Etwa 27,8 Prozent der Erwachsenen sind jährlich von einer psychischen Erkrankung betroffen, das sind 17,8 Millionen Menschen. „Nur 18,9 Prozent nehmen Kontakt zu einem Behandler auf“, sagte Dr. Anna Beraldi, psychologische Leiterin der kbo-Lech-Mangfall Klinik.
Landkreis - Wichtige Bezugspersonen und Gesprächspartner für psychisch Kranke sind die Angehörigen. Über „Die Rolle von Angehörigen im Heilungsprozess psychisch kranker Menschen“ referierte jüngst die Neuropsychologin und psychologische Psychotherapeutin in einer Kooperationsveranstaltung der Volkshochschule Garmisch-Partenkirchen und der kbo-Lech-Mangfall-Klinik.
Die Hälfte aller psychisch Erkrankten lebt zuhause bei der Familie, betonte Beraldi. „Angehörige nehmen vielfach Aufgaben in der Familie wahr, die Erkrankte nicht mehr schaffen“, sagte die psychologische Psychotherapeutin. „Sie vergessen oft ihre eigenen Bedürfnisse aus lauter Sorge.“ Stelle man jedoch die eigenen Bedürfnisse zurück, könne dies zu Spannungen zwischen dem Erkrankten und dem Angehörigen führen. „Es gibt No-Gos, die man dem Erkrankten nicht sagen sollte, wie: ‚Das hast du früher doch gerne gemacht‘, ‚Das ist doch nicht zu viel verlangt‘ und ‚Morgen sieht die Welt schon anders aus‘.“ Wichtig sei es, klar zu sagen, was man möchte, auf keinen Fall solle man Druck ausüben, aber man müsse auch Grenzen setzen, welches Verhalten nicht akzeptabel sei.“
Die Belastung für die Angehörigen ist groß. „40 bis 60 Prozent entwickeln körperliche Beschwerden oder eine psychische Erkrankung“, sagte die Psychologin. „Suchen sie sich professionelle Hilfe“, rät sie. Es gibt Beratungsstellen für Angehörige psychisch Erkrankter oder auch Selbsthilfegruppen. „Angehörigengruppen brechen die Einsamkeit und die Isolation und bieten emotionale Entlastung“, betonte Beraldi. „Man steht nicht allein da.“ Viele Kliniken bieten auch Veranstaltungen an zu den Ursachen, Symptomen und Behandlungsmethoden von psychischen Erkrankungen.
Hilfe für Betroffene:
Die Angehörigengruppe des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Diakonie Herzogsägmühle und der kbo-Lech-Mangfall-Klinik Garmisch-Partenkirchen trifft sich jeden letzten Dienstag im Monat (außer in den Ferien) von 18 bis 20 Uhr. Wichtig: eine Anmeldung ist erforderlich unter der Telefonnummer: 08821 - 765 14.
Ein Aspekt, wie Angehörige bei der Behandlung unterstützen können, wäre es, mit dem Arzt oder Psychotherapeuten „zusammenzuarbeiten“, erläuterte Beraldi. Voraussetzung ist, dass der Erkrankte zustimmt. „Der Angehörige könnte mit Informationen über den Kranken dem Behandler wichtige Hinweise geben.“ Man müsse aber auch akzeptieren, dass der Erkrankte die Einbeziehung des Angehörigen ablehne, weil er nicht vor dem Angehörigen über seine Gefühle sprechen wolle.
„Die Rolle der Angehörigen bei der Behandlung psychischer Erkrankungen gewinnt an Relevanz“, sagte sie. „Hilfreich ist es, realistische Erwartungen an sich selbst zu haben, sich zu vernetzen und mit anderen Betroffenen auszutauschen“, so Beraldi. Man solle nicht sagen, „es soll wieder wie früher werden, sondern es wird anders.“
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