Die Bergwacht Lenggries ist 365 Tage im Jahr einsatzbereit. Ehrenamtliche Retter stehen bereit, um in Notfällen schnell zu helfen. Ihre Arbeit erfordert viel Engagement.
Lenggries – Die Wandersaison im Isarwinkel läuft aktuell auf Hochtouren. Ist das Wetter gut, sind viele Menschen in den Bergen unterwegs, ob beim Wandern, Mountainbiken oder Klettern. Passiert ein Notfall, zählt meist jede Sekunde. Ob Sommer oder Winter – 365 Tage im Jahr stehen die Retter der Bergwacht Bayern parat. Unter der Woche in Rufbereitschaft und an den meist hochfrequentierten Wochenenden auf den Dienststationen. Um jede Tages- und Nachtzeit rücken sie aus, wenn andere in Not sind. Ehrenamtlich, sprich ohne Vergütung und in ihrer Freizeit. Eines der größten Dienstgebiete in ganz Deutschland ist das der Bergwacht Lenggries. „Unser Einsatzgebiet erstreckt sich über die gesamte Fläche südlich der Sunntraten, der Südseite des Längentals bis zur Benediktenwand, vom Rissbachtal bis zur Landesgrenze und alles in der Jachenau und natürlich in Lenggries“, erklärt Bereitschaftsleiter Florian Siegl.
55 aktive Bergretter in Lenggries
Die Bandbreite der Einsätze ist groß. Sie reicht von der Versorgung erschöpfter oder verletzter Bergsportler und Ausflügler, Vermisstensuchen in abgelegenen Gebieten, der medizinischen Erstversorgung von Patienten – auch im Ort mit dem First Responder – bis zur Luftrettung mit Hubschrauber oder gar der Bergung Toter. Um für jede Situation im alpinen Gelände gerüstet zu sein, erfordert das eine dreijährige und anspruchsvolle Ausbildung. „Man muss bergsporttechnisch sehr versiert sein“, sagt Siegl. Das bedeutet: „Man sollte sehr gut Skifahren und im vierten Schwierigkeitsgrad klettern können und grundlegend auf einem hohen Fitness- und Konditionsniveau sein.“ Beim Konditionstest müssen die Bergwacht-Anwärter knapp 1000 Höhenmeter in maximal 90 Minuten zurücklegen. Neben den körperlichen Anforderungen gehört auch viel Wissen und Können dazu. „Wir müssen auch Lawinengefahrensituationen beurteilen, haben Naturschutzaufgaben und natürlich eine umfangreiche medizinische Ausbildung.“ Diese werde durch einen knapp 90-stündigen Kurs absolviert. Ist die Ausbildung geschafft, müssen die Bergwachtler ihr Know-how immer wieder auf dem neuesten Stand halten und an Fortbildungen und Übungen teilnehmen.
An Wochenenden ist die Dienststelle in Lenggries meist mit zehn Ehrenamtlichen besetzt. Ab 9 Uhr finden sich die diensthabenden Retter ein. Insgesamt 55 aktive Mitglieder und 14 Anwärter zählt die Lenggrieser Mannschaft aktuell – darunter auch fünf Bergwacht-Notärzte. „Jeder hat alle fünf Wochen ein ganzes Wochenende Dienst, anders funktioniert es nicht“, sagt Siegl. Kommt ein Einsatz per Funk über die Leitstelle rein, muss es schnell gehen. Die Bergwachtfahrzeuge stehen in der Garage parat. Ist der Patient schwerer verletzt oder die Rettung komplizierter, kommt parallel ein Rettungshubschrauber und nimmt einen Bergretter am Sportplatz in Lenggries auf.
Ein Einsatzleiter muss immer erreichbar sein
Ein Einsatzleiter muss übrigens 24/7 per Piepser erreichbar sein. „Es kann ja auch immer mal nachts oder unter der Woche etwas passieren. Dann rücken wir von der Arbeit oder zu Hause aus.“ Um Einsatzleiter bei der Bergwacht zu werden, ist eine Zusatzausbildung vonnöten. „Dabei geht es vor allem um Koordinierungsstrategien von Einsätzen“, erklärt der 41-Jährige.
