Gemeindebücherei Oberding: Hier bleibt kein Trend außen vor

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Zertifikat, Bücher und vieles mehr: Leiterin Jeannette Grimes in der Gemeindebücherei in Oberding. © Markus Schwarzkugler

BookTok – schon mal gehört? Das ist ein Trend auf dem Videoportal TikTok. Wie der Name verrät, wird dort in kurzen Clips Literatur gezeigt und besprochen. Zielgruppe sind junge Erwachsene. Da sage noch einer, digitale Medien seien der Untergang für das klassische Buch. Nicht immer jedenfalls. Durch online entdeckte Empfehlungen greift der eine oder andere überhaupt erst zum Printprodukt. Das weiß auch Jeannette Grimes, Leiterin der Gemeindebücherei Oberding. Und sie weiß freilich auch, warum ihr Haus nun erstmals mit einem Bücherei-Siegel in Gold ausgezeichnet worden ist.

Oberding – Ein gutes Beispiel für den BookTok-Trend ist der Roman „Beloved Villain“. Grimes hält ihn in der Hand und deutet auf das kunstvoll gestaltete Cover, den lila eingefärbten Buchschnitt. Auch die Optik kann zum Kauf – oder in der Bücherei eben zum Ausleihen – motivieren. Der Roman fällt in die noch recht junge Genrebezeichnung „Dark Romance“. Es geht um die Liebe, aber ihre dunkleren Seiten. Nix mit Rosamunde-Pilcher-Happy-End. BookTok habe für einen „Riesen-Push“, so Grimes, auf dem Buchmarkt gesorgt.

Deswegen hängt neuerdings an einem Regal in der Bücherei ein Schild mit dem Hinweis „Dark Romance“. Das Haus arbeitet mit sogenannten Lesemotiven auf den Schildern. Sie geben Orientierung bei der Bücherauswahl. Es wird etwa zwischen verschiedenen Arten von Humor unterschieden, oder auch die Thriller werden mit Hinweisen unterteilt. „Ein Stephen King ist kein Eberhofer“, meint Grimes dazu. Die 56-jährige Aufkirchenerin nennt als weiteres Beispiel die „ChickLit“, also leichte Literatur. Auf dem Schild heißt es dazu: „Diese Art von Büchern lässt sich auch einfach zur Seite legen, ohne anschließend weiter darüber nachdenken zu müssen.“ Offenbar was anderes als Dark Romance.

Immer am Puls der Zeit sein, heißt die Devise. Diesen Eindruck bekommt man auch, wenn man die moderne Bücherei an der Sankt-Georg-Straße betritt. Auch deshalb hat man sich nun das goldene Zertifikat des Fachverbands Sankt Michaelsbund verdient. Er vergibt die Auszeichnung seit 2019 bayernweit. 23 von 24 Kriterien hat die Oberdinger Bücherei erfüllt. Nur eines nicht: ein elektronisches Besucherzählgerät. „Wir hatten mal eins, aber es ist kaputt“, erzählt Grimes. Sie lobt ihre Mitstreiterinnen: „Das Goldene Siegel ist eine Teamleistung.“

Ansonsten deckt ihre Einrichtung alles Geforderte ab. Etwa knapp 300 Quadratmeter Publikumsfläche in der Bücherei und den beiden Zweigstellen in der Grund- und Mittelschule sowie der Realschule. Und mit Grimes gibt es eine hauptberufliche Leiterin mit 27 Wochenstunden. Hinzu kommen vier Mitarbeiterinnen in Teilzeit sowie neun Ehrenamtlerinnen. Weitere Kriterien etwa: ausreichend Öffnungszeiten, Online-Fernleihe und -Katalog sowie Veranstaltungen und Ausstellungen. Egal, ob Handarbeitskreise, Lesezirkel, Leseclub mit Abschlussfest, Zusammenarbeit mit der Seniorenbetreuung des Pflegesterns nebenan, Flohmärkte, Autorenlesungen, Kinonachmittage oder Bilderbuchkino, wahlweise mit Basteln. Für alle Altersgruppen ist was dabei.

„Die Bücherei ist ein Treffpunkt. Man kann dort hingehen, und es kostet nichts“, sagt Grimes. In Oberding zahlt man keinen Jahresbeitrag, man muss nur seine Daten hinterlegen. Der Gemeinde sei man sehr dankbar für die Unterstützung. Schließlich sei eine Bücherei eine Kann-Leistung – wie etwa ein Schwimmbad. Man habe eine tolle Zusammenarbeit mit den Schulen und Kindergärten.

1107 aktive Leser zählt die Bücherei heuer, davon 146 neue und interessanterweise nur 120, die eMedien ausleihen. Im Haus sind es rund 16 500 Medien, darunter 350 der beliebten Tonies, über das Portal LeoSued sind 76 000 eMedien im Angebot. Deutliche Rückgänge verzeichnet Grimes bei Hörbüchern und DVDs. Heutzutage hat man eben Streamingdienste und eine gewisse Alexa. Und Youtube-Filmchen ersetzen Sachbücher. Im Trend sind dagegen „Nintendo Switch“-Spiele. Hatte man in Oberding 2019 noch 28 im Bestand, sind es heute schon um die 1000.

„Wir sind eine moderne Bücherei“, betont Grimes und meint damit auch, dass sie zu aktuellen Themen wie Wärmepumpe oder Nahost-Konflikt Bücher bietet, und zwar aus diversen Perspektiven: „Wir sind eine öffentliche Bücherei, die Leute sollen sich ausgewogen informieren können.“ Auch über häusliche Gewalt, Alkoholmissbrauch oder Scheidung. Selbst wenn ihr klar sei, dass wohl kein Betroffener Bücher über diese Themen ausleihen würde, soll entsprechende Literatur in den Regalen das Gefühl vermitteln, dass man nicht alleine ist.

Die Gemeindebücherei besteht seit mittlerweile 16 Jahren, zuvor hatte es in Niederding eine Pfarrbücherei gegeben. Vor sechs Jahren ist man vom Bürgerhaus ins Seniorenzentrum gezogen. Grimes hat alle 16 Jahre mit ihrem Engagement begleitet. Sie hat an der LMU studiert und einen Abschluss in Deutsch als Fremdsprache, Neuere Deutsche Literatur und Pychologie. Bevor sie ihre beiden heute erwachsenen Kinder bekam, hat sie im In- und Ausland unterrichtet.

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