Weilheim – Der Tod hat viele Namen: Im Märchen ist er der Gevatter Tod, im Film heißt er Schlafes Bruder oder Joe Black, auf Bayerisch nennt man ihn wenig respektvoll Boandlkramer. In welcher Gestalt er sich auch immer zeigt, Renate Ahammer kennt alle: Als Inhaberin eines Weilheimer Bestattungsunternehmens steht sie trauernden Hinterbliebenen zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Seite.
Ahammers Büro gegenüber der Apostelkirche ist Anlaufstelle für alle, die einen Angehörigen verloren haben und sich jetzt um tausend Dinge kümmern müssen: die Beisetzung und Nachlassregelung, Rechnungen und Versicherungen, Dokumente, Kündigungen und vieles mehr. „Mit all dem sind die meisten Leute überfordert, wenn sie gerade um einen geliebten Menschen trauern“, weiß die Bestatterin.
Die gebürtige Düsseldorferin hatte zunächst Jura studiert. Nach dem frühen Tod ihres Vaters entschloss sie sich aber, anderen Menschen in einer solchen Ausnahmesituation zur Seite zu stehen. So war sie jahrelang bei einem Bestattungskonzern tätig, ehe sie sich vor acht Jahren in Weilheim selbstständig machte. „Für mich ist das nach wie vor ein echter Traumberuf“, sagt sie, „denn Leben und Tod gehören zusammen und sollten möglichst schön gestaltet werden.“
Tod schön gestalten
Im Büro sind in einem Wandregal Urnen in unterschiedlichen Ausstattungen und Preisklassen aufgereiht. Von einem Gang gehen mehrere Türen ab, in ein Lager mit aufgestapelten Kerzen und Kreuzen, in ein Zimmer mit Technik zur Herstellung von Sterbebildern und Drucksachen, und in einem weiteren Raum stehen Särge aus verschiedenen Hölzern für Kinder und Erwachsene.
Doch die Atmosphäre wirkt nicht beklemmend, als die Bestatterin in nüchternem Ton von ihrem täglichen Geschäft erzählt. Je nach Lebensalter und -situation kann der Tod ein verhasster Feind oder der willkommene Erlöser von Krankheit und Siechtum sein. Helden- oder Verzweiflungstat, Schicksal, Vollendung – kaum ein anderes Motiv wurde literarisch so oft variiert, emotional aufgeladen und stilisiert wie der Tod. In ihrem Roman „Alle Menschen sind sterblich“ macht Simone de Beauvoir deutlich, dass ein ewiges Leben keinesfalls erstrebenswert wäre. Für Renate Ahammer hat das Lebensende nichts Schreckliches – nicht nur, weil es für sie Alltag ist, sondern auch, weil sie sich als gläubig bezeichnet. Hinter dem Horizont, wie ein Film mit Robin Williams heißt, soll es nach christlicher Auffassung schließlich weitergehen.
Statt der traditionellen Trauerfeier, wie sie in unserer Kultur üblich ist, kann sich Ahammer auch eine Lebensfeier in schöner Atmosphäre vorstellen, vielleicht sogar mit bunten Luftballons und Musik. „Das hängt ganz davon ab, was die Angehörigen wollen.“ Zwar regelt die Friedhofssatzung der Stadt Weilheim auf 20 Seiten jedes kleinste Detail, aber Abschied nehmen darf man doch individuell. „Einmal wurde am Grab das Lied ,Highway to Hell’ von AC/DC gespielt“, erinnert sie sich schmunzelnd, „das hat dem Pfarrer nicht ganz so gut gefallen.“
Schon die Begriffe „begraben“ und „beerdigen“ zeigen, wo die meisten Menschen ihre letzte Ruhestätte finden. „Es gibt aber auch Feuer-, Luft- und Seebestattungen“, sagt Ahammer, „in der Schweiz sind sogar Almwiesen- oder Bergbach-Bestattungen möglich.“ In Bayern gibt es dazu klare Vorschriften: Das Verstreuen der Asche, zum Beispiel im Garten, ist verboten. Eine Erdbestattung kann frühestens nach 48 Stunden erfolgen, spätestens nach 96 Stunden muss der Verstorbene bestattet werden, wobei es genehmigungspflichtige Ausnahmen geben kann. Ahammer: „In Weilheim zeichnet sich – wie andernorts auch – ein deutlicher Trend von der konventionellen Erd- hin zur Feuerbestattung ab.“ Viele Leute können oder wollen sich nicht um die regelmäßige Grabpflege kümmern, auch weil Generationen heute nicht mehr wie früher am gleichen Ort leben.
Als Diamant dabei
Die Körperspende an ein (anatomisches) Institut ist eine Möglichkeit, die sterblichen Überreste zur wertvollen Hilfe für die Allgemeinheit werden zu lassen: Der Körper des Verstorbenen findet Verwendung zu Lehr- oder Forschungszwecken und wird später eingeäschert. Aus der Asche kann man sogar in einem aufwändigen Verfahren einen Diamanten entstehen lassen und bei sich tragen. Oder aus der Urne werden ein paar Gramm der Asche entnommen und in einer „Sammelurne“ mit einer Rakete in den Weltraum befördert. Angesichts der vielfältigen Möglichkeiten und Vorschriften sind die meisten Angehörigen froh, wenn ihnen professionelle Bestatter einen Rundum-Service bieten: von A wie Abtransport des Verstorbenen bis Z wie Zeitungsanzeige. „Wir kümmern uns um Formalitäten, Termine, Dekoration und viele andere Details“, sagt Ahammer, „wir vermitteln freireligiöse Trauerredner und überführen auf alle gewünschten Friedhöfe im In- und Ausland.“
Zumindest im Bayerischen ist das Lebensende nichts, wovor man sich fürchten müsste. In der Geschichte vom Tegernseer Jagdgehilfen Brandner Kaspar, einer literarischen Figur aus einer Mundart-Erzählung Franz von Kobells, wird der Boandlkramer beim Kartenspielen ausgetrickst. Mehrmals wurde dieses Stück für das Theater adaptiert und verfilmt. Die Fortsetzung „Der Brandner Kaspar kehrt zurück“ war bis vor wenigen Tagen in München zu sehen.