Aber auch an ruhigeren Wochenenden, heißt es für die Bergretter nicht Däumchendrehen. „Bei schlechtem Wetter kümmern wir uns um die Instandhaltung von Materialien, prüfen die Arztrucksäcke und Ablaufdaten der Medikamente oder checken die Fahrzeugausstattung“, erklärt Julia Wuttig. Die 36-Jährige hat nach ihrem Lehramtsstudium mit der Bergwachtausbildung begonnen. „Ich wollte ein sinnvolles Ehrenamt ausüben“, sagt sie. „Noch dazu ist mir die Liebe zu den Bergen in die Wiege gelegt. Meine ganze Familie ist bei der Bergwacht“, sagt Wuttig, die in Bayerischzell aufgewachsen ist. Verständnis und Rückhalt von zu Hause aus brauche es sowieso, wenn man bei der Bergwacht aktiv ist. „Es nimmt viel Zeit in Anspruch“, räumt Siegl ein. „Wir sind wirklich froh, um jeden Mann oder jede Frau, die wir am Berg haben.“ An hochfrequentierten Wochenenden und vor allem während der Skisaison bekommen die Lenggrieser Bergwachtler am Brauneck Unterstützung von Kollegen aus Wolfratshausen und München. „In der Spitze hatten wir schon 400 Einsätze pro Jahr“, sagt Wuttig. Heuer gab es von Mai bis Oktober circa 160 Alarmierungen für die Bergretter im Isarwinkel.
50 Einsätze mit lebensbedrohlicher Lage pro Jahr
Im Durchschnitt gibt es 50 Alarmierungen pro Jahr mit Verletzungsbildern, die lebensbedrohlich sind. 2025 kamen die Lenggrieser Bergretter zu drei Einsätzen mit tödlichem Ausgang. „Da war allgemein schon viel dabei, vom Herzinfarkt, über Abstürze oder auch Suizide. Das gehört einfach dazu.“ Solche Tage seien für alle Beteiligten belastend. „Das sind immer schwierige Situationen“, meint Siegl. „Passiert etwas derart Schlimmes, finden im Nachgang Besprechungen statt oder es kommt auch die psychosoziale Notversorgung“, erklärt Siegl, der bereits seit 25 Jahren als Bergretter aktiv ist. Auf der anderen Seite gibt es auch immer mehr vermeidbare Einsätze. „Es gibt leider nach wie vor schon einige Menschen, die sehr undurchdacht oder blauäugig in die Berge gehen“, meint Wuttig. „Beispielsweise, wenn Wanderer in die Dunkelheit ohne Stirnlampen kommen. Man kann ja nachsehen, wann es dunkel wird, und einen Puffer muss man in der Natur immer berechnen.“
Bisher drei tödliche Einsätze in 2025
Trotzdem: Das Positive überwiegt. „Mir persönlich gibt es etwas, anderen helfen zu können. Zudem haben sich gute Freundschaften entwickelt und man ist gern beieinander“, so Siegl. Es gibt aber auch Situationen, die die Ehrenamtlichen verärgern. „Manche sehen das als selbstverständlich. Wir sind schon zu Einsätzen gekommen und wurden von der Begleitperson der Patientin als erstes angefahren, dass wir zu lange gebraucht hätten oder für die Beschaffenheit der Wege verantwortlich gemacht“, berichtet er kopfschüttelnd. Es falle auf, dass das Anspruchsdenken vieler Menschen immer grenzenloser werde. Umso schöner, wenn Patienten sich später mit Dankeskarten melden. „Wir bekommen öfter Mails oder kleine Anerkennungen, wenn jemand nach einem Unfall wieder fit ist, sowas freut uns ungemein“, schließt seine Kameradin.