Krisenintervention in Garmisch-Partenkirchen, wenn das Unerträgliche geschieht

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Die Stillen, ehrenamtlichen Helfer im Hintergrund: Mitglieder des Kriseninterventionsteam im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. © Privat

„Warum gerade er?“, fragte die Mutter völlig verzweifelt ins Leere… Mitarbeiterin Sabine D. hält ihre Hand. Sie weiß, dass sie auf solche Fragen keine Antwort geben kann, keine Antwort geben muss. Sabine hat soeben gemeinsam mit der Polizei die Nachricht überbracht, dass der Sohn mit seinem Motorrad schwer verunglückt ist und die Ärzte um sein Leben kämpfen.

Garmisch-Partenkirchen - Sie bietet der weinenden Mutter ihre Hilfe an, indem sie lange schweigend bei ihr sitzen bleibt. Erst viel später kommen sie dazu, die vielen Fragen nach dem Unfallhergang und den nächsten Schritten, die zu tun sind, zu beantworten. Diese Szene ist nur ein Beispiel für die zahlreichen Einsätze, die der Kriseninterventionsdienst (KID) Garmisch-Partenkirchen jedes Jahr übernimmt – leise, aber lebenswichtig.

Was ist Krisenintervention?

Krisenintervention bedeutet, Menschen in seelischen Ausnahmesituationen beizustehen – direkt nach einem Schicksalsschlag, unmittelbar nach einem Unglück oder während der ersten Stunden eines tiefgreifenden Verlusts. Ziel ist es, die Betroffenen emotional zu stabilisieren, sie zu begleiten und ihnen Orientierung zu geben, bis das eigene soziale Netz – Familie, Freunde, Seelsorger oder Therapeuten – wieder greift. Ob plötzlicher Kindstod, tödlicher Verkehrsunfall, Suizid oder eine gewaltsame Nachrichtübermittlung – der Kriseninterventionsdienst tritt immer dann auf den Plan, wenn Worte fehlen, der Boden unter den Füßen wegbricht und nichts mehr ist, wie es vorher war. Dabei sind es nicht nur Angehörige, die betreut werden. Auch Augenzeugen, Ersthelfer oder Einsatzkräfte können nach belastenden Ereignissen Unterstützung benötigen.

Geschichte und Entwicklung

Am 9. März 1994 wurde auf Initiative des damaligen Münchner Diakons und Rettungsassistenten Andreas Müller-Cyran das Kriseninterventionsteam des Arbeiter-Samariter-Bundes München gegründet. Auslöser für die Gründung des ersten KITs weltweit war ein schwerer Verkehrsunfall in München, bei dem ein Kind tödlich verunglückte und die Eltern nahezu ohne jegliche Art von Betreuung an der Einsatzstelle zurückbleiben mussten.

Für solch eine Situation sah die damalige Rettungsmedizin keine Lösung vor. Als der evangelische Pfarrer Stefan Blumtritt, selbst ehrenamtlicher „Rettungsdienstler“, seine damalige Pfarrstelle im bayerischen Oberland antrat, erkannte er schnell die Notwendigkeit eines Kriseninterventionsdienstes für den Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Im Dezember 1999 wurde der Verein „Arbeitskreis Kriseninterventionsdienst Garmisch-Partenkirchen e.V.“ gegründet. Nach intensiver Schulung der ersten Mitglieder konnte der Verein im März 2000 seine Arbeit aufnehmen. Aktuell besteht der KID Garmisch-Partenkirchen aus 16 aktiven Mitgliedern

Zuhören. Aushalten. Dasein.

Die Arbeit der Krisenintervention ist kein schneller Dienst. Es geht nicht darum, Lösungen zu liefern oder den Schmerz zu nehmen. Vielmehr geht es darum, präsent zu sein, zuzuhören, auszuhalten – und den Betroffenen durch die ersten Stunden des Schocks zu helfen. In dieser Zeit können Fragen geklärt werden: Wer soll informiert werden? Was passiert als Nächstes? Welche Hilfe kann organisiert werden?

Dabei geht es auch um Prävention: Durch die frühe psychische Stabilisierung kann die Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung verringert oder verhindert werden – ein psychisches Krankheitsbild, das sich nach einschneidenden Erlebnissen entwickeln kann und Symptome wie Angstzustände, Schlafstörungen oder Schuldgefühle nach sich zieht.

Austausch auf Augenhöhe

Um für diese sensiblen Aufgaben fachlich wie menschlich gut gerüstet zu sein, setzt das Team auch auf regelmäßige Fortbildung. So besuchte das Kriseninterventionsteam Garmisch-Partenkirchen (KID GaPa) zuletzt das Sternenhaus München der Nicolaidis YoungWings Stiftung, um sich über deren spezialisierte Angebote zur Trauerbegleitung junger Menschen zu informieren.

Die Nicolaidis YoungWings Stiftung begleitet seit über 25 Jahren junge Trauernde bis zum 49. Lebensjahr, die ein Elternteil oder ihren Lebenspartner verloren haben. Die Stiftung bietet individuelle Beratung, Gruppenangebote und digitale Unterstützung – das Sternenhaus dient dabei als zentraler Begegnungs- und Beratungsort.

„Wir setzen auf interdisziplinären Austausch, um Betroffenen in akuten Krisensituationen bestmöglich helfen zu können“, betont Anna Maria Laber, Vorsitzende des KID im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Der Blick über den Tellerrand und die Vernetzung mit anderen Fachstellen sind für das Team ebenso wichtig wie das Mitgefühl im Einsatz vor Ort.

Ein Dank im Stillen

Die Gesellschaft nimmt diese Helfer oft kaum wahr – und doch sind sie da, wenn es zählt. Der Kriseninterventionsdienst leistet einen unschätzbaren Beitrag für die seelische Gesundheit in der Region. In Momenten, in denen Worte versagen und das Leben aus der Bahn gerät, sind sie der erste Halt. Und oft auch der wichtigste.

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