kreuzfahrten eine sehr sichtbare Form des Tourismus sind, machen sie nur einen sehr geringen Anteil an der Gesamtzahl der Reisenden aus. In Barcelona zum Beispiel machen alle Kreuzfahrtpassagiere zusammen an einem Tag nur 4,1 Prozent der Besucher aus“.
Kreuzfahrten sind nicht die Ursache der Probleme
Die Kreuzfahrtbranche sieht sich eindeutig nicht als Auslöser des Problems. Ganz im Gegenteil. Ein Sprecher stellt fest: „Kreuzfahrtreedereien arbeiten traditionell eng mit den Destinationen zusammen, um planbare und kontrollierte Gästebewegungen zu gewährleisten und den wirtschaftlichen Nutzen des Kreuzfahrtgeschäfts für die Destinationen zu steigern. Gemeinsam mit Häfen, Städten und Gemeinden werden immer wieder neue Wege gesucht, um das Leben vor Ort und den kontrollierten Tourismus gemeinsam zu organisieren“.
Mit unorganisierten Reiseformen sei eine solche Steuerung nicht möglich, ergänzt die AIDA-Pressestelle. Aus Sicht der Reederei liegt die Verantwortung für eine maßvolle Besucherzahl bei den Städten, die letztlich entscheiden müssen, wie viele Touristen sie vertragen.
Proteste sind vielfältig
Dennoch richten sich die Proteste auch gegen die Kreuzfahrt, gegen die vermeintlichen Menschenmassen, die die Städte überfluten. Ohnehin ist der Forderungskatalog der Demonstranten wenig homogen, und man hat den Eindruck, dass sich neben den berechtigten Protesten wegen des Mangels an bezahlbarem Wohnraum auch andere Bewegungen als Trittbrettfahrer einreihen.
Zur nächsten Großdemonstration in Palma de Mallorca werden mehr als 80 Organisationen und soziale Bewegungen erwartet, die sich der Protestplattform „Menos Turismo, Más Vida“ (Weniger Tourismus, mehr Leben) angeschlossen haben.
In jedem Fall haben die Proteste durch ihre Häufigkeit und die beeindruckende Zahl der Demonstranten das Potenzial, Urlauber zu verunsichern.
Spaniens Tourismusbranche reagiert
Octavio González Manteca, Direktor des Spanischen Fremdenverkehrsamtes in Frankfurt am Main, betont, dass die Demonstrationen zwar Aufmerksamkeit erregen, aber keine generelle Beeinträchtigung des Urlaubs in Spanien bedeuten.
„Spanien ist nach wie vor ein sicheres, gastfreundliches und gut vorbereitetes Land für Reisende aus aller Welt“, erklärt er. Die Proteste spiegelten lokale Sorgen wider und seien auf bestimmte Orte beschränkt.
Für Kreuzfahrtpassagiere gibt es spezielle Verhaltenshinweise, um sich respektvoll zu verhalten
Um den negativen Auswirkungen des Massentourismus entgegenzuwirken, hat Spanien eine Reihe von Maßnahmen ergriffen. Dazu gehört die Einführung eines zentralen Registers für Ferienwohnungen, um illegale Vermietungen zu bekämpfen und die einheimische Bevölkerung zu schützen. Diese Maßnahme soll bis Ende 2025 vollständig umgesetzt sein und zu einer nachhaltigen Tourismusentwicklung beitragen.
Für Kreuzfahrtpassagiere und andere Touristen gibt es spezielle Verhaltenshinweise, um sich respektvoll und rücksichtsvoll gegenüber den Einheimischen und der Umwelt zu verhalten. Dazu gehören die ordnungsgemäße Entsorgung von Abfällen, der sparsame Umgang mit Wasser und Energie sowie die Unterstützung lokaler Produzenten und Handwerker.
Langfristigen Strategien zielen auf ein nachhaltiges und harmonisches Zusammenleben von Einheimischen und Touristen ab. Durch die Entzerrung der saisonalen Auslastung, den Schutz des Natur- und Kulturerbes und die Schaffung von Anreizen für einen nachhaltigen Tourismus soll Qualitätstourismus gefördert werden.
Von Tobias Lange-Rüb